| #140 ddddddddd01.10.2005 - 21:11 |
| http://www.idlefellows.com/speculativecatholic/ |
| #139 eeeeeee04.09.2005 - 10:09 |
| http://www.notenservice.com/Individuelle_Musiknoten/Notenlesen-Lernen-Kurs/notenlesen-lernen-kurs.html |
| #138 rrrrr26.08.2005 - 19:14 |
| Freitag, 19. August 2005 um 14:45 VPS : 14.45 Wiederholungen : 21.08.2005 um 13:30 ARTE Europa Magazin, Deutschland 2005, ZDF, Erstausstrahlung Die heutige Sendung ist dem Thema "Moderne Missionare" gewidmet. "ARTE Europa" trifft Jesus-Freaks der "Jesus Revolution Army", die ihre Botschaft singend und tanzend vermitteln und dabei weltweit "abstauben" - sowohl jede Menge Mitglieder, als auch eingestaubte Traditionen. Durch Frankreichs islamisch geprägte Problemviertel ziehen junge Missionarinnen eines modernen Islams, um der dort oftmals herrschenden frauenfeindlichen Subkultur entgegenzutreten, während in London die "Heilssoldaten" ausschwärmen, um die verlorenen Seelen der Großstadt zu retten. Gerettet wird in Italien der gute Geschmack - hier kämpft die Slow-Food-Bewegung seit 15 Jahren gegen die Fast-Food-Kultur. (1): Norwegen / Europa: Krieger der Liebe - Die Jesus Revolution Army will Europa erobern Der Kontinent ist reif für die Revolution, meinen Sophanie, Heidi und Benedikte - reif für die Jesus-Revolution. Die drei sind Anfang 20 und touren von Februar bis August quer durch Europa, um andere junge Leute zum Christentum zu bekehren. Die Bewegung selbst stammt aus Norwegen, doch inzwischen sind Jesus-Freaks aus der ganzen Welt dabei. Mit verstaubten Kirchen haben die Kämpfer der "Jesus Revolution Army" nichts am Hut. Singend und tanzend wollen sie ihre Botschaft jugendgemäß vermitteln: Jesus liebt dich, Christsein ist cool und Missionieren macht Spaß. (2): Frankreich: Ni putes ni soumises - Musliminnen wehren sich gegen männliche Gewalt Jugendbanden, die Frauen ohne Kopftuch terrorisieren, selbsternannte Imame, die geschminkte Mädchen zu Freiwild erklären und Eltern, die ihre Töchter zwangsverheiraten: In vielen französischen Vorstädten sind Diskriminierung und Gewalt im Namen des Islam weit verbreitet. Dieser frauenfeindlichen Subkultur haben die Feministinnen von "Ni putes ni soumises" den Kampf angesagt. Unter dem Motto "Wir sind weder Huren noch Unterworfene" ziehen die jungen Missionarinnen eines modernen Islams durch Frankreichs Problemviertel und stehen betroffenen Frauen und Mädchen bei, die sich wehren wollen. (3): Großbritannien: Missionare mit Sammelbüchse - Die Heilsarmee gibt sich ein modernes Gesicht Mit Sammelbüchsen und Bibelsprüchen bewaffnet zieht sie gegen Gottlosigkeit und profanes Elend zu Felde. Die Heilsarmee ist Streiterin für Waisenkinder, Arme und Obdachlose - und das inzwischen seit mehr als 140 Jahren. Doch auch die bekannteste Missionarsbewegung der Welt hat sich zumindest äußerlich den neuen Zeiten angepasst: Am Ufer der Themse, zwischen der ehrwürdigen St. Paul\s Cathedral und der Millenium Bridge, steht ihr ultramodernes Hauptquartier. Von hier ziehen die "Heilssoldaten" aus, um mit flotter Musik, fester Überzeugung und tatkräftiger Hilfe die verlorenen Seelen der Großstadt London zu retten. (4): Italien: Feldzug gegen Fast Food - Wo Missionare des guten Geschmacks geschult werden Künstliche Geschmacksverstärker, genmanipulierte Lebensmittel und fettige Fertignahrung halten ihre Anhänger für Teufelszeug. Die Slow-Food-Bewegung aus Italien kämpft seit 15 Jahren gegen die Fast-Food-Kultur, 80.000 Mitglieder in aller Welt sind inzwischen dabei. Ihr neuster Coup: die "Universität der gastronomischen Wissenschaften" in Piemont. Zwischen den Trüffelgebieten um Alba und den Weinbergen des Barolo werden die Studenten in die Geheimnisse der Gourmetküche eingeweiht, um nach ihrem Studium als Missionare des guten Geschmacks die Botschaft des "langsamen Essens" in ganz Europa zu verbreiten. |
| #137 ddddddHomepage26.08.2005 - 15:35 |
| http://www.cynthialarge.com/hildegard/hildegardessay.html |
| #136 fffff18.08.2005 - 15:53 |
Daniel Cohen (geb. 1951): Die Genetik der Komplexität. (Aus Kapitel 14: Darauf programmiert, anders zu sein.) In: Daniel Cohen: Die Gene der Hoffnung. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der Fortschritt in der Medizin (Les gènes de l\espoir, Paris 1993). Mit einem Vorwort von Jean Dausset. Aus dem Französischen von Inge Leipold. Piper, München und Zürich 1995. S.301-311. Was aber hält die Zukunft für uns bereit, falls es Verhaltensgene gibt? Was wird aus uns werden, wenn die Sequenzierung des menschlichen Genoms uns eines Tages erlaubt, sie zu identifizieren und inventarisieren? Was wird aus der Intelligenz und dem Verhalten jedes einzelnen, wenn die Genetiker die Gene dafür manipulieren können? Gehen wir einer Verdinglichung des menschlichen Seins entgegen, seiner Entmenschlichung? Steuern wir auf die Hölle der Schönen neuen Welt zu? Die Sache ist komplizierter, als es den Anschein hat, und freiwillig geht man nicht in die Hölle. Aber schön, spielen wir das Spiel mal durch: Machen wir uns auf die Jagd nach Genen für das Verhalten, so wie auf die für genetische Krankheiten. Zumindest können wir dieses Gedankenexperiment durchführen und sehen, was passiert. Eine Eigenschaft oder ein Merkmal ist, im Bereich des Verhaltens wie auch in dem der Morphologie und der Pathologie, etwas, das bestimmte Personen haben, andere nicht. Sobald die Eigenschaft definiert ist, geht man genauso vor wie bei den Krankheiten. Es gibt keine andere Möglichkeit, als Stichproben bei der Bevölkerung vorzunehmen, die Leute (möglichst aus der gleichen Familie) in solche, die diese Eigenschaft haben, und solche, die sie nicht haben, einzuteilen. Dann vergleicht man die jeweiligen Genome bei den beiden Stichproben, um festzustellen, worin sie sich unterscheiden. Auf diese Weise sieht man, bei einem gegebenen Merkmal, dieser Bereich des Genoms ist bei den Leuten, die die Eigenschaft haben, anders als bei denen, die sie nicht haben. Kurz, man geht nach der klassischen Methode der medizinischen Genetik vor, so als suchte man die Gene für die Veranlagung zu Diabetes, Brustt- oder Darmkrebs, für die manisch-depressive Psychose oder für die Alzheimer-Krankheit und so weiter (viele pathologische Eigenschaften sind ebenfalls "multifaktoriell" und werden zweifach beeinflusst, von den Genen und, im Verlauf der Entwicklung und des Alterns der jeweiligen Person, vom Milieu). Bis hierher ist das nichts Besonderes und hat auch nichts von Hexerei an sich. Nur dass der Fehler in den Prämissen der Überlegung liegt, in dem Satz: Sobald die Eigenschaft definiert ist, mit dem der vorangegangene Satz beginnt und der das im Folgenden beschriebene Verfahren rechtfertigt. Es genügt nicht, die genetische Grundlage individueller Verhaltensweisen erforschen zu wollen. Vorher muss man die fraglichen Verhaltensweisen definieren. Und genau hierin liegt die Schwierigkeit. Der - alles andere als geringfügige - Unterschied zur Identifizierung von Krankheitsgenen ist im Allgemeinen der, dass man eine Krankheit oder zumindest ein pathologisches Syndrom definieren kann. Nichts ist jedoch schwieriger, als ein Verhaltensmerkmal objektiv zu definieren, es zu bewerten und vor allem, es von anderen Faktoren des Verhaltens abzugrenzen. Nehmen wir, um dies zu verdeutlichen, das, was am einfachsten erscheint. Übrigens kein Verhaltensmerkmal im eigentlichen Sinne, sondern ein Merkmal geistiger Befähigung, etwa das Gedächtnis. Man könnte ein messbares Merkmal des Gedächtnisses isolieren, beispielsweise die Fähigkeit, sich eine bestimmte Anzahl von Buchstaben, Zahlen oder Worten, die nicht geordnet sind, für einen Augenblick, zehn Minuten, einen Tag merken zu können. ... Anhand der Anzahl der Buchstaben, Zahlen oder Wörter könnte man dann die Leistung jedes einzelnen bemessen. Sehr gut. Vor allem wenn man sich an den Typus Kurzzeitgedächtnis hält. Das Unternehmen wird eindeutig schwieriger, wenn man sich für das Langzeitgedächtnis interessiert, das von vielfältigen, komplexen Faktoren, etwa dem kulturellen Kontext oder der Art des Lernens beherrscht wird. Und ich wette, objektiv will man bei den Versuchspersonen nicht die einfache, beobachtbare Fähigkeit vergleichen, sich über ein halbes, ein ganzes, zehn Jahre hinweg ein Gedicht von Victor Hugo zu merken, sondern die angeborene Fähigkeit, das gleiche Gedicht über die jeweils gleiche Zeitspanne hinweg zu behalten. Ganz einfach deswegen, weil es unmöglich ist, das Langzeitgedächtnis von seinem psychologischen und kulturellen Kontext, zu isolieren. Und dabei wissen wir doch alle intuitiv, auch diese komplexe Art des Sicheinprägens ist in gewisser Weise erbbedingt und variiert innerhalb einer Familie von einem zu anderen beträchtlich. Gehen wir jetzt zu einem Verhaltensmerkmal im eigentlichen Sinn über, etwa der Aggressivität. Bestimmte Personen sind, unabhängig von den jeweiligen Umständen und der Erziehung, aggressiver als andere. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber wie soll man die Aggressivität messen? Überlegen Sie gut. ... Und wie sieht es mit der Schamhaftigkeit aus? Der Bösartigkeit? Der Heuchelei, der moralischen Entrüstung, der Lüge, der Leichtgläubigkeit, der Eifersucht, der Treue, der Verschlagenheit, der Schmeichelei, der Bewunderung, dem Missmut ...? Man kann machen, was man will - Komplexität läßt sich nicht messen. Na schön. Aber könnten wir nicht die komplexesten Verhaltensweisen in elementarere, irgendwie "primäre" zerlegen, die einer genetischen Analyse zugänglich sind? Nicht dass man dies nicht versucht hätte. Die Mediziner, Psychiater und Psychologen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts liebten Verhaltenstypologien, die allerdings die ärgerliche Tendenz hatten, je nach Autor von verschiedenen Kriterien auszugehen. Man bezeichnete dies als Charakterologie als "subjektive" Wissenschaft, wenn es denn so etwas gibt. Im Gegensatz zu den anderen lebenden Arten scheinen die menschlichen Verhaltensweisen sich jeglicher natürlichen Klassifizierung zu entziehen. Und das aus gutem Grund. Sie sind nicht durch eine Barriere wie die der Reproduktion voneinander getrennt, sondern gehen ineinander über, befruchten sich sozusagen gegenseitig, so dass ihre Instabilität und die fließenden Übergänge schon den Ansatz einer Systematisierung aussichtslos erscheinen lassen. Die Chancen, dass je ein Linné der menschlichen Verhaltensweisen das Licht der Welt erblickt, stehen eher schlecht. In neuerer Zeit, in den sechziger Jahren, griffen Biologen auf die Wissenschaft der Beobachtung tierischer Verhaltensweisen zurück, die in den letzten dreißig Jahren bemerkenswerte Ergebnisse erzielt hat -, um nach dem Beispiel der Ethologie eine Genetik der menschlichen Verhaltensweisen zu begründen. Man stellte also Listen von "Primärfaktoren" der Persönlichkeit auf, um dann zu prüfen, welche erblich sein könnten. Die von einigen kühnen Biologen ausgewählten Merkmale stimmen ein wenig nachdenklich: Darunter fanden sich, als "Primärfaktoren", "Sensibilität oder Hartherzigkeit", "Willensstärke", "Umgänglichkeit oder Verschlossenheit", "Herrschafts- oder Unterwerfungsverhalten", nicht zu vergessen "praktisches und künstlerisches Denken" (!) und so weiter! Unter dem Strich ergab die fragliche Untersuchung, dass die eben genannten Merkmale offenbar nicht erbbedingt sind. Wir können aufatmen: Mit der Entdeckung und Einpflanzung eines Gens für dominantes oder unterwürfiges Verhalten ist in nächster Zeit nicht zu rechnen. Und es hat nicht den Anschein, als stünde auf dem Umweg über genetische Manipulationen eine Klassengesellschaft zu befürchten. Eigentlich hatten wir das ja auch vermutet. Natürlich, man kann leicht spotten. Aber ich wäre der erste, der für Nachsicht und Geduld mit den Kollegen plädiert, die sich auf die gefährlichen Wege der genetischen Erforschung menschlicher Verhaltensweisen gewagt haben und noch wagen werden. Denn sich in diesem Bereich schlüssige Verfahren auszudenken ist alles andere als leicht. Es bedarf noch vieler tastender methodologischer Versuche, um bei dieser Art von Forschung - die absolut legitim ist, aber, und das ist das mindeste, was man sagen kann, keineswegs Priorität hat - zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. ... In Wirklichkeit sind die einzigen Verhaltensmerkmale, die man derzeit als solche definieren kann, extreme Eigenschaften, die dazu neigen, alle anderen Komponenten des Verhaltens eines Individuums zu überwuchern und zu überlagern, kurz: pathologische Eigenschaften. Nun unterscheiden sich aber derlei Merkmale eben dadurch von den anderen, dass sie das gesamte Verhalten einer Person vereinfachen, indem sie es auf ein stereotypes Verhalten reduzieren. Es sieht ganz so aus. als sei eine objektive Definition von Verhaltensmerkmalen nur von dem Moment an möglich, in dem sie bereits massiv verändert und erstarrt sind. Ohne Zweifel lassen sich aus genau diesem Grund die geistigen Krankheiten relativ gut klassifizieren. Geistige Gesundheit hingegen lässt sich nie detailliert beschreiben. Trotzdem ist es völlig legitim zu versuchen, diese Dinge biologisch zu erklären. Das muss sogar unser entschiedenes Ziel sein - unter der Bedingung, die Erklärungsebenen nicht durcheinanderzubringen. Das Denken folgt seinen eigenen Gesetzen, aber noch der flüchtigste unserer Gedanken ist das Ergebnis einer Nervenleitung, eines Stroms von Elektronen, der Reaktivität eines Proteins, das sich öffnet oder schließt ... und von Genen, die in dem einen oder anderen Augenblick diese Mechanismen regulieren. Und es ist unsere Pflicht als Wissenschaftler, immer besser, immer genauer diese Art von Mechanismen zu verstehen. Es stimmt, uns dreht sich der Kopf, sobald wir versuchen, uns in dem Labyrinth der Verkettungen von Ursache und Wirkung zurechtzufinden, die die menschliche Komplexität hervorbringen. Nichts ist schwieriger als der Versuch, die Verbindungen zwischen einer Ebene der Komplexität und einer anderen aufzudecken. Ohne Frage bilden die Gene einen Teil des Vokabulars unseres Verhaltens. Aber zwischen Wort und Satz klafft ein Abgrund, ebenso zwischen einem Satz und der Lektüre des ganzen Buches. |
| #135 ffffff18.08.2005 - 15:50 |
| Edward O. Wilson (geb. 1929): Ethik und Religion. (Aus Kapitel 11.) In: Edward O. Wilson: Die Einheit des Wissens. (Consilience. The Unity of Knowledge. Alfred A. Knopf, New York 1998). Aus dem Amerikanischen von Yvonne Badal. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1998. S.317-332. Die seit Jahrhunderten währenden Debatten über den Ursprung von Ethik sind einfach zusammenzufassen: Entweder sind ethische Gebote wie Gerechtigkeit und allgemeine Menschenrechte der menschlichen Erfahrung übergeordnet, oder sie sind Erfindungen des Menschen. Reflexionen über diesen Unterschied sind mehr als nur erbauliche Übungen für Philosophieseminaristen. Denn welcher Prämisse wir den Vorzug geben, bestimmt, welche Vorstellung wir von uns als Spezies haben. Wir gewichten damit die Autorität, die wir Religion zugestehen, und definieren, nach welcher Logik wir uns moralisch verhalten. Diese beiden Prämissen stehen sich wie zwei Inseln in einem Meer von Chaos gegenüber, unbeweglich und so verschieden voneinander wie Leben und Tod, Materie und Leere. Welche von beiden richtig ist, kann mit Logik allein nicht erfaßt werden. Wie die Dinge im Moment liegen, bedarf es eines Glaubensumschwungs, um von der einen zur anderen zu wechseln. Eine wirkliche Antwort wird sich erst ergeben, wenn die objektive Faktenlage ausreicht. Aber ich bin überzeugt, daß moralisches Denken auf jeder Ebene naturwissenschaftlich erklärbar ist. Jeder denkende Mensch hat sich eine eigene Meinung über die Gültigkeit dieser Prämissen gebildet. Nur verläuft der Graben nicht, wie allgemein behauptet wird, zwischen religiös Gläubigen und Säkularen, sondern zwischen Transzendentalisten, die davon ausgehen, daß moralische Richtlinien außerhalb des menschlichen Verstands existieren, und Empiristen, die sie für eine Erfindung des menschlichen Verstands halten. Die Entscheidungen zwischen religiöser oder nichtreligiöser Überzeugung und zwischen ethischem Transzendentalismus oder Empirismus können im metaphysischen Denken sozusagen über Kreuz verlaufen: Ein ethischer Transzendentalist, der Moral für übergeordnet hält, kann sowohl Atheist als auch von der Existenz einer Gottheit überzeugt sein; ein ethischer Empirist, der davon ausgeht, daß Moral ein rein menschliches Konstrukt ist, kann entweder ein Atheist sein oder an einen Gottschöpfer glauben (wenn auch nicht in dem gesetzgebenden Sinne der jüdisch-christlichen Tradition). Auf einfachsten Nenner gebracht, lauten die Optionen folgendermaßen: Ich glaube, daß moralische Werte dem Menschen übergeordnet sind, seien sie gottgegeben oder nicht; versus ich glaube, daß allein der Mensch moralische Werte schafft; Gott ist eine ganz andere Frage. Theologen und Philosophen haben sich fast immer auf den Transzendentalismus als Mittel zur Bestätigung ethischer Werte konzentriert. Alle suchen sie nach dem Gral jenes Naturgesetzes, das unabhängige, über jeden Zweifel erhabene und nicht zu kompromittierende moralische Verhaltensprinzipien umfaßt. Christliche Theologen pflegen dieses Naturgesetz, ganz in der Tradition von Thomas von Aquins Summa Theologiae, als Ausdruck von Gottes Willen zu definieren. Der Mensch ist in dieser Sichtweise verpflichtet, so lange zu meditieren, bis er das Gesetz erkannt hat, um dann sein Alltagsleben daran auszurichten. Säkulare Philosophen mit einer transzendentalen Neigung mögen sich zwar auf den ersten Blick radikal von Theologen unterscheiden, sind ihnen aber letztlich relativ ähnlich, zumindest was ihr moralisches Denken anbelangt. Auch sie neigen dazu, Naturgesetze für eine Ansammlung derart übermächtiger Prinzipien zu halten, daß sie jedem vernünftigen Menschen auf Anhieb selbstverständlich erscheinen müßten, allerdings unabhängig davon, was ihr tatsächlicher Ursprung sein mag. Kurzum, beim Transzendentalismus geht es im wesentlichen immer um ein und dasselbe, ob mit oder ohne Anrufung Gottes. Thomas Jefferson etwa, der in Anlehnung an John Locke aus den Naturgesetzen die Doktrin der naturgegebenen Rechte des Menschen ableitete, ging es mehr um die Wirkungsmacht der transzendentalen Aussagen als um die Frage, ob sie göttlichen oder säkularen Ursprungs sind. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verstand er es, die säkularen und religiösen Prämissen geschickt zu einer einzigen transzendentalen Aussage zu verschmelzen: "Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören". Diese Versicherung wurde zur Kardinalsprämisse der amerikanischen Bürgerreligion, zum Schwert der Gerechten von Lincoln bis Martin Luther King. Und bis heute ist sie das moralische Grundelement, welches die verschiedenen Volksgruppen der Vereinigten Staaten verbindet. Die Früchte eines solchen Naturgesetzes sind so verlockend, insbesondere, wenn dabei auch noch Gott ins Spiel kommt, daß sie die Gültigkeit der transzendentalistischen Prämisse offenbar außer Frage stellen. Nun hat diese Theorie aber nicht nur große Erfolge, sondern auch erschreckende Fehlleistungen aufzuweisen. Immer wieder wurde sie pervertiert, vor allem wenn man sie heranzog, um leidenschaftlich für Kolonialismus, Sklaverei und Völkermord einzutreten. Und es wurde noch kein Krieg geführt, ohne daß beide Gegner für sich in Anspruch nahmen, für eine transzendentale, heilige Sache zu kämpfen. "O wie hassen wir einander um der Liebe Gottes willen", sagte einmal Kardinal Newman. Vielleicht täten wir also besser daran, den Empirismus ernster zu nehmen. Empiristen betrachten Ethik als die Summe eines Verhaltens, das so lange von einer Gesellschaft favorisiert wird, bis sie es schließlich zum Kodex erhebt Solche Verhaltensweisen werden von ererbten geistigen Veranlagungen gelenkt - vom "Moralempfinden", wie es die Aufklärungsphilosophen nannten -, die zu großer Übereinstimmung in allen Kulturen führen, wenn auch mit einer jeweils eigenen, historisch bedingten Prägung. Und diese Kodizes beeinflussen ihrerseits in hohem Maße, welche Kultur zur Blüte kommt und welche nicht, unabhängig davon, ob sie von Außenseitern für gut oder schlecht befunden werden. Die Bedeutung der empiristischen Sicht liegt in ihrer Betonung des objektiven Wissens. Nicht nur weil die Durchsetzungskraft von ethischen Normen immer davon abhängt, wie klug sie das allgemeine Moralempfinden interpretieren, sollten alle, die zu ihrer Formulierung beitragen, über die Funktionsweisen des Gehirns und die Entwicklung des Verstandes Bescheid wissen. Auch weil der Erfolg dieser Normen immer davon bestimmt sein wird, wie genau die Folgen einer bestimmten Handlungsweise abzuschätzen sind - vor allem in Fällen, die moralisch nicht eindeutig sind -, sind die Erkenntnisse der Natur- und Sozialwissenschaften von Bedeutung. Die empiristische Argumentation geht also davon aus, daß ein klügerer und dauerhafterer ethischer Konsens als bisher herstellbar ist, wenn man die biologischen Wurzeln des Moralverhaltens kennt und seine materiellen Ursprünge und systematischen Tendenzen erklären kann. Wenn sich die Wissenschaft weiterhin derart intensiv mit den menschlichen Denkprozessen befaßt, rückt das für uns in den Bereich des Möglichen. Die Entscheidung zwischen Transzendentalismus und Empirismus wird der Kampf um die Seele des Menschen in der Version des 21. Jahrhunderts sein. Entweder wird sich das moralische Denken weiterhin auf theologische und philosophische Idiome konzentrieren, oder es verlagert sich auf die naturwissenschaftlich-materielle Analyse. Wohin es endgültig tendieren wird, hängt ganz davon ab, welche Weltanschauung sich schließlich als richtig erweisen oder welche zumindest weitestgehend als richtig empfunden wird. Es ist an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Ethiker, die ja auf Moralfragen spezialisiert sind, neigen nicht gerade dazu, ihre ethischen Maßstäbe an sich selbst anzulegen oder ihre Fehlbarkeit zuzugeben. Man wird nur selten ein Papier in die Hand bekommen, das mit der klaren Aussage beginnt: Dies ist mein Ausgangspunkt, aber er könnte falsch sein. Ethiker haben die ärgerliche Angewohnheit, vom Eindeutigen aufs Zweideutige zu kommen oder, umgekehrt, Ungewißheit in das Eindeutige einzuführen. Ich vermute, daß fast alle von ihnen im Herzen Transzendentalisten sind, aber sie sagen dies nur selten in einfachen Aussagesätzen. Im Grunde kann man sie dafür nicht einmal tadeln, denn es ist schwer, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Allerdings wollen sie ganz offensichtlich auch nicht die Schmach riskieren, voll und ganz verstanden zu werden. Also reden sie um die wirklich fundamentalen Fragen meistens irgendwie herum. Nach dieser Vorrede bleibt mir nun natürlich gar nichts anderes übrig, als meine eigene Position klarzustellen: Ich bin Empirist. Was Religion betrifft, so tendiere ich zum Deismus, halte es aber für ein Problem der Astrophysik, die Gültigkeit seiner Aussagen zu beweisen. Die Existenz eines kosmologischen Gottes als Schöpfer des Universums, der nicht in das Diesseits eingreift, sich nicht offenbart und kein persönlicher Gott ist, ist möglich und könnte eines Tages durch heute noch unvorstellbare materielle Fakten bewiesen werden. Ebenso möglich ist natürlich, daß sich diese Frage der Vorstellungskraft des Menschen auf alle Ewigkeit entziehen wird. Die theistische Annahme eines biologischen, persönlichen Gottes, der die organische Evolution lenkt und in das Diesseits eingreift - was für die Menschheit ja von weit größerer Bedeutung wäre -, steht jedenfalls zunehmend im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Biologie und der Hirnforschung. Diese Erkenntnisse sprechen meiner Meinung nach außerdem durchweg für einen rein materiellen Ursprung von Ethik, und sie werden auch dem Kriterium für die Vernetzung gerecht: Die Kausalerklärungen für die Entwicklung und Aktivitäten des Gehirns sind zwar noch nicht perfekt, aber sie erfassen bereits die meisten vorliegenden Fakten über moralisches Verhalten, und zwar mit größter Genauigkeit und unter Hinzuziehung äußerst weniger freischwebender Prämissen. Das ist zwar eine relativistische Vorstellung, also vom persönlichen Blickwinkel abhängig, aber deswegen muß sie nicht gleich unverantwortlich sein. Denn mit Bedacht weiterentwickelt, führt sie auf direkterem und besser gesichertem Wege zu wertbeständigen moralischen Werten als der Transzendentalismus, der, wenn man genauer darüber nachdenkt, letztlich auch relativistisch ist. Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich könnte natürlich unrecht haben. Um die Unterschiede zwischen dem Transzendentalismus und dem Empirismus noch deutlicher hervorzuheben, habe ich mir eine Diskussion zwischen zwei Vertretern dieser beiden Weltanschauungen ausgedacht. Damit das Ganze etwas leidenschaftlicher wird, habe ich den Transzendentalisten zum Theisten gemacht und den Empiristen zum Skeptiker. Und um dabei so fair wie nur möglich zu sein, habe ich ihre Argumente den durchdachtesten theologischen und philosophischen Quellen entnommen, die mir bekannt sind. Der Transzendentalist: "Bevor ich auf Ethik zu sprechen komme, möchte ich die Logik des Theismus bekräftigen, denn sobald die Existenz eines gesetzgebenden Gottes anerkannt wird, sind auch die Ursprünge von Ethik sofort festgelegt. Hören Sie sich also bitte einmal mein pro-theistisches Argument an. Ich stelle Ihren Standpunkt zum Theismus mit Ihren eigenen empirischen Mitteln in Frage. Wie kommen Sie nur auf die Idee, daß Sie die Existenz eines persönlichen Gottes jemals widerlegen könnten? Wie können Sie dreitausend Jahre geistiger Zeugnisse aus dem Judentum, Christentum und dem Islam einfach negieren? Hunderte Millionen von Menschen, darunter ein hoher Prozentsatz an den gebildeten Bürgern aus Industriestaaten, wissen, daß es eine unsichtbare Macht gibt, die über ihr Leben wacht und sie lenkt. Dafür gibt es überwältigende Beweise. Laut neuesten Umfragen glauben neun von zehn Amerikanern an einen persönlichen Gott, der auf Gebete reagieren und Wunder vollbringen kann. Einer von fünf gibt an, mindestens einmal im Jahr vor dieser Umfrage Gottes Gegenwart und Lenkung erfahren zu haben. Wie kann die Wissenschaft, die dem ethischen Empirismus ja angeblich zugrunde liegt, über ein derart eindeutiges Zeugnis hinweggehen? Der Kern jeder wissenschaftlichen Methode, so werden wir ständig ermahnt, ist die Widerlegung von bestimmten Behauptungen zugunsten anderer, und zwar in strikter Übereinstimmung mit der faktischen Logik. Wo sind denn die Fakten, die es erforderlich machten, die Existenz eines persönlichen Gottes zu widerlegen? Die Aussage, daß der Gottesgedanke für die Erklärung der materiellen Welt - zumindest so, wie die Naturwissenschaftler sie verstehen -unnötig ist, reicht nicht aus. Es steht viel zu viel für den Theismus auf dem Spiel, als daß man ihn so einfach wegwischen könnte. Die Beweislast liegt bei Ihnen, nicht bei denjenigen, die an eine göttliche Gegenwart glauben. Aus der richtigen Perspektive betrachtet, subsumiert Gott Wissenschaft, und nicht umgekehrt. Wissenschaftler sammeln Daten über Phänomene und entwickeln Hypothesen, um sie zu erklären. Damit sie die Reichweite des objektiven Wissens so weit wie möglich ausdehnen können, akzeptieren sie provisorisch einige Hypothesen und verwerfen andere. Doch dieses Wissen kann immer nur einen Teil der Wirklichkeit umfassen. Wissenschaft ist nicht geeignet, das unglaublich vielfältige geistige Erleben des Menschen in seiner Gänze zu erkunden. Der Gottesgedanke hingegen ist in der Lage, alles zu erklären, nicht nur die meßbaren, sondern auch die individuell empfundenen und unterschwellig wahrgenommenen Phänomene, auch Offenbarungen, die ausschließlich auf spirituellem Wege empfangen werden können. Warum müssen denn alle geistigen Erfahrungen im PET-Scanner sichtbar gemacht werden können? Im Gegensatz zur Wissenschaft befaßt sich der Gottesgedanke mit mehr als nur der materiellen Welt, die uns zu erforschen gegeben ist. Er öffnet unseren Geist für das, was jenseits dieser Welt liegt. Er lehrt uns, nach Geheimnissen zu greifen, die einzig durch den Glauben faßbar werden. Beschränken Sie Ihr Denken auf die materielle Welt, wenn Sie das wollen. Andere wissen, daß die Antwort auf die wirklichen Ursprünge der Schöpfung bei Gott zu finden ist. Wer soll denn die Naturgesetze geschaffen haben, wenn nicht eine Macht, die über diesen Gesetzen steht? Die Wissenschaft bietet keine Antwort auf diese die Theologie beherrschenden Fragen. Oder anders formuliert: Wieso gibt es eher Etwas als Nichts? Was Existenz wirklich bedeutet, liegt jenseits des menschlichen Fassungsvermögens und daher auch außerhalb des Wirkungskreises von Wissenschaft. Sind Sie nicht auch Pragmatiker? Es gibt nämlich einen ausgesprochen praktischen Grund für den Glauben, daß uns ethische Gebote von einem höchsten Wesen gegeben sind. Wer diesen Ursprung verleugnet und davon ausgeht, daß moralische Werte ausschließlich von Menschen geschaffen werden, hängt einem gefährlichen Glauben an. Dostojewskis Großinquisitor sagte, wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt und Freiheit verwandelt sich in Elend. Diese Warnung haben keine Geringeren als die Aufklärungsphilosophen selbst unterstrichen, und zwar mit ihrer ganzen Autorität. Denn sie alle glaubten im Grunde an einen Gott als Erschaffer des Universums, und viele waren obendrein noch bis auf die Knochen gottesfürchtige Christen. Kaum einer von ihnen war bereit, die Ethik einem säkularen Materialismus preiszugeben. John Locke sagte: "Letztlich sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegzunehmen, heißt alles dieses auflösen". Und Robert Hooke, der große Physiker des siebzehnten Jahrhunderts, hat in einem Schriftsatz über die neugegründete Royal Society weise davor gewarnt, das Ziel dieser bedeutenden Aufklärungsorganisation mißzuverstehen, da es einzig darin bestehe, "das Wissen über natürliche Dinge und alle nutzbaren Künste, Manufakturen, mechanischen Verfahren, Maschinen und experimentelle Erfindungen zu mehren - (und nicht mit Theologie, Metaphysik, Moral, Politik, Grammatik, Rhetorik oder Logik zu vermischen)". Diese Einstellung teilen nach wie vor die meisten führenden Denker der modernen Zeit, aber auch eine große Minderheit unter den aktiven Wissenschaftlern. Sie werden darin im übrigen durch gravierende Bedenken gegen die Vorstellung einer organischen Evolution, wie sie Darwin vertrat, bestärkt. Denn mit dieser Grundidee des Empirismus wird ja vorgegeben, daß die Schöpfung auf das Ergebnis von zufälligen Mutationen und Umweltbedingungen reduzierbar wäre. Sogar der eingefleischte Atheist George Bernard Shaw reagierte voller Verzweiflung auf den Darwinismus. Er verurteilte seinen Fatalismus und beklagte, daß er die Bedeutung von Schönheit, Intelligenz, Ehre und Sehnsucht auf irgendeine abstrakte Vorstellung von blind zusammengewürfelter Materie abwertet. Viele Schriftsteller brachten außerdem vor, meiner Meinung nach nicht zu Unrecht, daß eine derart nüchterne Lebensanschauung, die den Menschen auf kaum mehr als ein intelligentes Tier reduziert, den Greueltaten der Nationalsozialisten und Kommunisten die intellektuelle Rechtfertigung geliefert habe. Also muß doch etwas falsch an der herrschenden Evolutionstheorie sein. Selbst wenn es stimmt, daß alle Spezies irgendwelchen genetischen Veränderungen jener Art unterliegen, die der neue Darwinismus proklamiert, kann doch diese wunderbar komplizierte Vielfalt an Organismen, die wir heute haben, nicht allein durch blinden Zufall geschaffen worden sein. Immer wieder in der Wissenschaftsgeschichte wurden gerade vorherrschende Theorien von neuen Beweisen umgestoßen. Weshalb sind Wissenschaftler also so ängstlich darum bemüht, die These einer autonomen Evolution aufrechtzuerhalten und die Möglichkeit einer intelligenten Planung zu diskreditieren? Das ist doch wirklich sehr seltsam. Denn eine solche Planung wäre doch eine viel einleuchtendere Erklärung als die, daß Millionen unterschiedlicher Organismen sich auf vom Zufall bestimmte Weise selbst zusammensetzen und erschaffen. Schließlich gewinnt der Theismus da erheblich an Überzeugungskraft, wo es um den menschlichen Geist und - ich zögere nicht, es auszusprechen - die unsterbliche Seele geht. Es ist kein Wunder, daß ein Viertel aller Amerikaner, vielleicht noch mehr, sogar die Vorstellung einer anatomischen und physiologischen Evolution des Menschen ablehnt. Wissenschaft, die zu weit getrieben wird, ist anmaßend. Sie sollte wieder ihren angemessenen Platz einnehmen, und zwar als das Geschenk Gottes, sein materielles Reich verstehen zu dürfen." Der Empirist: "Zuerst einmal möchte ich freimütig einräumen, daß Religion eine überwältigende Anziehungskraft auf den menschlichen Verstand ausübt und religiöse Überzeugung sehr wohltuend sein kann. Religion entspringt dem tiefsten Inneren des menschlichen Geistes. Sie nährt Liebe, Hingabe und vor allem Hoffnung. Die Menschen dürsten nach ihren Versprechungen. Ich kann mir nichts Unwiderstehlicheres für das Gefühlsleben vorstellen als das christliche Dogma der Inkarnation Gottes zum Beweis der Heiligkeit allen menschlichen Lebens - auch das des Sklaven - oder das Dogma der Auferstehung als Versprechen des ewigen Lebens. Aber Religionsgläubigkeit hat auch eine destruktive Seite, die den schlimmsten Auswüchsen des Materialismus in nichts nachsteht. Es gab etwa einhunderttausend Glaubenssysteme im Laufe der Geschichte, und viele davon haben ethnische Konflikte und Stammeskriege befördert. Insbesondere die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam expandierten zu der einen oder anderen Zeit im Verbund mit militärischer Aggression. Der Islam - was soviel heißt wie "Ergebung in Gottes Willen" - wurde großen Gebieten im Mittleren Osten, im Mittelmeerraum und in Südostasien mit Waffengewalt aufgezwungen. Das Christentum erlangte Vorherrschaft über die Neue Welt ebenso durch den Reiz seiner Spiritualität wie durch kolonialistische Eroberung. Dabei profitierte es noch von den historischen Umständen, denn erst nachdem Europa im Südosten vom Islam blockiert wurde, zogen die Christen nach Westen, um den amerikanischen Kontinent zu besetzen, das Kreuz ständig vom Schwert begleitet. Feldzug für Feldzug folgten Versklavung und Völkermord. Die christlichen Herrscher nahmen sich ein Beispiel an der Frühgeschichte des Judentums. Wenn wir dem Alten Testament Glauben schenken sollen, dann waren die Israeliten von Gott aufgefordert, das Gelobte Land von allen Ungläubigen zu säubern. "Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat", berichtet das 5. Buch Mose 20, 16-17. Feuer und Tod kamen über mehr als hundert Städte; den Anfang machte Josua mit seinem Angriffgegen Jericho und David setzte mit seinem Kampf gegen die alte Jebusiter-Hochburg Jerusalem den Schlußpunkt. Ich erwähne diese historischen Fakten nicht, um die Ehre dieser Religionen in ihren heutigen Ausprägungen zu beflecken, sondern um Licht auf ihre materiellen Ursprünge und die ethischen Systeme zu werfen, für die sie eintreten. Alle großen Zivilisationen breiteten sich durch Eroberungszüge aus, und zu den großen Nutznießern gehörten immer die Religionen, die sie vertraten. Zweifellos hat die Zugehörigkeit zu einer Staatsreligion den Menschen schon immer in mehr als nur einer psychologischen Dimension tiefe Befriedigung verschafft, und spirituelle Eingebung hat mit der Zeit zu einer Mäßigung der barbarischen Prinzipien geführt, denen man in den Zeiten der Eroberungen gefolgt, war. Aber jede heutige Weltreligiqn ist ganz im Darwinschen Sinne als ein Sieger aus dem Kampf der Kulturen hervorgegangen, denn keine einzige hat sich durchsetzen können, indem sie ihre Rivalen tolerierte. Und überall war ihnen der schnellstmögliche Weg zum Erfolg garantiert, wenn sie vom Eroberungsstaat gefördert wurden. Der Fairneß halber möchte ich jedoch noch Ursache und Wirkung ins richtige Verhältnis setzen. Religiöse Ausgrenzung und Bigotterie entstehen durch Stammesdünkel, durch die Überzeugung der herrschenden Gruppe, daß sie über angeborene Überlegenheit und einen Sonderstatus verfüge. Doch diese Sichtweise ist nicht auf Religionen beschränkt, denn dieselbe Kausalfolge führte auch zu den totalitären politischen Ideologien. Der heidnische corpus mysticum des Nationalsozialismus und die Klassenkampfdoktrin des Marxismus-Leninismus, beides im wesentlichen Dogmen von gottlosen Religionen, bedienten sich des Stammesdünkels, nicht umgekehrt. Keine dieser Ideologien wäre mit derart glühender Begeisterung angenommen worden, hätten sich ihre Anhänger nicht als Auserwählte empfunden, betraut mit einer ehrenhaften Mission, umgeben von hinterhältigen Feinden und durch Blutrecht oder das Schicksal dazu ausersehen, die Welt zu erobern. Mary Wollstonecraft sagte einmal in bezug auf die Dominanz des Mannes einen Satz, der sich auf das Verhalten aller Menschen übertragen läßt: "Kein Mann [Mensch] wählt das Böse des Bösen wegen; er verwechselt es einfach mit Glück, jenem Gut, nach dem er ständig strebt". Damit ein Stamm zur Eroberung fähig ist, muß der einzelne dem Interesse der Gruppe Opfer bringen, vor allem während eines Konflikts mit konkurrierenden Gruppen. Darin drückt sich eine schlichte Grundregel des Soziallebens aus, die im gesamten Tierreich Gültigkeit hat und immer dann zum Tragen kommt, wenn der persönliche Vorteilsverlust durch die Unterwerfung unter die Gruppeninteressen mehr als ausgeglichen wird durch persönliche Vorteile, die durch den zu erwartenden Gruppenerfolg erzielt werden können. Auf den Menschen bezogen ergibt sich daraus die logische Konsequenz, daß wohlhabende Egoisten, welche Verliererreligionen und -Ideologien anhängen, durch selbstlose, arme Anhänger der Siegerreligionen und -Ideologien ersetzt werden. Als Ausgleich für den Imperativ der sozialen Unterwerfung erfinden Kulturen die Belohnung mit einem besseren Leben, entweder in einem kommenden irdischen Paradies oder nach der Wiederauferstehung im Jenseits. Durch die Erneuerung dieses Versprechens in jeder Generation werden Unterordnung unter die Gruppe und die entsprechenden moralischen Werte als Staatsdoktrinen und persönliche Glaubenssysteme konsolidiert. Aber das ist weder von Gott gefordert noch einfach eine aus der Luft gegriffene Wahrheit, sondern ein notwendiges Manöver für die Überlebensgarantie eines sozialen Organismus. Die meiner Ansicht nach gefährlichste Form von Unterwerfung wird auch vom Christentum gefordert: Ich wurde nicht für diese Welt geboren. In Erwartung eines Lebens im Jenseits kann alles Leid ertragen werden - vor allem natürlich das von anderen. Die natürliche Umwelt kann ausgebeutet. Glaubensfeinde können gefoltert und der Märtyrertod Jobgepriesen werden. Ist Religion also nur Illusion? Nun ja, ich zögere, es so zu formulieren, geschweige denn Religion als wohlgemeinte Lüge zu bezeichnen, wie es so mancher Skeptiker vernichtend tut. Aber man muß einfach sehen, daß die objektiven Fakten kaum für sie sprechen. Es gibt keine statistischen Beweise, daß Gebete Einfluß auf Krankheit oder Sterblichkeit haben, außer vielleicht im Individualfall, vielleicht durch eine leichte psychogene Verbesserung des Immunsystems. Anderenfalls würde wohl die ganze Welt andauernd hingebungsvoll beten. Wenn zwei gegnerische Armeen von ihren Priestern gesegnet werden, verliert dennoch eine von beiden. Und wenn die Kugel des Vollstreckers in der Hirnmasse des Märtyrers explodiert und seinen Verstand auflöst, was dann? Können wir wirklich mit Sicherheit davon ausgehen, daß all diese Millionen von neuralen Schaltkreisen in einem immateriellen Stadium rekonstruiert werden, damit sich das Bewußtsein erhält? Der eschatologische Wettgewinn geht wohl an Blaise Pascal: Lebe gut, aber akzeptiere den Glauben. Denn wenn es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt, so die Überlegung des französischen Philosophen des siebzehnten Jahrhunderts, dann hat der Gläubige eine Fahrkarte ins Paradies und damit in die bessere der beiden Welten. "Wenn ich verliere", schrieb er, "hätte ich nur wenig verloren; wenn ich gewinne, hätte ich das ewige Leben gewonnen". Denken Sie doch einmal für einen Moment wie ein Empirist und überlegen Sie, zu welcher Einsicht der Umkehrschluß dieser Wette führt: Wenn Angst, Hoffnung und Vernunft dir vorschreiben, daß du den Glauben akzeptieren sollst, dann tu es, aber behandle diese Welt, als gäbe es keine andere. Ich weiß. Gläubige werden über diese Argumentation entsetzt sein. Wer sich offen als Häretiker zu erkennen gibt, bekommt ihren heiligen Zorn zu spüren und gilt bestenfalls als Unruhestifter, schlimmstenfalls aber als Verräter an der sozialen Ordnung. Doch bislang wurde noch kein Beweis erbracht, daß Ungläubige weniger gesetzestreu oder weniger produktive Bürger wären als Gläubige oder daß sie dem Tod weniger tapfer ins Auge sähen. Bei einer 1996 unter amerikanischen Wissenschaftlern durchgeführten Umfrage (um hier nur ein respektables Segment der Gesellschaft zu nennen) kam heraus, daß sechsundvierzig Prozent von ihnen Atheisten und vierzehn Prozent Zweifler oder Agnostiker sind. Nur sechsunddreißig Prozent drückten den Wunsch nach Unsterblichkeit aus, was jedoch bei den meisten nur eine untergeordnete Rolle spielte, während vierundsechzig Prozent angaben, überhaupt keine Wünsche dieser Art zu haben. Ein aufrechter Charakter entspringt einem tieferen Quell als Religion. Erst wenn man die moralischen Prinzipien seiner eigenen Gesellschaft internalisiert und um seine persönlichen Grundsätze bereichert hat, und zwar in einem Maße, daß sie auch die Prüfungen durch Einsamkeit und Not überdauern konnten, entsteht, was wir Integrität nennen - buchstäblich das integrierte Selbst, in dem sich persönliche Entscheidungen als gut und wahr niederschlagen. Ein aufrechter Charakter ist seinerseits ein ständiger Quell der Tugend. Er bleibt sich selber treu und ruft die Bewunderung anderer hervor. Er unterwirft sich keiner Autorität und ist, obwohl er oft im Einklang mit Religionsgläubigkeit steht und seinerseits von dieser bestärkt wird, nicht blind gottesfürchtig. Wissenschaft ist nicht der Feind. Sie ist das akkumulierte und organisierte objektive Wissen der Menschheit, das erste ins Leben gerufene Medium, das in der Lage ist, Menschen in aller Welt zu gleicher Urteilskraft zu befähigen. Sie favorisiert keinen Stamm und keine Religion. Sie ist die Basis für eine wahrhaft demokratische globale Kultur. Sie behaupten, Wissenschaft könne keine spirituellen Phänomene erklären. Warum nicht? Die Hirnforschung macht riesige Fortschritte bei der Analyse von komplexen Verstandesoperationen. Es gibt keinen einzigen vorstellbaren Grund, weshalb sie nicht früher oder später auch eine materielle Erklärung für all die Emotionen und rationalen Überlegungen finden sollte, aus denen sich spirituelles Gedankengut zusammensetzt. Sie fragen, woher ethische Gebote kommen sollten, wenn nicht aus göttlicher Offenbarung. Denken Sie doch einmal über die alternative empiriscisdic Hypothese nach, daß Gebote und Religionsgläubigkeit zur Gänze materielle Produkte des Verstandes sind. Seit über tausend Generationen wurde der Überlebens- und Reproduktionserfolg derjenigen gefördert, die sich dem jeweiligen Stammesglauben angepaßt haben. Es gab also reichlich Zeit, damit sich epigenetische Regeln eiltwickeln konnten, die zu Moral und religiösen Gefühlen führen. Indoktrinierbarkeit wurde zum Instinkt. Ethische Normen sind Gebote, auf die man sich mittels Konsens und unter Anleitung der angeborenen Regeln der geistigen Entwicklung geeinigt hat. Religion ist eine Mythensammlung, die von den Ursprüngen eines Volkes und seinem Schicksal erzählt und erklärt, weshalb es verpflichtet ist, sich bestimmten Ritualen und moralischen Werten zu unterwerfen. Ethische und religiöse Überzeugung werden an der Basis erschaffen und gehen über das Volk in seine Kultur ein. Sie werden nicht von oben befohlen, von Gott oder einer anderen immateriellen Quelle über die Kultur hinunter zum Volk. Welche Hypothese stimmt nun am ehesten mit der objektiven Faktenlage überein, die transzendentalistische oder die empiristische? Es ist die empiristische, und zwar mit Abstand. Je mehr Anerkennung sie finden wird, desto stärker wird die moralische Betonung auf der freien gesellschaftlichen Entscheidung liegen und um so weniger auf religiöser oder ideologischer Autorität. In den Kulturen des Abendlandes hat dieses Umdenken bereits mit der Aurklärung eingesetzt, allerdings kam der Wandel nur langsam voran, was nicht zuletzt daran liegt, daß unser Wissen nie ausreichte, um alle langfristigen Konsequenzen unserer moralischen Entscheidungen - sagen wir auf Sicht eines Jahrzehnts - voraussehen zu können. Wir haben bereits eine Menge über uns und unsere Welt gelernt. Aber um wirklich klug zu handeln, müssen wir noch wesentlich mehr lernen. Bei jeder großen Krise geraten wir in Versuchung, uns der transzendentalistischen Autorität zu unterwerfen. Vielleicht ist das ja für eine Weile sogar ganz gut. Wir sind noch immer indoktrinierbar, noch immer leicht einem Gott gefügig zu machen. Daß es soviel Widerstand gegen den Empirismus gibt, liegt aber auch an der emotionalen Unzulänglichkeit der von ihm propagierten Logik - sie ist einfach blutleer. Menschen brauchen mehr als nur Vernunft. Sie brauchen bejahende Poesie und sehnen sich bei allen Rites de passage und anderen Momenten von höchster Bedeutung nach dem Beistand einer höheren Macht. Eine Mehrheit verspürt den verzweifelten Wunsch nach Unsterblichkeit, die solche Rituale zu garantieren scheinen. Wichtige Zeremonien beschwören die Geschichte eines Volkes in feierlichem Gedenken. Sie sind die Schaukästen seiner sakralen Symbole. Das ist der eigentliche Sinn von Zeremonien, die in allen Hochkulturen einen meist religiösen Charakter angenommen haben. Sakrale Symbole infiltrieren eine Kultur bis auf die Knochen, und es würde Jahrhunderte dauern, sie zu ersetzen, sofern das überhaupt je möglich wäre. Sie werden jetzt vielleicht von meinem Zugeständnis überrascht sein, daß der Tag, an dem wir unsere allseits geachteten sakralen Traditionen abschafften, ein schwarzer Tag für mich wäre. Es wäre eine tragische Fehlinterpretation von Geschichte, würden wir under God aus dem amerikanischen Treueeid streichen. Ob als Atheisten oder Gläubige, laßt uns weiterhin die Hand auf die Bibel legen und schwören: So wahr mir Gott helfe. Laßt uns Priester, Prediger und Rabbiner bitten, öffentliche Feierlichkeiten mit ihren Gebeten zu segnen, und laßt uns vor allem weiterhin aus gemeinsamem Respekt vor ihnen den Kopf senken. Seien wir uns bei jedem Psalm und jeder Anrufung bewußt, daß wir von der Poesie und Seele unseres Stammes umgeben sind. Sie werden jedes Sektierertum überleben, ja, vielleicht sogar den Gottesglauben selbst. Aber gemeinschaftliche Ehrerbietung bedeutet nicht, das eigene Ich hinzugeben und die wahre Natur der menschlichen Rasse abzustreifen. Wir sollten nie vergessen, wer wir sind. Unsere Stärke liegt in der Wahrheit, im Wissen und im Charakter, ganz egal unter welchem Rubrum. Die Heilige Schrift lehrt Juden und Christen, daß Hochmut vor dem Fall kommt, also dem Absturz der Stolz vorangeht. Aber damit bin ich nicht einverstanden, denn es ist genau umgekehrt: Der Absturz kommt vor dem Stolz. Der Empirismus hat alles bei dieser Gleichung ins Gegenteil verkehrt. Er hat die schwindelerregende Theorie zerstört, daß wir auserlesene Wesen seien, die von einer Gottheit ins Zentrum des Universums gestellt wurden, um dort als Krone der Schöpfung Ihn zu preisen. Und ich denke, wir können als Spezies durchaus stolz auf uns sein. Denn nachdem wir entdeckt haben, daß wir uns völlig selbst überlassen sind, schulden wir den Göttern letztlich nichts. Demut sollten wir viel eher gegenüber unseren Mitmenschen und allem übrigen Leben auf diesem Planeten aufbringen, denn von ihnen hängt in Wirklichkeit ab, ob sich all unser Hoffen erfüllt. Wenn sich tatsächlich irgendwelche Götter für uns interessieren, dann müßten sie uns eigentlich Bewunderung zollen, weil wir diese Entdeckung ohne sie gemacht haben und uns auch weiterhin allein mit all unseren Kräften bemühen werden zu vollenden, was wir begonnen haben." Die Ansichten dieses fiktiven Empiristen entsprechen den meinen, um hier mein Bekenntnis von vorhin noch einmal zu wiederholen. Aber sie sind bei weitem nicht neu, ihre Wurzeln reichen bis zu Aristoteles\ Nikomachischer Ethik zurück, und zu Beginn des modernen Zeitalters hat David Hume sie in seiner Abhandlung über die menschliche Natur (1739/40) formuliert. Das erste Mal wirklich auf die Evolution bezogen hat sie Darwin in der Abstammung des Menschen (1871). Die Argumentation der religiösen Transzendentalisten war mir als christlich erzogenem Kind beigebracht worden. Seither habe ich immer wieder über sie nachgedacht, und immer war ich intellektuell wie von meinem Naturell her dazu geneigt, ihre alten Traditionen zu respektieren. Nun findet der religiöse Transzendentalismus aber auch Unterstützung beim säkularen Transzendentalismus, mit dem ihn einige grundlegende Ansichten verbinden. Immanuel Kant beispielsweise, der von der Geschichte als bedeutendster säkularer Philosoph eingestuft wird, ging an das Thema Moral sehr ähnlich wie ein Theologe heran. Der Mensch, sagte er, verfügt über einen autonomen "reinen Willen, der frei ist", moralische Gesetze zu befolgen oder zu brechen. "Dem Menschen [wohnt] ein Vermögen bei, sich unabhängig von der Nöthigung durch sinnliche Antriebe von selbst zu bestimmen". Unsere praktische Vernunft unterliegt also einem kategorischen Imperativ, der uns zu einer Handlung nötigt. Dieser Imperativ ist "ein Zweck an sich selbst" und führt unter anderem zum folgenden Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte". Am wichtigsten und von noch größerer transzendentalen Bedeutung aber ist, daß Seinsollendes in der Natur keinen Platz hat. Natur, so Kant, unterliegt "dem Prinzip der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung", wohingegen der sittliche Wille "im strengsten und transzendentalen Verstande frei" und somit von den Gesetzen der Kausalität unabhängig ist. Indem der Mensch eine sittliche Wahl trifft und sich über den reinen Instinkt erhebt, erwirkt er "eine transzendentale Freiheit, welche als unabhängig von allem Empirischen und also von der Natur überhaupt gedacht werden muß" und damit ausschließlich "dem Verhalten intelligibler Wesen" untersteht. Nun nat diese Formulierung zwar etwas Beruhigendes, aber sie ergibt keinen Sinn, weder, in bezug auf das Materielle noch auf das Vorstellbare. Deshalb ist Kant, von seinem gewundenen Stil einmal ganz abgesehen, auch so schwer verständlich. Manchmal verwirrt ein Konzept nicht, weil es so tiefgründig ist, sondern einfach, weil es falsch ist. Wie wir heute wissen, stimmt seine Aussage nicht mit den Nachweisen über die Funktionsweise des Gehirns überein. |
| #134 ffffff17.08.2005 - 23:18 |
| Das Zeitalter der Einsamkeit... Gero von Boehm im Gespräch mit dem Soziobiologen Edward O. Wilson Gero von Boehm: Wir steuern als Menschen geradewegs auf ein Zeitalter der Einsamkeit zu, sagen Sie warum glauben Sie das? Edward O. Wilson: Weil alles darauf hindeutet, dass wir wieder ein großes Massensterben erleben werden wie damals, nach dem Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier zugrunde gingen. Dann hat es noch einmal zehn Millionen Jahre gedauert, und das Känozoikum, das Zeitalter der Säugetiere, begann. Wenn wir so weitermachen wie bisher und damit fortfahren, unsere natürliche Umwelt derart zu reduzieren, Pflanzen- und Tierarten auszurotten und keine Rücksicht auf die Vielfalt der Arten zu nehmen, werden wir irgendwann in ein »Eremozoikum« eintreten in das Zeitalter der Einsamkeit. Wir werden uns in einer biologisch verarmten Welt wiederfinden. Denn wir befinden uns im Frühstadium der nächsten großen Massenvernichtung. Gero von Boehm: Wann hat dieses Stadium begonnen? Edward O. Wilson: Mit den ersten großen Wanderbewegungen der Menschheit. Auf Hawaii oder Madagaskar, aber auch in Australien verschwanden nach der Ankunft der Menschen zunächst die großen Säugetiere und die großen Vögel. Wenn Sie die Moas nehmen, riesige Laufvögel aus Neuseeland, die Säbelzahnkatzen oder Rhinozerosse all diese Arten sind heute ausgestorben. Homo sapiens hat ziemlich schnell ausgefeilte Jagdmethoden entwickelt, und als er dann vor zehntausend Jahren mit der Landwirtschaft begann, wurde das Ganze noch einmal beschleunigt. Seit dieser Zeit werden Lebensräume ganz einfach vernichtet, zum Beispiel durch Brandrodung. Jetzt verschwinden auch kleine Vögel und Insekten, und damit wird die gesamte Mikrosphäre verändert, sie verarmt. Seit dem 16. Jahrhundert, als vor allem die Europäer begannen, weltweit Handel zu treiben, wurden alle möglichen Spezies vom Pflanzensamen bis zum Raubtier in Lebensräume gebracht, wo sie nicht hingehörten wieder ein entscheidender Eingriff. Und nun, im neuen Jahrtausend, werden wir eine weitere Zerstörungswelle erleben, wenn wir das Klima nicht in den Griff bekommen. Allein ein Anstieg der globalen Temperatur um drei Grad Celsius würde zu einer Verschiebung von Klimazonen führen, so dass viele Tierarten und Pflanzen sich nicht anpassen können und aussterben werden. Gero von Boehm: Aber Sie sind überzeugt, dass wir Menschen eine Zukunft auf der Erde haben? Edward O. Wilson: Ja, das glaube ich. Selbst mit einer ärmeren Fauna und Flora können wir natürlich leben. Ich glaube nicht, dass die menschliche Rasse aussterben wird, selbst wenn wir die Hälfte aller Pflanzen und Tiere auf der Erde ausrotten. Es geht nicht so sehr um unser physisches Überleben auf diesem Planeten, sondern mehr um die geistige Verarmung, die sich automatisch ergibt, wenn die Natur immer mehr reduziert wird. Wir werfen ein Stück Schöpfung weg und begeben uns wichtiger Möglichkeiten der ästhetischen und geistigen Erfahrung, aber auch der Möglichkeit, die tieferen Zusammenhänge der Artenvielfalt zu erforschen. Gero von Boehm: Für viele ist bereits die Tatsache, dass wir als Menschen nicht so schnell von diesem Planeten verschwinden werden, eine gute Nachricht. Was mit den Arten geschieht, ist ihnen egal. Edward O. Wilson: Ja, und genau diese Einstellung ist sehr gefährlich. Natürlich ist es Unsinn zu behaupten, dass das Ende der letzten Regenwälder auch das Ende unserer Spezies bedeutet. Man hört ja auch oft das Argument: »Wozu brauchen wir überhaupt so viel Natur? Menschen können doch auch in der Stadt leben.« Meine Antwort ist eine Gegenfrage: »Habt ihr jemals Kühe oder Schafe in der Massentierhaltung gesehen, wenn sie gefüttert werden? Sie scheinen glücklich zu sein, weil sie zu fressen kriegen, aber sie sind keine vollständigen Kühe oder Schafe mehr.« Ich glaube nicht, dass wir als Menschen seelisch und geistig vollständig sind, wenn man uns die Umgebung nimmt, in der sich unsere Spezies entwickelt hat. Aber genau das geschieht. Die Bevölkerungsexplosion wird vermutlich gegen das Jahr 2050 einen Höhepunkt erreicht haben. Es leben dann schätzungsweise zwölf Milliarden Menschen auf diesem Planeten, wenn die Entwicklung so weitergeht, man für die Geburtenrate den Faktor 2,2 zugrunde legt (1997 betrug er 2,6) und berücksichtigt, dass die Menschen durch die medizinischen Fortschritte immer älter werden. Insgesamt wird sich auch der Lebensstandard verbessern. Aber der Preis, den wir für all das zahlen, ist der rasend schnelle Verbrauch des gesamten in Millionen Jahren entstandenen ökologischen Kapitals unseres Planeten die natürlichen Ressourcen und die biologische Vielfalt eingeschlossen. Noch nie zuvor in der Geschichte des Planeten hat eine Spezies derart massiv in die Umwelt und in das Klima eingegriffen wie der Mensch. Er verschmutzt das Wasser, minimiert ständig die Waldbestände und sorgt für die Ausbreitung der Wüsten. Gero von Boehm: Warum ist unsere Zukunft als Menschen so eng verbunden mit der Zukunft der anderen Arten, seien es Ameisen Ihr bevorzugtes Forschungsobjekt , Würmer oder Pflanzen? Edward O. Wilson: Weil die Vielfalt der Arten für ein gesundes Gleichgewicht sorgt. Das Wort »gesund« meine ich auch so. Unsere Gesundheit, unser Leben ist gefährdet, wenn wir so stark in das Gleichgewicht eingreifen. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Natur zu wehren beginnt. Nehmen Sie nur die Erreger, denen wir auf diese Weise ganz neue Angriffsflächen bieten. Gero von Boehm: Wie viele Arten werden nach Ihrer Schätzung bis zum Jahr 2030 verschwinden? Edward O. Wilson: Wir kennen Arten, die jetzt massenhaft zugrunde gehen das ist sehr gut dokumentiert. Süßwasserfische in Malaysia gehören dazu, Vögel und Säugetiere, das Sumatranashorn, von dem es nur noch weniger als fünfhundert Exemplare gibt, der Riesenpanda in China, viele Vogelarten in der Südsee. Die Liste ist schier unendlich. In den nächsten dreißig Jahren werden zwischen zwanzig und dreißig Prozent der Arten spurlos verschwinden, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Und ich zweifle sehr stark daran, dass wir das Blatt wirklich wenden werden. Denn schon heute wissen wir ja genau, was wir da tun und wir tun es trotzdem. Gero von Boehm: Es gibt die Idee, eine Art Manhattan-Projekt zur Rettung der Arten zu beginnen: Das Ziel wäre es, von jeder heutigen Art mindestens ein Exemplar zu erhalten, mit der Möglichkeit, Pflanzen und Tiere zu klonen und zur gegebenen Zeit dann wieder größere Populationen entstehen zu lassen. Was halten Sie von solchen Ansätzen? Edward O. Wilson: Eigentlich bin ich immer auf seiten der Wissenschaft schließlich bin ich selber Forscher. Aber ich halte solche Projekte für höchst unrealistisch. Wenn wir die Kapazität aller Zoologischen Gärten der Welt zusammennehmen, könnten dort etwa viertausend Arten untergebracht werden, und das sind nur zehn Prozent aller gefährdeten Tierarten. Und auch Botanische Gärten könnten nur einen winzigen Teil der 250 000 gefährdeten Pflanzen beherbergen. Außerdem ist es unmöglich, die Millionen von Insekten, Pilzen und Bakterien, die die Basis für unser Ökosystem sind, im Labor tiefgefroren aufzubewahren. Es ist einfach unrealistisch zu glauben, dass wir auf diese Weise die gefährdeten Arten retten können, indem wir sie wegschließen und dann warten, bis wir sie irgendwo auf der Welt wieder aussetzen können, wenn die Zeit gekommen ist. Gero von Boehm: Das heißt: Ihr Glaube an die Technologie geht doch nicht so weit, dass Sie an ein großes Reservoir glauben, in dem die Arten überleben könnten? Edward O. Wilson: Nein, denn ich glaube, auch wenn wir viele Milliarden ausgäben, um Tiere und Pflanzen in Zoos und Botanischen Gärten zu sammeln oder ihre Klone in flüssigem Stickstoff aufzubewahren, wäre es niemals möglich, das einmal zerschlagene System wiederherzustellen. Da bleiben unüberwindliche Schwierigkeiten. Es ist so, als würde man versuchen, ein Rührei mit einem Löffel wieder zu einem ganz normalen Ei mit geschlossener Schale zu machen. Ich glaube an die Wissenschaft, aber Wunder vollbringen kann sie nicht. Gero von Boehm: Dennoch machen Sie nicht den Eindruck, als hätten Sie resigniert. Gibt es also noch einen Rest Hoffnung? Edward O. Wilson: Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, denn es gibt keine Alternative. Der menschliche Geist muss daran glauben, dass es gelingen kann, denn sonst würden wir die Flinte gleich ins Korn werfen. Damit würden wir uns aber unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung entziehen. Wir müssen jetzt mit aller Kraft Methoden entwickeln, mit denen man die Landwirtschaft ändern und verbessern kann, Methoden, mit denen sich die Ressourcen regenerieren lassen. Wir müssen die Ausbeutung der Regenwälder und Rohstoffquellen stoppen. Das ist die große Herausforderung im 21. Jahrhundert. Natürlich können wir den Planeten auch verlassen. Ich bin sicher, dass das technisch eines Tages möglich sein wird. Aber die eigentliche Herausforderung besteht doch tatsächlich darin, die Erde wieder für den Menschen und für möglichst viele andere Arten bewohnbar zu machen und die Zerstörung der Schöpfung so weit wie möglich aufzuhalten, wenigstens ihr Tempo zu verlangsamen. Niemand glaubt doch im Ernst daran, dass wir hier das ewige Leben haben. Aber die menschliche Existenz und unsere Koexistenz mit der Natur sind es doch wert, dass wir den Tag X so lange wie irgend möglich hinauszögern. Gero von Boehm: Voraussetzung für den Wandel, den Sie fordern, wäre zweifellos ein Umdenken selbst wenn das nicht von heute auf morgen geschehen kann. Dieses Umdenken kann nur erfolgreich sein, wenn wir die Welt wieder als Ganzes sehen, vor allem auch die Welt des Wissens. Sie fordern eine neue »Einheit des Wissens«*. Edward O. Wilson: Ja, ich hoffe, dass dieses alte und eigentlich sehr erfolgreiche Prinzip aus der Philosophie auf unsere moderne Zeit anwendbar ist und uns wieder die Augen öffnet für die Zusammenhänge. Ich möchte das Wissen aus einzelnen Disziplinen wieder miteinander verknüpfen so wie das in den Naturwissenschaften schon geschieht. Wir wissen, wie wir die Physik mit der Chemie verknüpfen können. Das funktioniert nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung. In diesem Jahrhundert ist die Biologie revolutioniert worden, indem sie wiederum mit Physik und Chemie verknüpft wurde. So entstand eine Kontinuität der Erklärungen. Das war schon der Traum der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert. Newton, Francis Bacon und Leibniz wollten sich nicht mit einer einzigen Erklärung zufrieden geben, sondern in der Lage sein, alle Formen des menschlichen Denkens, von Wissenschaft und Kultur so zu verbinden, dass eine Kontinuität entsteht. Die Kontinuität als Ganzheit der menschlichen Erfahrung. Das ist kein mystisches Konzept, das ist ein Konzept der Analyse, der Forschung und des Verständnisses. Im frühen 19. Jahrhundert waren diese Ideen dann plötzlich nicht mehr gefragt, und ich glaube, wir müssen sie jetzt wiederbeleben, weil sie uns einen im Wortsinn »natürlichen« Blick auf unsere eigene Spezies ermöglichen. Wir müssen die Spaltung von Natur-, Geistes- und Humanwissenschaften überwinden, dann hat der wissenschaftliche Fortschritt etwas Befreiendes, und dann werden wir unsere Spezies endlich als Teil der biologischen Welt begreifen und verstehen, warum auch der Rest dieser biologischen Welt so entscheidend wichtig für unsere Zukunft ist. Es wird plötzlich klar, dass jede Verletzung dieser biologischen Welt auch für uns eine Verletzung bedeutet, die uns ärmer macht und unsere Existenz gefährdet. Gero von Boehm: Wie wird die Evolution des Menschen weitergehen? Welches könnten die nächsten Schritte sein? Edward O. Wilson: Im Augenblick entwickeln wir uns nicht in eine bestimmte Richtung. Wir bilden nicht längere Zähne aus, keine besser arbeitenden Nieren, kein kräftigeres Herz, und wir werden auch nicht schlauer. Das heißt: Es gibt zur Zeit keine Evolution, die irgendwelche Fortschritte macht. Aber wir beginnen zum Beispiel, genetische Fehler auszumerzen. Damit werden wir uns aber nicht zufrieden geben. Sondern, sobald es möglich ist, werden wir auch in das normale Genom eingreifen und dort Verbesserungen anbringen: Wir werden klügere und stärkere Menschen produzieren wollen. Die Perspektive einer solchen »willensgesteuerten Evolution« eine Art entscheidet, was mit ihrem Erbgut zu geschehen hat wird die tiefgreifendste intellektuelle und ethische Herausforderung sein, der sich die Menschheit jemals gegenübersah. Gero von Boehm: Wovor haben Sie Angst? Edward O. Wilson: Um ehrlich zu sein: Ich würde es vorziehen, nicht zu sterben. In diesem Zusammenhang zitiere ich gern Woody Allen, der meinte: »Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.« Aber ganz ernsthaft: Ich habe Angst davor, in dem Gefühl zu sterben, dass wir den Kampf um biologische Vielfalt tatsächlich verlieren werden und dass die Massenvernichtung der Arten weitergeht. Das würde mich sehr traurig machen, und ich möchte nicht traurig sterben. Edward O. Wilson Die Einheit des Wissens Deutsch von Yvonne Badal Siedler Verlag, Berlin 1999 448 Seiten DM 49,90/öS 364,-/sFr 46,- |
| #133 ttttttt17.08.2005 - 12:28 |
| Marian Apparitions: Facts and Theological Meaning Introduction This feature offers comprehensive information on some aspects of the apparition theme. After a useful introduction on the nature of apparitions, this document studies the facts of some major and recognized apparitions (e.g. Lourdes) and cautions against some occurrences not recognized or rejected by the Church. The second part deals with the theological significance of apparitions, and examines their biblical sources and juridical implications. The author of this document is Fr. René Laurentin. The contents form part of a book called "Mary in Faith and Life in the New Age of the Church", published by The Marian Library/International Marian Research Institute in 1980. The text published here corresponds to pages 353-486. If the theological basis of this presentation and most of the factual information have not changed, this text does not take into consideration recent developments regarding apparitions (e.g. Medjugorje). It needs to be kept in mind that there exist more recent and comprehensive studies on apparitions or specific questions related to this Marian phenomenon. Nature of Apparitions In more simple terms and to come to our precise topic: What is the nature, the function, the status of the apparitions of Mary? In the teaching of the Catholic faith, Christ and the Virgin Mary are capable of apparitions. This is not the case with God in himself. God is by nature invisible, inaccessible (this is true also of angels and separated souls. Christ, invisible as the Word of God, became visible by personally becoming man, that is to say, by assuming a human existence, soul and body. Thus, he became, by a new title, the visible image of the invisible God - he in whom the plenitude of the divinity dwells corporally, according to Col. 2:9. The Incarnation was not a passing phenomenon. Our faith is the opposite of Platonism, which considers salvation as a liberation from the body and from matter. The essential mystery of Christ is his resurrection. He kept a visible body, and it is the pledge of our resurrection. Concerning the Virgin Mary, as Pope Pius XII defined on November 1, 1950, she was the first to participate in the mystery of the risen Christ. She was taken body and soul into his glory. In this way, Christ and Mary are visible, in contrast to separated souls. [N.B. We will not discuss here the theory of Rahner, according to which the Resurrection would be immediately after the death of each person, a theory inspired by a reflection on the mysterious relations between time and eternity.] We will take care to distinguish carefully two problems: one essential and the other incidental. First, it is of the very essence of faith to take someone\s word for the existence of an object which we do not perceive by our five senses, by the objects of this world, and even by an experience of intimate communication. However, when we believe, we take the word of God that they exist, and that we are in an invisible relationship with them. Second, the incidental problem is to see precisely the modality according to which that which is by nature invisible or inaccessible can become sensible and the object of our experience. Let us begin by defining the word which indicates the object of our course. What is an apparition? In the general sense of the word, we can give the following definition: "the manifestation, perceived by a subject, of a being, the vision of whom in this place and in this moment is unexplainable according to the normal course of things." Let us make some comments on the diverse aspects of this definition: 1. The term "apparition" suggests a visible manifestation, a perception of the visual order. It happens that sometimes the apparitions of the Virgin are purely visual, as in the case of Pontmain. However, more frequently, there is added an audial perception" a message which can be in certain cases reduced to a perception of the intellectual order. The sense of smell can be involved, likewise that of touch, as apparently happened in the case of Saint Catherine Laboure, who said that she placed her hands on the knees of the Virgin before whose feet she was seated, on the night of July 18-19,1830. In practice, "apparitions" and other presumed supernatural communications are ordinarily designated as private revelations, as opposed to Revelation. This current vocabulary intends to distinguish Revelation, as official and public, from non-official revelations, which are incidental and which can happen in the course of the centuries, while Revelation is closed. The word "private" is ambiguous, since many of these revelations have a rather public destination. The visionary receives a mission to speak to the Church. And Bishops or even the Pope have contributed to the public character of such messages. For this reason, it is better to distinguish more precisely: a) Revelation: foundational, essential, biblical, closed with the era of the Apostles, and b) particular revelations, made after the former, no longer to uncover something unknown, but to recall the first Revelation, to aid us to live it better, and to draw from it certain consequences, in a particular time and place. 2. The word "apparition" implies a surprising, marvelous, or astounding character of the manifestation; it is related to the etymology of the word miracle (from the Latin word mirari, which signifies "surprising, capable of arousing admiration" . Thus we sometimes hear the expression " It is an apparition" to characterize a surprising, happy or marvelous encounter .3. The classic definition adds, however, that we speak of apparition when the manifestation is exceptional; thus: "unexplainable according to the normal course of things." It would not normally be seen at the time or in the place where it appears. For those who encountered the Virgin Mary at the wells of Nazareth, there was no apparition. If she was seen in the grotto of Lourdes, above the fountain which she caused to spring up there, we can then speak of an apparition. Reflection on apparitions involves thus a general reflection on space and time. Certain objects or persons are not visible in a place because of distance. If one of my students from Angers or from Paris would suddenly be present in this room during this course of Dayton, that would be an apparition. But there can also be distance in time. If I go to Rome I would not encounter -except by apparition - either Julius Caesar or the apostle Peter who were both in the same place and time in the past. Supernatural apparitions, the object of our course, present the problem on still another level. If the Virgin Mary is not normally visible, it is a problem in the order of time rather than in the order of space. It is not just because heaven is elsewhere, or because Mary belongs to the PAST like Julius Caesar, whom we no longer encounter if we go to Rome. It is because she does not belong any longer to our time and space, but rather to the duration of God, who gives to his elect a share in his life. A supernatural apparition is a communication between beings belonging to two heterogeneous orders of duration: let us call them, to simplify, space-time and space-eternity , the latter one being the space of which the duration of God is the measure. The difficulty of using rational categories in discussing these things is that, even if we have an experience of time, we have no experience of the duration of God and his elect. From this point of view, we do not accept the difference drawn (naïvely) by classic theoreticians of spirituality between apparition and vision. The apparition wouId be an objective encounter, and the vision, a subjective representation. One cannot oppose the subjective and the objective in such a simple manner. All objective knowledge is the action of a subject, affected by his subjectivity and by his diverse sensible impressions. There is a subjective element in all objective knowledge, beginning with the visual or audial perception which affects the organs of our senses and our nervous system. Our objective knowledge of the exterior world comes from a qualitative and symbolic decoding of subjective, quantitative and natural modifications which affect us. If the Virgin or the Risen Christ appear today on earth, it cannot be in the manner of flying saucers coming from another planet, according to the mythology of science- fiction. If their glorious bodies are outside our view, this is not so much a problem of distance in space, but rather because they belong to another duration. This gives their apparition a mysterious character. This can explain why the apostles were disconcerted by the apparitions of Christ, and why those thousands who surrounded Bernadette at the foot of the niche of the apparitions did not - in contrast to Bernadette - see anything. Marc Oraison, a French priest-physician who died last year, liked to say, "When Bernadette or another visionary perceived in a given moment of time and space an object which others could not see, I say, from a clinical point of view, it is a matter of a vision without a sensible object, thus a matter of hallucination." A psychiatrist and a Psychoanalyst who were present at one of the last presentations of Oraison told me that, "the medical conceptions of our colleague are a bit outdated." In what sense? In the sense that today we can no longer oppose the objective and the subjective in such a simplistic manner. Let us take up the classical analysis of sensible perception. Vibrations, which are characterized by the number of their frequency and not by colour, strike the retina. There they produce physical-chemical modifications which are transmitted along the nervous system up to the brain centre of vision, where the influence is transmitted (always by .physical-chemical modifications) to the motor centre. Here is produced a phenomenon of another order, vision. This is an act of the subject who decodes subjective modifications (vibrations, etc.). The mechanism of information is complex and centripetal. Vision is simple and centrifugal. It perceives the object as exterior, qualitative (coloured), symbolic. . . and real. The fact of apprehending an object - the other as other - is the proper action of knowledge, what we call its intentionality, its capacity to contact reality through information (or impact) which affected the knowing subject in his subjectivity. The first philosophers who attempted this analysis of sensible knowledge were bothered with this. They multiplied disturbing assertions such as: "When I cease to look at the forest, it ceases to be green (or even, it ceases to exist)" or "Perception is a true hallucination." It is true that there is no colour in itself in nature, independently of a subject who perceives it. But, for all that, it is not true that colour is an illusion and the world a place of desolation. The mental mechanism which decodes vibrations according to their number, and causes us synthetically to perceive colour , attains well the reality in an objective way. The proof of this is that we understand each other very well about colours, and we all perceive them in the same manner. We should conclude, therefore, that sensible knowledge is not reducible to subjective mechanisms. It is an intentional act of a subject who attains an object by means of this information and a complex decoding - The vibration process and the chemical processes (Qualitative). Other mysterious ways of knowledge are possible. Those who explore the metapsychic area believe that there exist communications of a telepathic type; however, of these we know practically nothing. We know still less of what can be termed supernatural communication. This communication, as gratuitous, is not open to experimentation, thus to a scientific study. But nothing prevents it from being objective. Those who have received such apparitions say, however , that they are truer than every-day perceptions, that before them other perceptions or communications pale. A normal, open reflection on supernatural apparitions should not begin from the category proposed by Marc Oraison, but should return to the terms of the problem. Instead of saying, "If any sensible object is perceived by a visionary it is a victim of a hallucination," we should rather ask, "If Christ or the Virgin would want to manifest themselves in our time, enter (according to their free choice) into communication with a person or a group of persons, what could be the mode of the communication employed?" It would evidently not be the ordinary mode. It is, according to the experience of visionaries, a communication that is more intimate and existential, but which is not, for all that, less real. The person who wishes to be perceived (Christ or the Virgin) can be really perceived, even if that person does not enter into the ordinary mechanisms of perception, like an object emitting coloured vibrations similar to those of another terrestrial body. This analysis was necessary to prevent a certain naiveté (the naïveté of an elementary science) and to permit us to enter into this domain with a necessary openness and humility of spirit, an openness at once theological and scientific. A merely systematic spirit is not admissible in such a field, It is too pretentious. New Interest in Apparitions It is a sign of the times that I am invited here to treat the question of apparitions. When I began teaching at Dayton, in the years 1966-1970, I was advised not to treat this subject. It would not interest Americans, I was told. It is a European matter; we have no equivalent of Lourdes or the Rue du Bac, etc. However, at that time, Europeans also looked down on apparitions. Some saw in them forms of an archaic, popular, retarded, contemptible piety, perhaps even a pathological hallucination raised to a supernatural phenomenon. A theologian occupying himself with apparitions was decadent and discredited. And as a regrettable consequence, this domain was abandoned by the learned and surrendered to the improvisations of enthusiasms, to the exaltation of subjectivity, and this displacement resulted in contempt. If the opposition to apparitions was especially the result of Protestantism, born of a reaction against the abuses of popular religion in favour of a return to naked faith, Catholics sometimes surpassed Protestants in this criticism and in this severely, especially in the 1950s and 1960s. For this reason, we will see, apparitions and private revelations were systematically and radically repressed in the Church, a repression that did not always succeed, perhaps because it was an excessive reaction to phenomena which spring from an irrepressible religious function. This is one of the problems we must treat. In these recent years something has changed. We are witnessing, in every domain, a revenge of the irrational over rationalism. We have returned from a certain abstraction in religious matters, as we have returned from a certain asepsis in medical matters, an attitude which would have wanted to suppress every microbe, and thus risk destroying life itself. So, today, we find ourselves in a climate favourable to posing questions too often neglected. A presence is normally manifested. God and the supernatural are the object of epiphanies (manifestations), according to the Biblical and the most ancient and constant Tradition. Therefore, we have to raise the following questions: Are apparitions the outmoded survival of the mythological religion, called to disappear with the arrival of the scientific age and of modernity? Or are they, on the contrary, a normal component (although, secondary) of Christian life? In what sense? Is faith so much the better by being abstract and thus without sensible or supernatural signs? Is this the absolute sense of the word of Christ, "Blessed are those who have not seen but who believe"? Or rather, is Christianity a religion that involves sensible links, that is, signs, and among those, signs which are supernatural and exceptional, such as apparitions and private revelations? What is the place of these supernatural, sensible phenomena? Are they important or accessory? What is their function? Are they an epi-phenomenon? A consolation or an aid? Are they a gift relative to certain situations or spiritual needs? Are they a charism and of what order? What should we think of the apparitions of the Virgin? What is their place? Why in these last centuries have we spoken almost only of these, from Guadalupe to the Rue du Bac, Lourdes, Fatima, Banneux and Beauraing? Why do these apparitions have such a lustre? Why have they received such recognition from the papacy, traditionally so reticent in such matters? How does this papal acknowledgement articulate with the traditional suspicion of authority? How should we classify such sensible supernatural phenomena, such as lachrymation (Syracuse), miraculous images and other miracles? Why do we practically not speak of any apparitions prior to the modern apparitions (if we are to judge from Mariological Treatises)? Why have the prior apparitions not left at least traces, remembrances, or approbations? Why, finally, have the approbations ceased (in effect) for the last half century? (The last apparition approved was Banneux, which dates from 1933; it was approved only in 1947.) Why since then do we see flourishing such a disarray of apparitions, like San Damiano, Kerizinen, Garabandal, Paomar de Troya, Bayside? (A list of 210 was made in 1971-1973 by Dom Bernard Billet (Vraies et fausses apparitions, Paris, Lethielleux, 1973, 2nd ed. 1916). In response to these questions, we will present the following: First, we will treat the principal modern apparitions, those which we have mentioned already (from Guadalupe to Banneux, the last recognized apparition). We will also examine the problem presented by the numerous non-recognized apparitions: those reproved, forbidden, condemned. Further, we will work back from there to refer briefly to previous appearances made during the first Christian centuries. Then in the Second part of this study, we will reply to the questions posed: What is the function, the status, and the nature of apparitions, more specifically the apparitions of the Virgin, the object of this course? |
| #132 tttttttttt17.08.2005 - 12:24 |
| Lesenswertes Scholastika und Benedikt: - "Geh fort, wenn du kannst!" Vortrag am 6.4.2003 Dr. Ursula Silber, Schmerlenbach I. Einleitung Hört man von "großen Paaren", so denkt man zunächst an Liebespaare: Ehepaare, Brautpaare, Liebespaare in allen Varianten. Heute geht es um eine andere Paarbeziehung, nämlich ein Geschwisterpaar. Zwei, die aus einem Holz sind. Auch eine Liebesbeziehung, könnte man sagen - aber eine andere Art von Liebe, eine Liebe, die weniger erotische Anziehung beinhaltet als vielmehr Vertrautheit miteinander, sich kennen, zueinander stehen. Mit dem Bruder oder der Schwester teilt man das Zuhause, die jeweilige Familiengeschichte, die Familienkultur, die Eltern, manchmal das Zimmer oder sogar das Bett, man teilt - mehr oder weniger freiwillig - die Spielsachen und die Süßigkeiten. Unter Geschwistern streitet man sich, als Kinder und oft auch noch als Erwachsene. Man steht oft in Konkurrenz zueinander, beneidet den oder die andere, fühlt sich zu kurz gekommen oder zurückgesetzt, verschaukelt oder gar betrogen. Geschwister sind Spielkameraden füreinander, Bezugspunkt, manchmal Verbündete gegen die Eltern. Geschwister untereinander kennen sich oft auch so gut wie sonst kaum Menschen - einfach, weil sie so viele Jahre und so eng miteinander gelebt haben in der Familie. Im Guten und im Bösen - die Geschwisterbeziehung ist schon etwas ganz besonderes. In der Lebensbeschreibung von Benedikt und Scholastika wird ihre Beziehung ausdrücklich als Geschwisterlichkeit beschrieben und charakterisiert. II. Biographisches Über beide existieren nur wenige historische Fakten im modernen Sinn, sie haben auch keine eigenen Textdokumente hinterlassen (ausser der Regel). Die einzige Quelle, aus der wir etwas über sie wissen, sind die "Heiligenlegenden" des hl. Gregor. Der Papst mit dem Herzen eines Mönchs schrieb etwa zwei Menschenalter nach Benedikt und Scholastika "4 Bücher der Dialoge"; in ihnen erzählt er in fiktiven Gesprächen mit seinem Schüler Petrus die Lebensgeschichte und vor allem die Wunder verschiedener Heiliger. Seine Erzählabsicht dabei ist zu zeigen, dass auch Italien seine großen Heiligen hat, nicht nur das Heilige Land oder Südgallien, die damals die fruchtbarste Erde für Heilige lieferten. Das 2. Buch dieser Dialoge ist mit 38 Kapiteln ganz allein Benedikt gewidmet. Einige geschichtliche Ereignisse, Orte oder Namen lassen sich festmachen, so dass wir das Wirken Benedikts etwa um das Jahr 540 n.Chr. ansiedeln können. Es ist die Zeit des Umbruchs von der Antike zum Mittelalter, die Zeit der Völkerwanderung. Die germanischen Goten fallen nach Italien und Südgallien ein: Kriegszüge, Kämpfe, Plünderungen sind die Folge. Kirchlich und religiös bringen die Goten die längst verurteilte Irrlehre des Arianismus wieder, quasi als zweite Konfession. Innerhalb der römischen Kirche gibt es eine Parteienspaltung, die in der Wahl zweier verschiedener Päpste gipfelt und längere Verwirrungen zur Folge hat. Die Zeit ist aus den Fugen, und die Menschen damals haben das auch so empfunden und darunter gelitten. Benedikt ist in diese dunkle und wirre Zeit hineingeboren, etwa zwischen den Jahren 480 und 490. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie in Nursia, die ihn zum Jura-Studium nach Rom schicken wollte. Dort trifft der junge Benedikt auf eine Welt der Dekadenz, des Konsumrausches, der Parteienstreitigkeiten. Da will er sich nicht hinein ziehen lassen, hat keine Lust mehr, steigt aus. Er schließt sich zunächst einer Gruppe von Einsiedlern an, geht dann aber für drei Jahre ganz allein in eine Höhle. Ein benachbartes Kloster wirbt ihn als Abt an, was aber nicht gut geht und sogar in einem Mordversuch der Mönche an ihrem Abt endet. Nach diesem Zwischenspiel entschließt Benedikt sich zu einer eigenen Gründung: zunächst sind es 12 untereinander verbundene Kleinklöster in Subiaco, später gründet er - eine Neuheit - ein großes Kloster auf dem Monte Cassino. Geschichtliche Wirkung hat mehr als die Person Benedikts die von ihm komponierte Regel für das monastische Leben. Sie ist ein Entwurf für ein gemeinschaftliches religiöses Leben, der lange (bis zu Franziskus) Grundlage für alle klösterlichen Regeln war und bis heute in vielen klösterlichen Gemeinschaften lebendig ist, in Männer- und Frauenklöstern, sozial aktiven und kontemplativen Kongregationen, katholischen und evangelischen Gemeinschaften, auf allen Kontinenten. Die Benediktsregel will in einer Welt des Chaos, wie sie damals zur Zeit der Völkerwanderung herrschte, eine Lebens-Ordnung schaffen: Ordnung von Zeit und Raum, von Lebensstil und Alltagsritualen, auch geordnete Beziehungen. Gutes Leben braucht Richtschnur und Maß, braucht Gleichgewicht und Ausgewogenheit (zB. von Arbeit und Gebet). Ein gutes Leben braucht aber auch Kontinuität, das Aushalten und Dableiben, die Verwurzelung ("stabilitas" .Auf lateinisch lautet der Schlüsselbegriff der Benediktsregel: "Discretio". Discretio ist die Weisheit der Unterscheidung, Weisheit des Maßes. Was gut gut und was schadet, und in welchem Maß, nicht zu viel und nicht zu wenig, ob es sich dabei nun um das Beten, das Fasten, die Arbeit oder die tägliche Menge Wein handelt. Allzu viel ist ungesund! Auch oder gerade religiöser Eifer kann ja zu Fanatismus werden. Der Schlüssel zur Regel, der Schlüssel zu einem guten Leben nach Benedikt ist eben diese Weisheit des Maßes und der Unterscheidung: die Nebensache nicht mit der Hauptsache zu verwechseln, den Weg nicht mit dem Ziel, die Mittel nicht mit dem Zweck. Über Scholastika, Benedikts Schwester, besitzen wir keine eigenen Quellen oder Dokumente außer zwei Kapiteln in der Lebensbeschreibung ihres Bruders. Es heißt, sie sei schon als Kind "Gott geweiht worden", dh. sie ist wohl in einer religiösen Frauengemeinschaft aufgewachsen. Dennoch behält sie Kontakt mit ihrem Bruder: Einmal im Jahr besucht sie ihn, sie bleiben im Gespräch. Die Legende sagt darüber hinaus, Benedikt und Scholastika seien im selben Jahr geboren: sollten es gar Zwillinge gewesen sein? Wie es auch gewesen sein mag, das Entscheidende ist jedenfalls die "Seelenverwandschaft" zwischen beiden, das eine der Geschwister bildet gleichsam "Zwillingsseele" des anderen. Diese enge Beziehung, das "in-Gott- verbunden-Sein", kann nicht einmal der Tod trennen; Scholastika und Benedikt werden in einem gemeinsamen Grab beigesetzt. Wer in der Lebensbeschreibung Gregors eine historisch korrekte Biographie sucht, wird freilich enttäuscht sein; aufgeklärte Theologen warfen ihm gar "Wundersucht" in seinen Erzählungen vor. Damit werden wir ihm aber nicht gerecht, nicht in seiner Zeit und nicht in seiner Erzählabsicht. Gregor will nicht ein Porträt, sondern eine Ikone malen, in deren Ausdruck und Goldglanz sich etwas vom Himmlischen widerspiegelt und für uns Betrachter aufleuchtet. Man hat seine Lebensbeschreibung auch eine "Bildbiographie" genannt. Die Wundergeschichten besitzen innerhalb dieser narrativen Theologie ihre eigene Funktion: nicht dass Gott Wunder wirkt, sondern wie er sie wirkt, ist das Entscheidende, das, was eigentlich erzählt und verstanden werden soll. In der Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt werden 24 Wunder erzählt: 23 davon sind Wunder, die Benedikt wirkt und die illustrieren sollen, welche Art Mann und Gottesmann er war; das 24., letzte Wunder aber ist nicht sein Wunder, es ist das Wunder seiner Schwester Scholastika. III. Die Begegnung Ausgangspunkt für die Erzählung dieses 24. Wunders ist eine Frage des fiktiven Gesprächsartners in der Rahmenhandlung: "Können die heiligen Männer alles, was sie wollen? Bekommen sie alles, worum sie bitten?" Die Antwort lautet erstaunlicherweise: Nein, auch Benedikt konnte nicht alles; auch er stieß an seine Grenzen, auch er fand seine Meisterin (wie auch schon der Meister Jesus seine Meisterin fand in der syrophönizischen Frau!) Und mit der verbündet sich auch noch der Himmel! Hören wir ein Stück aus dem 33. Kapitel: "Ich muss dir von dem ehrwürdigen Benedikt erzählen, dass auch er einmal etwas wollte, was er nicht vermochte. Scholastika, die Schwester des heiligen Benedikt, war schon von Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie pflegte ihn einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes stieg dann hinunter zu ihr, zu einem Klostergut, nicht weit von der Pforte. Eines Tages kam sie nach ihrer Gewohnheit, ud ihr ehrwürdiger Bruder stieg mit seinen Schülern zu ihr hinab. Den ganzen Tag verbrachten sie im Lob Gottes und in heiligen Gesprächen. Abends, als es dunkel wurde, aßen sie miteinander. Während sie zu Tisch saßen und es über den heiligen Gesprächen immer später wurde, bat ihn seine Schwester, diese gottgeweihte Frau: "Ich bitte dich, verlass mich diese Nacht nicht, damit wir bis zum Morgen weiter von den Freuden des himmlischen Lebens sprechen können." Er aber erwiderte: Was sagst du da, Schwester? Unter keinen Umständen kann ich ausserhalb der Zelle bleiben!" Der Himmel war so klar, dass nicht die kleinste Wolke an ihm zu sehen war. Als die gottgeweihte Frau hörte, dass ihr Bruder sich weigerte, legte sie die gefalteten Hände auf den Tisch, den Kopf darauf, und flehte zum allmächtigen Gott. Als sie den Kopf wieder vom Tisch hochhob, brach ein derart gewaltiges Blitzen und Donnern los und ging ein solcher Wolkenbruch nieder, dass weder der ehrwürdige Benedikt noch die Brüder, die bei ihm waren, auch nur einen Fuß über die Schwelle des Hauses hätten setzen können, wo sie zusammen saßen. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich, als sie den Kopf auf die Hände gelegt hatte, solche Ströme von Tränen über den Tisch fließen lassen, dass sie aus der Klarheit des Himmels ganze Regenströme herab zog. Und diese Regenflut setzte nicht erst eine kleine Weile nach ihrem Beten ein, sondern so genau war das Losbrechen des Regens auf ihr Gebet abgestimmt, dass schon der erste Donnerschlag zu hören war, als sie den Kopf wieder hob. Und als sie sich aufrichtet, strömt der Regen bereits hernieder - beides in ein und demselben Augenblick. Da nun der Mann Gottes sah, dass er unter solchen Blitzen, Donnern und strömendem Regen nicht zum Kloster zurück konnte, wurde er traurig und sagte vorwurfsvoll: "Der allmächtige Gott sei dir gnädig, Schwester. Was hast du da nur gemacht?" Sie aber antwortete ihm: "Schau, ich habe dich gebeten, aber du wolltest nicht auf mich hören. Da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh doch, wenn du kannst, verlass mich und kehr zum Kloster zurück!" Da er aber das schützende Dach nicht verlassen konnte, blieb er gezwungenermaßen, der freiwillig nicht hatte bleiben wollen. Und so kam es, dass sie die ganze Nacht durchwachten und sich durch heilige Gespräche über das geistliche Leben gegenseitig bestärkten. Darum sagte ich vorhin, er habe etwas gewollt, was er nicht vermochte. Wenn wir nämlich vom inneren Willen des heiligen Mannes ausgehen, so wollte er zweifellos, dass das heitere Wetter, bei dem er gekommen war, andauern möge und er also unbehindert rechtzeitig zum Kloster zurück kehren könne. Doch im Gegensatz zu dem, was er selbst gewollt hatte, sah er sich mit einem Wunder konfrontiert, das im Herzen der Frau ihren Ursprung hatte - kraft der Allmacht Gottes. Es ist nicht verwunderlich, dass die Frau, die solche Sehnsucht hatte, ihren Bruder noch länger zu sehen, damals mehr vermochte als er. Denn nach einem Wort des Heiligen Johannes ist Gott die Liebe. Nach gerechtem Ratschluss also vermochte die am meisten, die am meisten liebte." Die Szene erinnert zunächst an manche gefühlvollen Spielfilme. ER steht auf und sagt: "Ja, ich muss dann mal gehen." Worauf SIE in Tränen ausbricht. Selten jedoch geschieht in den Spielfilmen ein solches Wunder, das IHN am Fortgehen hindert und beide wieder ins Gespräch zurück führt. Auch hier werden wir Zuschauer eines "Machtkampfes", zumindest eines Kräftemessens zwischen zwei anerkannt heiligen und gottgeweihten Personen. Es gibt einen Konflikt zwischen beiden: Was ist jetzt wichtiger, das Gespräch oder die Rückkehr ins Kloster (und damit die Einhaltung der Regel)? Benedikts Position ist klar und auch verständlich: In der Nacht hat der Mönch in seiner Zelle zu sein und sich nicht draußen herum zu treiben; er soll das geheiligte nächtliche Stillschweigen bewahren und nicht stundenlang reden, und schon gar nicht essen und trinken außerhalb des Klosters! Interessanterweise handelte gerade Benedikts erstes Wunder von diesem Thema: Der Mann Gottes entdeckt zwei Brüder, die sich noch spätabends außerhalb des Klosters aufhalten und unerlaubterweise bei einer Frau einkehren; als der heilige Mann ihnen im Nachhinein aber alles auf den Kopf zusagt und ihnen sogar die Zahl der Becher, die sie getrunken haben, nennen kann, ist ihnen die Regelwidrigkeit ein für alle Male ausgetrieben, heißt es. Und Benedikt "hätte nie etwas anderes gelehrt, als er selbst lebte"! Da soll er jetzt die Regel brechen und einer Frau wegen außerhalb des Klosters bleiben, mit ihr essen und trinken und Gespräche führen? Disziplin und Konsequenz sind eigentlich seine hervorstechenden Eigenschaften, und davon will er sich auch nicht durch die eigene Schwester abhalten lassen! Scholastika sieht das anders. Sie sieht und spürt in diesem Moment die Notwendigkeit, weiter mit ihrem Bruder zusammen zu sein, das Gespräch weiter zu führen, die spirituellen Erfahrungen und Visionen miteinander zu teilen. Und vielleicht mag sie schon gewusst haben, dass sie nur ein paar Tage später die himmlischen Freuden, über die sie sprechen möchte, aus eigener Anschauung kennen lernen sollte, dass es jedenfalls auf Erden die letzte Gelegenheit des Zusammenseins mit ihrem Bruder sein würde. Jedenfalls hat sie, wie Gregor schreibt, eine große Sehnsucht. Benedikt will das nicht gelten lassen. Aber Scholastika verbündet sich mit dem Himmel, und der ist auf ihrer Seite. Die himmlischen Gewalten zwingen Benedikt kurzerhand, im Haus zu bleiben. Fast zeitgleich mit dem Tränenstrom der Frau strömt der Regen. Dabei sollten wir vorsichtigerweise schauen, was diese Tränen bei Gregor bedeuten: Da handelt es sich nicht um eine Frau, die nun mal nah ans Wasser gebaut hat und nun vor Enttäuschung und Traurigkeit zu weinen beginnt, erst recht nicht um eine typisch weibliche Waffe, die hier eingesetzt wird. Nein, Tränen werden in anderem Zusammenhang auch von Benedikt selbst berichtet, sie sind ein Zeichen für ein intensives Bewegtsein, sehr oft auch für die Intensität des Gebetes. Scholastika fühlt also ganz intensiv, sie sehnt sich intensiv, und so betet sie auch intensiv. Gregor interpretiert es für uns: Kein Wunder, dieses Wunder: denn Scholastika liebt, liebt so intensiv, dass sie mehr vermag als ihr Bruder, dass selbst Gott auf ihrer Seite ist. Die Liebe ist das Größte aller Wunder. Das zeigt die kleine Schwester ihrem großen Bruder, dem Wundermann, der genau da an seine Grenze gestoßen ist. Und sie zeigt es ihm selbstbewusst und gewiss mit einem schelmischen Lächeln, wenn sie sagt: "Geh doch, geh fort, wenn du kannst! Ich habe dich gebeten, und du wolltest nicht auf mich hören, und da habe ich Gott gebeten, und er hat mich erhört!" Einem Missverständnis muss dabei allerdings vorgebeugt werden: Es geht nicht um eine Haltung des laissez-faire, die die Regeln immer gerade so auslegt oder auch ignoriert, wie es ihr passt. Die ganze Lebensbeschreibung Benedikts erzählt uns, wie großartig und heilsam das geregelte Leben ist - mit dieser einen Ausnahme, die quasi das i-Tüpfelchen darstellt. Kommen wir noch einmal zum Schlüsselbegriff der "discretio" zurück, der Weisheit des Maßes. In dieser konkreten Situation erweist sich Scholastika als diejenige, die die größere discretio besitzt, weil sie mehr liebt. Sie weiss besser, was jetzt dran ist. In der Spannung von Weggehen und Dableiben, Festhalten und Loslassen hat sie ein Gespür dafür, dass das regel-gemäße Weggehen jetzt im Grunde ein Weglaufen und Verlassen wäre, dass jetzt nicht Abschied und Trennung anstehen, sondern noch ein bisschen mehr gemeinsame Zeit. Scholastika weiß: Liebe bedeutet Loslassen können, aber auch Verbindlichkeit in einer Beziehung. Es ist eine Weisheit des Herzens, die aus der Liebe kommt und die nun klar erkennt, was notwendig ist. Und das sieht auch Gott so. IV. Ausklang Der Scholastika-Tag am 10. Februar ist in vielen Klöstern das Fest der Novizen und Novizinnen. Schüler und Lehrer tauschen die Rollen, jung und alt, oben und unten. Es ist ein Rollentausch mit einem Augenzwinkern, aber auch mit einer tiefen Weisheit: die Weisheit des Ungeplanten und Unplanbaren, die Weisheit der Liebe und Sehnsucht, die sich manchmal über die Regeln hinweg setzt und hinweg setzen muss. Der benediktinische Grund-Satz "Gott suchen in allen Dingen", er gilt eben auch für die Situation. Gott suchen muss ich auch in dem, was gerade jetzt dran ist. Spüren, was der Moment erfordert, vor allem aber: was mein Gegenüber, was der andere Mensch braucht. Das ist sicher schwieriger als der Gehorsam gegenüber Regeln und Geboten, soweit es ein Buchstaben-Gehorsam ist. Es fordert von mir Wachheit, Aufmerksamkeit für den Augenblick und den anderen Menschen. Es braucht discretio als Gabe der Unterscheidung, es braucht Mut - und vielleicht auch das Augenzwinkern der Heiligen Scholastika, das um die himmlische Rückendeckung weiß - selbstbewusst, aber nicht selbstgerecht . Die meisten großen Frauen und Männer sind nicht heilig geworden durch reine Konformität, eher schon durch unkonventionelles, manchmal geradezu skandalöses Verhalten. Nicht um der Provokation willen, nicht um des Regelbruchs willen, sondern um der Liebe willen. Wo die Blume der Sehnsucht und die Liebe größer wächst als das Spalier der Regel, da verlässt sie diese Rankhilfe und wächst geradewegs in den Himmel hinein. "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!" Friedensgebet an Mariae Verkündigung, 24.3.2003 Die Lesung aus dem Jesajabuch passt in unsere Zeit, denn sie führt uns in die Situation der militärischen Bedrohung Jerusalems. Da erhält der Prophet von Gott den Auftrag, den König aufzusuchen, der gerade dabei ist, die Befestigungsanlagen seiner Stadt zu kontrollieren. Er soll ihm ein Heilswort verkünden, er soll ihm Mut machen. Aber nicht, weil sich der Herrscher bislang bestens auf den drohenden Krieg mit den Assyrern vorbereitet hätte und sich deshalb der tollkühnen Hoffnung hingeben dürfte der damaligen Weltmacht widerstehen zu können. Das alles nicht! Er soll ihm vielmehr Gottes Zusage bringen, der seine Hand schützend über die Nachkommen des König David, also auch über ihn, den regierenden König, halten wird. Noch einmal: nicht die Zuflucht zu militärischer Rüstung oder die Überredungskünste einer Diplomatie nach amerikanischem Strickmuster sind gefragt, sondern allein das Vertrauen auf den Gott, der verheißen hat, bei der Dynastie Davids zu sein, ihr die Treue zu wahren. Was Jesaja zu sagen hat, gipfelt in dem Satz: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!" - oder genauer: "Macht ihr euch nicht fest" - nämlich in Gott - "so bleibt ihr nicht fest", "so habt ihr keinen Bestand mehr". Dieser Anspruch ist zeitlos und gilt für das 7. Jahrhundert vor Christus, in dem Jesaja lebte, genauso wie für das Jahr 2003. Wir erleben seit vergangenem Mittwoch die Verweigerung gegenüber diesem Anspruch, wie das Vertrauen einem Krieg gilt, einem vermeintlichen Blitzkrieg sogar. Wir erleben wie nun überlegener Rüstung, wie der Taktik von Kampfverbänden, wie diplomatischen Drahtseilakten und Milliarden von Dollars an Stillhaltegeldern die oberste Priorität zukommt. Natürlich wird in diesem Zusammenhang auch Gott angerufen. Schließlich kämpfen beide Seiten für eine scheinbar gute Sache, aber damit ist das noch größere Übel unserer Tage angerissen: die Anmaßung, die Welt in Gute und Böse einteilen und die Beseitigung der letzteren im Rahmen eines "Abrüstungskrieges" in Anspruch nehmen zu können. Natürlich gilt das in gleicher Weise für den nun von der Gegenseite ausgerufenen "Heiligen Krieg". Welcher Krieg war jemals "heilig", welcher im letzten wirklich "gerecht"? Der König sieht sich außer Stande das von Jesaja geforderte Gottvertrauen aufbringen zu können. Da kündigt ihm der Prophet an, dass Gott von sich aus ein Zeichen setzen wird. "Die junge Frau" - so heißt es im hebräischen Original - "wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben." Gemeint war wohl die junge Frau des Königs. Ihr Kind soll mit dem Namen Immanuel ausgezeichnet werden. Denn in seiner Geburt wird sich zeigen, dass Gott bei seinem Volke ist. In einer späteren Zeit, nach dem Untergang Jerusalems, wurde dieses Zeichen umgedeutet auf die Erwartung eines endzeitlichen Friedenskönigs, des Messias: er sollte die Herrschaft Gottes, das Heil für alle Menschen heraufführen. Die ersten Christen haben in Jesus diesen verheißenen Friedensbringer erkannt. Von ihm hören wir im Evangelium: "Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob herrschen, und seine Herrschaft wird keine Ende haben." Das heißt in unsere Situation hineingesprochen: Er wird das letzte Wort haben; was auch immer zur Rechtfertigung dieses Krieges gesagt worden ist und was auch immer wir noch zu hören bekommen, vor ihm müssen sich all jene verantworten, die sich für die Anwendung militärischer Gewalt auf ihn berufen; aber genauso werden sich all jene rechtfertigen müssen, die ihr Vertrauen allein auf ihre militärische oder "moralische" Überlegenheit setzen. Das mag sehr apodiktisch, sehr schroff, vielleicht sogar anmaßend klingen. Das innerste Geheimnis des Festes Mariae Verkündigung besteht darin, dass Gott selbst Mensch geworden ist, um den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Dem, meine ich, sollten wir auch 2000 Jahre nach seiner Geburt noch Beachtung schenken und alles nur Mögliche für die Vermeidung weiterer Kriege tun! Stefan-B. Eirich, Geistlicher Leiter |
| #131 ttttt17.08.2005 - 12:22 |
| Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Sommerakademie! Ich beginne mit einem kleinen Bekenntnis zum Thema Schöpfungsspiritualität. Am Morgen lesen mein Mann und ich täglich einen Abschnitt aus der Bibel, fortlaufend, um dieses große und wunderbare Buch immer besser kennenzulernen und darin zu leben. So möchte ich Ihnen einen Text vorlesen über das Wasser des Lebens: Er steht im allerletzten Kapitel der Bibel: im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel: Nachdem der Seher Johannes das neue Jerusalem gesehen hat, die Stadt mit den zwölf herrlichen, immer offenen Toren, hinter denen das Leben transparent und einsehbar vor sich geht, heißt es im Text "Und der Engel zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; es geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom hüben und drüben stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker." Offenbarung 22, 1-2 Nichts Tröstlicheres gibt es für mich, angesichts der Katastrophen, die die Morgenzeitung meldet, als dies zu hören: Das Wasser des Lebens bewässert die Bäume, die überreichlich Frucht tragen, und die Blätter dieser vom Wasser des Lebens gespeisten Bäume dienen der Heilung der Völker. Die Natur hilft uns, die von Menschen angestiftete Zwietracht zu heilen. Was würden wir ohne sie tun? Das ist die Botschaft vom Wasser des Lebens. Nach der Bibellese lesen wir, wenn die Zeit es erlaubt, aus einem Buch mit dem Titel: "Earth Prayers", um die Bewahrung der Schöpfung in unser Denken und unsere Spiritualität einzubeziehen. Water. Lakes and rivers. Oceans and streams. Springs, pools and gullies. Arroyos, creeks, watersheds. Pacific. Atlantic. Mediterranean. Indian. Caribbean. China Sea. (Lying. Dreaming on shallow shores.) Arctic. Antarctic. Baltic. Mississippi. Amazon. Columbia. Nile. Thames. Sacramento. Snake. (Undulant woman river.) Seine Rio Grande. McKenzie. Ohio. Hudson. Po. Rhine. Rhone. Rain. After a lifetime of drought cleanses the air... Water. Water of Earth. Water of life. Earth Prayer, Seite 143, von Paula Gunn Allen. 1. Nachdenken über den Zustand der Erde: Sie haben sich schon viele Gedanken gemacht und wissen sicher genauer und umfangreicher als ich, wie der Zustand unserer Erde und unseres Wassers ist. Bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Winnipeg, dem Zusammenschluß der weltweiten lutherischen Familie, bei der es um die "Heilung der Welt" ging, wurde festgestellt: Die Schöpfung heilen: Auch die verwundete Schöpfung bedarf dringendst der Heilung. Die Erde wird auf Grund der Habgier der Menschen, ihrer Unwissenheit, der Übervölkerung und auch der Kriege als Folge von übermäßigem Konsum fortgesetzt weiter verschmutzt, was fatale Auswirkungen wie Dürre, Wüstenbildung, das Aussterben von Tiergattungen, Armut und Hunger nach sich zieht. Wir bekennen, dass wir Anteil haben an der Ausbeutung und Zerstörung der Natur. Allzu oft behandeln wir die Schöpfung als Objekt, das für unsere Zwecke zur Verfügung steht, und bringen ihr Wunden bei, anstatt dass wir uns selbst als Teil von Gottes kostbarer Gabe der Schöpfung wahrnehmen. Zu dieser Realität beigetragen haben irreführende theologische Haltungen: dass nämlich nur der Himmel eine Rolle spiele und nicht die Erde, dass die Menschen sich die ganze Schöpfung nutzbar und untertan machen sollen, einschließlich der menschlichen und ökologischen Beziehungen, und dass sich Gottes Erlösung allein auf die Menschen bezieht. Lutherischer Weltbund, Vollversammlung 2003 in Winnipeg/Kanada Seite 16 24/2003 epd-Dokumentation Dies ist eine Zustandsbeschreibung, die zugleich auch einige theologische Fehlentwicklungen anmahnt, auf die ich heute morgen eingehen möchte. Über den Zustand der Erde möchte ich aus der Rede des Chief Seattle zitieren: Wir wissen, daß der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht. Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er läßt die Gräber seiner Väter zurück - und kümmert sich nicht. Er stiehlt die Erde von seinen Kindern - und kümmert sich nicht. Seiner Väter Gräber und seiner Kinder Geburtsrecht sind vergessen. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste. Aus der Rede des Häuptlings Seattle, Seite 17/18 Der Lutherische Weltbund hat mit vielen anderen darauf verwiesen, daß die westliche Theologie von der Weisheit und Spiritualität der indigenen Völker einiges zu lernen habe. Auch die weisheitliche Theologie unserer eigenen Tradition trägt dazu bei, wie z.B. der 104. Psalm. Dazu müssten wir einiges verlernen: Verlernen müssen wir das Konzept der Beherrschung und Vorherrschaft, das in meinen Augen fälschlicherweise mit dem Schöpfungsauftrag verbunden wird "Machet euch die Erde untertan", der in säkularisierter Form bei Descartes lautet, daß die Menschen "maitres et possesseurs de la nature" seien, Herr, Benutzer und Besitzer der Natur. Zu lernen ist eine andere Positionierung des Menschen im Kosmos. _ Was hätten wir zu lernen? Den Satz: "Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns." In einem Text eines Vertreters der asiatischen Indigenous Peoples spricht sich das ökologische Selbst so aus: I am a feather on the bright sky I am the blue horse that runs in the plain I am the fish that rolls, shining, in the water I am the shadow that follows a child I am the evening light, the lustre of meadows I am an eagle playing with the wind I am a cluster of bright beads I am the farthest star I am the cold of the dawn I am the roaring of the rain I am the glitter on the crust of the snow I am the long track of the moon in a lake I am a flame of four colors I am a deer standing away in the dusk I am a field of sumac and the pomme blanche I am an angle of geese in the winter sky I am the hunger of a young wolf I am the whole dream of these things You see, I am alive, I am alive... N. SCOTT MOMADAY, Earth Prayers, Seite 8 Deshalb ist die Konsequenz schlicht und einleuchtend: "Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne (Kinder) der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser... Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an". (Seattle, S. 26) Schließlich sind wir angewiesen auf die Zuwendung der Natur und Schöpfung zu uns. "Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden". (Seattle S. 24) Die Wissenschaft geht inzwischen wohl immer mehr auch von dem Tatbestand aus, daß die Erde als ganzer Planet sich wie ein einheitlicher Organismus verhält. Das methodische Vorgehen, durch Trennung, Separierung, Sezierung dem Wesen der Dinge auf den Grund zu kommen - wie wieder sichtbar in den Ausstellungen "Körperwelten", bedient das Wissensinteresse, das in immer kleinere Einheiten des Lebens vordringt. Aber dient es dem Verstehen der Zusammenhänge des Lebens? Einer der wichtigsten Sätze für das Verstehen von Zusammenhängen sowohl im Persönlichen, im Politischen, in der Geschichte und auch der Kirche, ist für mich der Satz: only connect. Das Paradigma des Separierens ist an seine Grenzen gekommen, wo es dem Leben nicht mehr automatisch dient und den Anspruch, dies zu tun, aufgeben muß. Angesichts der ökologischen Zerstörungen müssen andere Methoden der Erkenntnisgewinnung und Heilung ausprobiert und durchgesetzt werden, Methoden, die sich an dem Satz orientieren: only connect. Eine fragmentierte Welt ruft nach heilender Verbindung. 2. Nachdenken über den Zustand von Kirche und Theologie. Ob wir es gerne hören oder nicht: Wir erleben heute die Krise des Christentums in der postmodernen Gesellschaft. Manche nennen das gegenwärtige Zeitalter gar das "nach-christliche". Die Institutionen, nicht nur die Kirchen, sind in einer Krise. Die Fähigkeit, Sinn zu stiften, die Gegenwartskrisen mit der religiösen Sprache und Symbolik aufzuschließen und zu deuten, ist in eine Krise geraten. Neue Formen der Theologie, z.B. Feministische Theologie und Verkündigung, die sich kontextbezogen diesen Krisen zuwenden - wenn es sie denn gibt - sind bisher kaum mehrheitsfähig in den "mainstream" von Lehren und Lernen, Liturgie und kirchlichen Alltag eingezogen. Die ökologischen Katastrophen können auch nicht mehr nur durch ein paar Aktivisten bearbeitet werden. Der "mainstream" der Gesellschaft und auch der "mainstream" der Theologie und Kirche muß sich diesen Herausforderungen stellen, wenn Heilung möglich sein soll. Als Frau der Kirche suche ich in meiner Tradition nach Hilfe aus der Krise: Die Antworten von gestern beantworten auch meine Fragen nicht. Das Verständnis des Herrschaftsauftrags angesichts einer bis zur Totalität beherrschten Natur beantwortet meine geistlichen Fragen nicht mehr. Die Weigerung, diese Krise überhaupt theologisch wahrzunehmen und zu bearbeiten, ist Teil des Problems. Die christliche Tradition, die Bibel, antworten auf sehr verschiedene Lebenssituationen. Die Antwort hängt von der Frage ab. Im 5. Mosebuch wird das Volk Israel von Gott vor eine entscheidende Frage gestellt, die auch heute ihre existentielle Direktheit nicht verloren hat: "Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen. Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben wählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen" 5.Mose 30, 19. Wir werden noch immer neu vor die Frage gestellt: Wählt das Leben, das eigene und das für andere. Leben heißt am Anfang des 21. Jahrhunderts: nicht Beherrschung, sondern Bewahrung, Achtsamkeit, Respekt. 3. Persönlicher Kontext Ich möchte auch etwas zu meinem persönlichen Kontext sagen: Als Bischöfin bin ich privilegiert, mit vielen Menschen zusammenzukommen. Ich sammle Lebenserfahrungen anderer Menschen ein, ich höre, transportiere, verknüpfe. Ich bin eine Rohrpoststelle (manchmal ist sie verstopft...). Leider habe ich nicht viel Zeit zum Lesen, das Privileg der Studierstube ist für mich geschrumpft zugunsten der Begegnung mit Menschen. Deshalb bin ich auf den Dialog angewiesen. In der ökumenischen Bewegung habe ich gelernt und mich dafür eingesetzt, den Streit zwischen den Friedensaktivisten der 8oer Jahre in Europa und Amerika, den Gerechtigkeitskämpfern der Dritten Welt und den AnwältInnen der Schöpfungsbewahrung zu beenden. Und in der Tat wurde bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1981 das Konzept geprägt, das im kirchlichen Denken seither eine zentrale Rolle gespielt hat: der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. In der Tat war die Einsicht gewachsen, daß alle Verstörungen in diesen Bereichen der Menschheitsfamilie eine gemeinsame Wurzel haben: die Selbstbezogenheit des Menschen, seine Habgier, sein Dominanzverhalten, seine Herrschsucht, der Mangel an Ehrfurcht, an Achtung, an einer Frömmigkeit, der noch etwas "heilig" ist. Der in den biblischen Texten eingeklagte Abfall der Menschen von den Weisungen Gottes führt dazu. Die schon in den biblischen Texten beschriebenen und angekündigten Katastrophen sind keine Strafen Gottes, sondern die den Taten selbst innewohnenden Folgen. Die Naturkatastrophen sind nicht Schicksal, sondern Folgen der Taten bzw. Untaten der Menschen. Hört das Wort JHWHs, ihr Israeliten! Denn einen Rechtsstreit hat JHWH mit den Bewohnern des Landes. Denn es gibt keine Zuverlässigkeit, und es gibt keine Solidarität, es gibt kein Wissen um Gott im Lande. Verfluchen, Betrügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen - das ist eingerissen, und Bluttat reiht sich an Bluttat. Darum wird das Land verdorren und vertrocknen alles, was darin wohnt, samt dem Wildgetier des Feldes und den Vögeln des Himmels, ja, auch die Fische des Meeres werden hinweggerafft! (Hosea 4,1-3 ) J.Ebach, Ökologische Theologie, Seite 100 Zu den Einsichten der ökumenischen Bewegung kamen die Einsichten der Feministischen Theologie und in den 90er Jahren, besonders die Einsichten eines gerade in Lateinamerika sich entwickelnden Ökofeminismus, der die Anliegen der Frauen, der Umweltbewegung mit denen der "2/3 Welt" verbindet. Ihre Stichworte sind: keine hierarchische Beherrschung, die Verbundenheit aller Dinge, Gegenseitigkeit, Sinnlichkeit (gegen den rein denkerischen Umgang mit dem Leben). Ich war lange Zeit eine Menschenrechtsaktivistin. Die Zerstörung menschlichen Lebens erschien mir immer so viel schlimmer. Aber mit zunehmender Sensibilität schmerzt es mich, sterbende Vögel zu sehen, es empören mich Flüsse voller Schaum, in enge Käfige gesperrte Tiere, das Töten von tausenden von Kühen, Schweinen und Hühnern infolge der entsprechenden Krankheiten. Darüber habe ich schon viele Tränen vergossen. Ich habe die Perspektive verlassen, alles existiere nur um des Menschen willen. Alles Leben ist miteinander verbunden. Die Gewalt gegen Tiere richtet etwas in uns an. Der Verlust der Erfahrung von Schönheit in der Schöpfung behindert uns, für das Leben zu kämpfen. Schönheitserfahrung ist eine Quelle der Gottverbundenheit und der Kraft. Kleine Katzen Als ich die vier kleinen schwarzen Katzen fordernd nach den Zitzen ihrer Mutter springen sah und mit winzigem Miauen ihr freches Spiel unter der Bank treiben, sank mir der Mut. Wo werden unsere katzenlosen Computer&64979;Kinder in Zukunft die Lust hernehmen, für ihre Erde zu kämpfen? Bärbel Wartenberg-Potter, Wir werden unsere Harfen nicht an die Weiden hängen, Seite 90 Wir müssen uns erlauben, den Schmerz zu fühlen über das mißbrauchte und zerstörte Leben. Erst dann können wir beginnen, die Mutter Erde zu retten. Die compassion, die Mitleidenschaft, die Mitleidensfähigkeit ist die Voraussetzung für jedes solide Engagement in diesen Fragen wie in jeder Frage menschlicher Solidarität. Als Bischöfin ist mir dabei besonders wichtig: ein neues Verständnis für das Heilige zu finden. Die tiefsten religiösen Überzeugungen müssen geweckt werden. Die Verknüpfung der Anliegen. Only connect. Das theologische Paradigma muß geändert werden, weil das bisherige Paradigma nicht in der Lage ist, mit der ökologischen Krise fertig zu werden. Wir reagieren auf den uns umgebenden Kontext. Dazu möchte ich nun einige Stichworte nennen, es können nur Stichworte sein, aber sie wollen die Richtung andeuten, in denen theologisches Denken sich bewegen müßte, um auf die Krisen der Gegenwart zu antworten. 4. Theologische Fragen Die Theologiegeschichte ist eine von patriarchalen Werten geprägte Geschichte. Für den Umgang mit der Schöpfung ist diese Einsicht von großer Wichtigkeit: Denn im Mittelpunkt patriarchalen Denkens steht der männliche Mensch als Krone der Schöpfung. Patriarchale Theologie hat eine Hierarchie der Werte aufgebaut: An der Spitze steht der Mensch, zuerst der männliche, dann der weibliche Mensch, dann kommen die Tiere, dann die übrige Natur. Die Natur ist soviel weniger wert als der männliche Mensch. Die Pyramide kam auch im Blick auf die Rassen zur Geltung. An der Spitze stand der weiße, es folgte der gemischtrassische, dann der schwarze Mensch, dann die Tiere usw. Die Phantasien der Menschheit, die sich auf Omnipotenz, Omnipräsenz, Alleswissen ausgerichtet haben und einhergehen mit der Hierarchisierung der Werte, haben die einfachen Sätze, die der Club von Rom in den 60iger Jahren aufgestellt hat, unterdrückt, nämlich: "Auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben". Nur wer die Begrenztheit des Lebens als ein zu überwindendes Hindernis ansieht, leistet solche Verdrängung. Frauen wurden in diesem Denksystem oft als Teil der Natur angesehen , während der männliche Mensch den Geist verkörpert. Die Spaltung zwischen Geist und Natur hat auch zu einem Dualismus der Geschlechter geführt. Deshalb sind Frauen auch in der Schöpfungsbewegung oft aktiver. Ein Denksystem, das seine Kraft zur Deutung der Gegenwart verloren hat und dem Leben keine Bedeutung mehr geben kann, muß verändert werden. Das neue Paradigma ökofeministischen Denkens stellt fest: Alle Dinge sind miteinander verbunden und voneinander abhängig. Die Schöpfung ist ein Netz. Ein Paradigma, das nicht bei der Begrenztheit und den Grenzen ansetzt, ist nicht mehr zukunftsfähig. Die Bibel gibt immer Antworten auf Menschheitsfragen: In Zeiten totaler Beherrschung, die die Ökosysteme in den Zusammenbruch führen, müssen wir die Theologie der Beherrschung beenden, wenn wir eine Botschaft des Lebens verkünden wollen. Und in der Tat lag in ihrer Ausgestaltung auch ein Stück Mißverstehen, als ob es sich um ewige Schöpfungsordnungen, und nicht um kontextbezogene Antworten auf Menschheitsfragen gehandelt hätte. 5. Gerechtigkeitsdenken der Bibel In diesem Zusammenhang versteht man biblisches Denken besser, wenn man sich dem sprachlichen Befund der Bibel zuwendet. Die ganze Bibel spricht vom gerechten Handeln Gottes und den gerechten Beziehungen zwischen Gott und den Menschen (und der Schöpfung). Gerhard v. Rad, der große Alttestamentler, hat uns dies bleibend gelehrt: "Es gibt im AT keinen Begriff von so zentraler Bedeutung schlechthin für alle Lebensbeziehungen des Menschen wie den der sedaka (Gerechtigkeit). Er ist der Maßstab nicht nur für das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch für das Verhältnis der Menschen untereinander bis hin zu der belanglosesten Streiterei, ja auch für das Verhältnis des Menschen zu den Tieren und zu seiner naturhaften Umwelt. Sedaka kann man ohne weiteres als den höchsten Lebenswert bezeichnen, als das, worauf alles Leben, wenn es in Ordnung ist, ruht." (v. Rad, Theologie des AT Bd. I, S. 382) Dabei ist keine absolute, ideelle Norm gemeint. Es ist, wie die meisten Wörter in der Hebräischen Bibel, ein Beziehungswort und orientiert sich "an dem jeweiligen Gemeinschaftsverhältnis selbst, in dem sich der Partner gerade zu bewähren hatte." (v. Rad, Theologie des AT, Bd. 1, S. 383) Sozusagen am Bedürfnis des Gegenübers. "Jedes Verhältnis bringt bestimmte Ansprüche an das Verhalten mit sich, und die Befriedigung dieser Ansprüche, welche sich aus dem Verhältnis ergeben und bei welcher allein das Verhältnis bestehen kann, wird mit... sedaka (Gerechtigkeit) bezeichnet... Gerecht ist, wer den besonderen Ansprüchen, die dieses Gemeinschaftsverhältnis an ihn stellt, gerecht wird." (v. Rad, Theologie des AT, Bd. 1, S. 383) Diese Beziehung erstreckt sich im biblischen Denken immer auch auf die natürliche Mitwelt. Die dualistische Trennung Geist - Mensch - Natur ist im abendländischen Denken erst viel später vollzogen worden. Ein gerechter Hirte z.B. ist der, der seinen Schafen gute Weide verschafft und sie vor dem Wolf beschützt. Deshalb muß jedes Lebewesen seinen Raum haben, den ihm der Mensch nicht letztlich nehmen darf. Deshalb also braucht auch eine Schnecke ihr "oikos", ihr Haus, deshalb braucht sie "Schneckenrechte" und wir werden der Schnecke gerecht, wenn wir ihren Bedürfnissen und ihrem Lebensraumbedarf gerecht werden. Dann sind wir im Verhältnis zu der Schnecke gerechte Menschen. " Good and just means today, limits, balancing our lives with others lifesustaining harmony. The wisdom of nature lies in the development of builtin-limits through a diversity of beings in interrelation, so that none outruns its own niche." (R. Ruether) Deshalb müssen die Menschen zu Mitgeschöpfen werden und ihre "niche", den ihnen zustehenden Raum wieder entdecken und akzeptieren. Die Feministische Theologie hat dazu folgende Stichworte in den Diskurs eingebracht: 1. Gott ist nicht isoliert von der Schöpfung zu denken, sondern Gott in Beziehung, mit uns. 2. Göttliche Gegenwart ist dort, wo gutes und gerechtes Leben für alle gewollt und ermöglicht wird. 3. Gott ist in der Natur gegenwärtig. Dieses Verständnis muß nicht abgetrennt werden vom Gott in der Geschichte. 4. Es ist wichtig, von anderen Völkern und Religionen besonders im Blick auf ihre Fähigkeit der Bewahrung und des Respekts für die Erde zu lernen. 5. Von Kindern zu lernen, deren Wissen durch unsere Erziehung abtrainiert wird. Lernen von den Kindern und der Kindheit. Es geht nichts verloren. Es gibt immer einen großen, umfassenden Raum. "Von allen Seiten umgibst Du mich". Als Kind hatte ich mir die Welt in einem wunderbaren Gefüge vorgestellt. Inwendig in meinem Körper, so dachte ich, sei alles ganz hohl. In diesem Hohlraum befinde sich nun eine ganze Welt mit Menschen, Häusern, Bäumen, Seen, Tieren, Himmel, genauso wie ich es um mich herum sah. Aber die Leute in meinem Inneren wußten nicht, daß sie nur im Raum meines Körpers lebten. Ich selbst wiederum und meine Schwestern, Eltern, das Dorf und die Wälder, der See, wir alle waren im Hohlraum einer anderen, riesigen Person, und diese wiederum wohnte in einem nächstgrößeren Körper. Es war so wie bei den russischen »Puppen in der Puppe«. Eine endlose Kette von Welten war so ineinander geschachtelt. Ich ganz allein schien dieses Geheimnis zu wissen, denn niemand hatte es mir erzählt, niemand sprach darüber. Soviel aber verstand ich: Was immer auch geschah in der Welt, in der ich lebte, ich war ganz sicher, daß nichts jemals verlorengehen konnte. Denn da war immer ein weiter, schützender Raum, der letztlich alles umgab. Ich selbst aber, auch dessen war ich sicher, hatte die Aufgabe, einen solchen schützenden Raum für die Welt in meinem Inneren abzugeben. Niemals habe ich diesem alles umfassenden, schützenden Raum einen Namen gegeben. Heute aber weiß ich: Es war ein Bild für Gott, das ich als Kind, wer weiß woher, gefunden hatte, so gefunden wie der Psalmist, wenn er sagt: »Von allen Seiten umgibst Du mich." - wie das Wasser des Mutterleibes. Die Kraft dieser Vorstellung trug mich nicht nur durch meine Kinderjahre; sie trug mich auch durch die Zeiten, als ich erwachsen war und meinte, mein Leben werde in einem tödlichen Wasser für immer verschwinden. Gerade in diesen Zeiten bewährte sich meine Kindheitstheologie - nicht als gewußte, sondern als ahnungsvolle Gewißheit, daß es einen solchen Abgrund und das Chaos Meer gar nicht gab. Bärbel Wartenberg-Potter, Die Reise der Pachamama S. 65/66 6. Das Verständnis des Todes muß neu überdacht werden. Das Einstimmen in die Endlichkeit des Lebens (D. Sölle, Mystik des Todes) Konsequenzen für die Kirchen: · Schöpfungsspiritualität zu entwickeln und die Verwandtschaft mit den Geschöpfen und nicht die Überlegenheit des Menschen zu betonen. · Die Schöpfungsbewahrung in die Liturgie aufzunehmen. · Unsere Lebenspraxis damit in Übereinstimmung zu bringen. · Konzepte der Beherrschung in Frage zu stellen. · Modelle der ecojustice zu schaffen und zu verfolgen: z.B. die Wasserkampagne von Brot für die Welt: ein Engagement gegen die Privatisierung der lebensnotwendigsten Ressourcen. · Den Bundesschlussgedanken und das sakramentale Denken in Bezug auf die Schöpfungsbewahrung neu zu durchdenken. · "Umkehr" in diesen Fragen. Muß in die Liturgie und Spiritualität aufgenommen werden - alternative Lebensformen. · Die Institutionen, in denen wir etwas zu sagen haben, dazu zu benutzen. · Regionale, nationale Netzwerke aufzubauen. · Das Evangelium ist die Geschichte einer Auferstehungsbewegung. Es erzählt von Geschehen und Handlungen, die den Menschen, aber heute eben auch der ganzen Schöpfung auf unterschiedliche Weise, Leben geben. Sing the song of Life 1. When the seed of hope is growing, sing, sing the Song of life, when the Spirit wind is blowing, sing, sing the Song of life. When the air and sea get clean, when the drought of land turns green, when the weak are loved and seen, sing, sing the Song of life. 2. When the word of truth is spoken, sing, sing the Song of life, when the bread of life if broken, sing, sing the Song of life. When the goodness is revealed, when the covenant is sealed, when the broken life is healed, sing, sing the Song of life. 3. When the light shines in the darkness, sing, sing the Song of life, when the heart grows in the heartless, sing, sing the Song of life. When I see the You in me, when the "I" becomes a "we", when creation is set free, sing, sing the song of life. 4. When the hurting finds compassion, sing, sing the song of life, where the heart may make confession, sing, sing the Song of life. When the lost is found and prized, when our dreams are realized, when God\s will is visualized, sing, sing the Song of live. 5. Into hate and into dying, sing, sing the song of life, into suffering and crying, sing, sing the song of life. Into mistrust, doubt, despair breathe God\s healing, love and care. Grace is given, grace to share, sing, sing the song of life. Gloria Deo, Gebete und Lieder zur 12. Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen 2003 in Trondheim/Norwegen, Nr. 12, Seite 159 Es bleibt die Frage: Welches Wasser des Lebens haben wir in den Kirchen und in unserer Tradition den Menschen heute zu geben? |
| #130 dddddd13.08.2005 - 18:02 |
| Jürgen Kuhlmann Anleitung zum wahren Ausbruch Ein hochbezahlter amerikanischer Geschäftsmann und Familienvater ist eines Tages unauffindbar verschwunden; drei Jahre später erkennt ihn jemand in einem Zirkusclown wieder ... Warum empfinden die Leser einer solchen Notiz zunächst eine lausbübische Sympathie für den Mann, bevor sie einsehen, daß es "so ja nun auch nicht geht"? Warum hört man allerwärts Klagen über den "Trott des Alltags", die "lebensfeindliche Routine" - und zwar nicht von Fließbandarbeitern, sondern gerade von Leuten, die mit ihrer Lebensform grundsätzlich einverstanden sind? Praktisch gefragt: Wie kriegt man Spannung und Sinn in seine Tage? Zentrale, universale Ratlosigkeit Nicht wenige haben den Eindruck, daß diese zentrale Ratlosigkeit bei uns Heutigen an existentiellem Rang exakt der verzweifelten Leitfrage: Martin Luthers vor seinem Rechtfertigungserlebnis entspricht: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Nicht mehr, wie damals, erscheint Gott uns vor allem als der unerbittliche Richter, den es zu besänftigen gilt; sondern für uns ist Gott vorwiegend der Sinn des Ganzen, der sich mir Tag um Tag neu erschließen muß (und zwar im Alltag), soll ich ihn und mich nicht verlieren. Aufstehen, essen, Geld verdienen, essen, Geld ausgeben, essen, schlafen, aufstehen - mein Gott, das soll mein Leben sein? Droht uns Deutschen - in Ost und West - vielleicht deshalb der "Volkstod", haben wir darum die wenigsten Kinder aller Völker der Welt, weil wir trotz allem das "Volk der Dichter und Denker" geblieben sind und uns als solches vor unseren Ungeborenen schämen, weil wir ihnen auf die Frage der Fragen keine Antwort wissen - so sehr schämen, daß wir sie ihre Frage lieber erst gar nicht stellen lassen? Das merkwürdige Beispiel des Würflers Sehen wir, wie eine bestimmte Extremlösung des Sinnproblems aussieht. Es handelt sich um den "Würfler" (Luke Rhinehart, "Der Würfler", übersetzt bei Molden, Wien 1972). Er ist ein Psychiater in New York, 35 Jahre alt, glücklich verheiratet, zwei Kinder. Er weiß allmählich schon am Morgen, wie der Tag enden wird. Zuerst versucht er es mit Zen: "Die Lösung des Rätsels lag darin, daß man die Dinge einfach laufen ließ ... Das Leben ist sinnlos? Wen kümmert es. Demnach sind meine Ambitionen Mist? Es schadet dennoch nicht, welche zu haben. Das Leben ist langweilig? Gähnen ist gesund" (16). Doch merkt er: die Langeweile und graue Sinnlosigkeit ist so nicht zu besiegen. Wie bringt er Spannung in sein Leben? Da entdeckt er den Würfel. Vor kleinen und großen Entschlüssen legt er ihm verschiedene Möglichkeiten vor und folgt gehorsam seinem Diktat. Ja, das ist die Lösung: "Mein Geist explodierte förmlich vor Ideen. Meine Langeweile, unter der ich so lange gelitten, schien vermeidbar. Ich sah mich bereits nach jedem aufs Geratewohl gefaßten Beschluß sagen: die Würfel sind gefallen, und hierauf einen noch breiteren Rubikon überschreiten. Was tat\s, daß ein Leben sich totgelaufen hatte? Es lebe das neue Leben" (73)! Die vergnüglich-makabren Einzelheiten seines nunmehr sich ergebenden Lebenslaufes bis auf Seite 447 (für dort befahl der Würfel das Ende) seien ausgelassen. Unser Thema sei allein die verführerische Grundidee. Folgendermaßen erklärt der Würfler sie vor dem Komitee, das über seinen Ausschluß aus der psychoanalytischen Vereinigung beschließen soll: "Meine Theorie ist, daß jeder von uns Nebenregungen hat, die durch seine normale Persönlichkeit unterdrückt werden und daher nur selten durchbrechen und in einer Handlung zum Ausdruck kommen (271) ... Die Nebenregungen sind die Schwarzen unserer Persönlichkeit. Sie sind unfrei seit der Formung unserer Persönlichkeit; sie leben als U-Boote in uns. Wir lehnen es ab anzuerkennen, daß eine Nebenregung potentiell vollwertig ist, so lange, bis ihr die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten gegeben werden wie unserem konventionellen Ich (272) ... Warum ist unseren Versuchen, Neurosen zu heilen, so durchgehend der Erfolg versagt geblieben? Warum verbreitet sich zusammen mit der Zivilisation auch die Unzufriedenheit, und das schneller, als wir neue Theorien darüber aufstellen, wie sie entsteht und was man dagegen tun könnte? Unser Fehler wird immer mehr offenbar. Aus den einfachen, einheitlichen, festgefügten Gesellschaften der Vergangenheit haben wir die Vorstellung einer Idealnorm des Menschen übernommen, die in unserer komplexen, chaotischen, labilen und multivalenten urbanen Zivilisation der Gegenwart überhaupt nicht mehr stimmt (276) ... Die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Nation von Würflern sind nicht abzusehen. Die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Nation aus Normalen sind offenbar: Elend, Konflikte, Brutalität, Krieg und allgemeine Freudlosigkeit" (278 f). Auf eine Kurzformel gebracht liest sich das so: "Was waren wir doch für Narren! Wirkliche Narren! Eine Million Jahre haben wir geglaubt, es gebe nur die Wahl zwischen Selbstbeherrschung, Disziplin einerseits, Sich-gehen-Lassen andererseits. Dabei haben wir nicht erkannt, daß beides völlig gleichwertige Methoden sind, sich feste Gewohnheiten und Einstellungen und eine profilierte Persönlichkeit zuzulegen. Überhaupt diese verdammte Persönlichkeit! ... Was wir brauchen, ist disziplinierte Anarchie, kontrolliertes Sich-gehen-Lassen ... eine neue Art zu leben, eine neue Welt, eine Gemeinschaft von Würflern" (214). Mit den ehrwürdigsten Traditionen vergleicht die Würfeltherapie ihr Werk am Menschen: "Er gerät in Ekstase. Er erlebt die Verlegung der Kontrolle aus seinem eingebildeten Ich in den Würfel als Bekehrung oder Erlösung. Es ist ein ähnlicher Vorgang wie beim neugeborenen Christen, der seine Seele Christus oder Gott überantwortet, oder beim Zen-Lehrling oder Taoisten, der sich Tao ausliefert. In allen diesen Fällen wird das Spiel mit der Ich-Kontrolle aufgegeben, und der Würfellehrling liefert sich einer Kraft aus, die er als außerhalb seiner selbst befindlich erlebt" (281). Zwang und der Zufall Wie steht das Christentum zu dieser seltsamen Philosophie? Zunächst müssen wir uns vor einer Verwechslung in acht nehmen. Eine Frage ist es, ob man grundsätzlich den Zufall entscheiden lassen soll, eine andere, welche Möglichkeiten man ihm vorlegt! Natürlich kommen Vergewaltigung und Mord für den Christen nicht in Betracht; falsch ist hier aber nicht die Methode im Augenblick des Entschlusses, sondern die vorher festgelegte Bandbreite der Möglichkeiten. Damit sind wir auch schon auf die grundsätzliche Schwäche des Würfellebens gestoßen. Weder Zufall noch Gehorsam sind radikal genug. Der Gehorsam deshalb nicht, weil die Auswahl der Alternativen sowie die Gewichtung der Chancen ja ganz in meinem Belieben steht; der Zufall ist deshalb nicht rein, weil ich stets nur solche Alternativen benennen kann, die irgendwie als Unterprogramme meines allgemeinen Persönlichkeitsprogramms doch schon von meiner eigenen Vergangenheit vorgeschrieben sind. Wirkliche Überraschungen kommen da sowenig heraus wie aus der gefüllten Sonntagsgans. Gibt es einen Weg, sowohl den eigenen Zwängen als auch der universalen Beliebigkeit zu entkommen? Das ist die Frage, an der alles hängt. Der Würfel löst sie nicht. Jesus sagt die Antwort, ehe er sie bis zum Ende vorlebt: "Jemand ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber ... Ein Priester sah ihn und ging vorüber ..." Natürlich, seine wichtigen Pläne gestatteten keinerlei Ausbruch. Der Tempeldienst ging vor. Auch der Samariter hatte vermutlich seine Pläne. Doch ein Blick auf den blutenden Mann am Straßenrand zeigte ihm: vieles mag wichtig sein, aber nur eines ist jetzt notwendig. Sofort war ihm das Problem "Was tun?" für diesmal gelöst. Was Simone Weil sagt Eine der wegweisenden Christinnen unseres Jahrhunderts ist eine französische Jüdin, 34jährig ohne Taufe gestorben (1943) [inzwischen weiß man, daß sie sich zuletzt doch taufen ließ]. Zu Jesu Erzählung vom Samariter kenne ich keinen tieferen Kommentar als ein paar Sätze von ihr. Die angeblich so disziplinierte Anarchie des Würflers enthüllt sich als kindische Torheit im Lichte der Einsicht von Simone Weil: "Es gibt Fälle, da ist etwas notwendig einzig darum, weil es möglich ist. So, essen wenn man Hunger hat; einem Verwundeten, der am Verdursten ist, zu trinken geben, wenn Wasser in der Nähe ist. Weder ein Bandit würde sich dem entziehen noch ein Heiliger. Dementsprechend die Fälle erkennen, wo - obwohl das auf den ersten Blick nicht ebenso deutlich einleuchtet - die Möglichkeit eine Notwendigkeit in sich schließt. In diesen Fällen handeln, in den anderen nicht. Nur die guten Taten tun, denen man sich nicht versagen kann, die man nicht nicht tun kann, aber unaufhörlich - durch die wohl gerichtete Aufmerksamkeit - die Menge derer vermehren, die man nicht nicht tun kann. Nicht einen Schritt tun, sogar auf das Gute hin, über das hinaus, wozu man unwiderstehlich von Gott angetrieben wird, und das in der Tat, im Wort und in Gedanken. Aber bereit sein, unter seinem Antrieb überallhin zu gehen, bis an die Grenze (das Kreuz ...). Zum Maximum bereit sein heißt beten, daß man angetrieben werde, doch ohne zu wissen, wohin" ("Schwerkraft und Gnade", München 1954). Bewundernswert! denkt der Leser jetzt vermutlich - doch was ergibt sich aus diesem hehren Prinzip für meinen Alltag? Wie wende ich es an auf Windelwaschen, Listentippen und den ganzen öden Kram? Gar nicht zu reden von dem Soldaten, der gegen seinen Willen in einen Krieg gezwungen wird, den er klar als widersinnig erkennt! Ist solche Entfremdung "notwendig"? Natürlich geht es nicht darum, durch einen übernatürlichen Zaubertrick allen realen Unsinn in Sinn zu verwandeln. Das möchten Leute, die solchen Unsinn ihren Interessen zuliebe produzieren und das Christentum dazu mißbrauchen; es widersteht ihnen aber. Jesus hat den Widersinn vieler Gepflogenheiten seiner Zeit keineswegs brav verklärt, sondern aktiv bekämpft - bis man ihn aus dem Wege räumte. Auch wir sollen Unsinniges nach Kräften korrigieren, jenseits unserer Kräfte freilich erleiden. Die Schöpferkraft des Sinns So aber - das scheint der springende Punkt - daß wir daran nicht zerbrechen, sondern immer wieder die Energie aufbringen, neue Sinn-Inseln zu erschaffen. Mit dem Sinn ist es wie mit einem weiten Ozean. Mal stürmt er finster, mal plätschert er farblos dahin, nie gewährt er Halt. Da bricht auf seinem Grund ein Vulkan aus und türmt kraftvoll Lava über Lava, bis eine Insel entsteht. Dort treibt der Wind Samen an, verirrte Vögel und Insekten finden Ruhe, in der Wasserwüste winkt dem Leben ein Orientierungspunkt. So stürmt auch gegen den Christen oft genug schwarzer Widersinn an, so wird er zu Zeiten von leerem Sinnmangel umplätschert. Dieses Meer trockenzulegen ist nicht meine Aufgabe, das gelingt erst nach der Zeit ("und das Meer ist nicht mehr", Offb 21,1). Im Glauben vertraue ich jedoch: unbesiegbar von allem wogenden Unsinn an der Oberfläche, glüht im Innersten der Wirklichkeit der ewige Sinn. Lasse ich mich auf ihn ein, dann ist - sooft es not tut - seine Schöpferkraft auch die meine, und mitten in wütender Brandung erscheint tröstend eine neue Insel. So etwas geschieht, wenn ich im Verhältnis zu einem Menschen, den ich wenig mag, plötzlich die eingeschliffenen Fühl- und Redeweisen zerbreche und die Beziehung ganz neu beginne. Das fordert Jesus im Gebot der unbegrenzten Vergebung, das wäre in Simone Weils Sinn jeden Tag notwendig. Doch wie stumpf ist meist unser innerer Sinn! Oder ich mache mitten in der Plackerei, die Erziehung heißt, wieder ernst mit der alten Wahrheit, daß mein Kind Subjekt ist, mir gleichberechtigt, und Anspruch hat auf Partnerschaft ohne jede Übermächtigung. Oder ich besinne mich, wem meine Arbeit nützt. Wer hat etwas von der blöden Liste, die ich schreibe? Und wie viele ähnlich langweilige Arbeiten anderer Menschen waren nötig, damit ich mich in meinen Kleidern wohl fühle? Und so weiter ... Wider Resignation und Zynismus Theologisch gesprochen: der Glaube an den Sinn mitten im Unsinn korrespondiert genau dem antik-christlichen Glauben an das Leben in dieser Sterbewelt und dem reformatorischen Glauben an die Rechtfertigung des Sünders. Dabei entsprechen die Sinn-Inseln den guten Werken. Wie sie Früchte und Zeichen der Rechtfertigung sind, nicht aber ihre Ursachen, so sind auch die Inseln Ergebnisse des im Innern glühenden Sinnes und Hinweise auf ihn, nicht aber seine Bedingungen. Denn der Sinn ist unbedingt. Der wahre Ausbruch ist also nicht der des Gefangenen aus dem Zuchthaus, sondern der des Vulkans unter dem Ozean. Jede Flucht über die Mauer, heraus aus dem Gefängnis einer Routine, endet nur in einem anderen Nebenhof des nämlichen weiträumigen Kerkers (vgl. das aufschlußreiche Büchlein zweier englischer Soziologen, Cohen/Taylor, "Ausbruchsversuche", edition suhrkamp Nr. 898, Frankfurt 1977). Wenn dagegen im Menschen voller Energie der Sinn aufbricht und ihn gut sein läßt, entsteht spürbar neuer Sinn. Deshalb kommt die verdrossene Resignation vieler oder der zynische Egoismus des Würflers für den Christen nicht in Betracht. Recht verstandene Nächstenliebe führt zu mehr Abenteuern, als meiner Bequemlichkeit lieb ist. Ich brauche nur auf verschüttete Hauptregungen meiner Mitmenschen aufmerksamer einzugehen, dann kommen auch manche meiner unterdrückten Nebenregungen unverhofft ins Spiel. Das Ziel ist klar. Ein bewußt liebender Mensch zu werden kann man versuchen; und wer es tut, ist bereits ausgebrochen aus dem Trott der Sinnlosigkeit. Sein Würfel ist gefallen. Eben diese Erfahrung drückt eine der Urgemeinden in dem tiefen (und den meisten Christen leider so unbekannten) Satz aus: " Wir sind vom Tod ins Leben hinübergeschritten, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Dieselbe prosaische, harte Alltagserfahrung ist es, die Jesus bei Johannes in der Sprache der Offenbarungsrede mitteilt: "Meine Speise ist es, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat" (Joh 4,34). Ja, man spürt: dieser Mann kannte unseren wütenden Hunger nach Identität und Sinn. Er wußte aber auch, wie ein Mensch die Sinnlosigkeit besiegt: indem er mit aller Kraft jederzeit möglichst wach ist, um noch den leisesten Wink jener Liebe zu vernehmen und zu tun, die uns ausgedacht, befreit und gesandt hat, sie in der Welt dasein zu lassen, je hier und jetzt. Dein Würfel sei die vertrauende Liebe - und was du dann willst, das tu! Veröffentlicht in "Christ in der Gegenwart" vom 15. Okt. 1978 |
| #129 dddddddd09.08.2005 - 14:48 |
| Vow movement The Anchoress contrasts temporary vows in religious life to a news story title \\Til Death Do Us Part\ Is Dying Out. From the article Vows like "For as long as we continue to love each other," "For as long as our love shall last" and "Until our time together is over" are increasingly replacing the traditional to-the-grave vow a switch that some call realistic and others call a recipe for failure. The Anchoress nails it when she calls this a matrimonial loophole. In fact I would think that a vow such as this would mean that no valid marriage was ever contracted. This would certainly be a rejection of marriage on God\s terms and specifically denies as Jesus says that two become one flesh. This type of vow is also a self-fulfilling prophecy. By having at the start such a temporary and really negative view of marriage it will become even easier to bail when you run into trouble. This form of a "vow" is just catching up to the reality of how marriage is being viewed in our society. The only good thing about it is that it acknowledges a true disposition towards marriage, though this view of marriage is objectively false. Now I am not sure what the readings used for a wedding Mass are. For me it was a couple weeks shy of 25 years ago that I was married in a Catholic Church and being an atheist at the time I didn\t pay any attention to the readings. If I was the one to pick the readings I would certainly include Luke 9:23 "If any man would come after me, let him deny himself and take up his cross daily and follow me." Liturgies have suffered because the idea and reality of sacrifice has largely been lost and the same goes for marriages. The idea of marriage without sacrifice is to have some idealized concept of marriage more suited to Ozzy and Harriet. Marriage is sacrificial because it is a total giving of self to another, not a mechanism for having every need meet to your requirements. The recipe of marriage is one man and one women both with original sin. The false modern view of marriage argues on a different composition or quantity, but all of the modern views ignore original sin. The only remedy for original sin is grace. The disciples understood the seriousness of Jesus\s teaching on divorce when they replied "it is not expedient to marry." Going into a marriage denying the indissolubility of the marriage bond in a faux vow is the consequence of society\s view of marriage. Long before the advent of same-sex unions and marriages we have been cutting away at the very foundations of marriage. The great scandal is that the majority of Christian churches allow divorce and remarriage without ever determining if a valid marriage ever came into existence. It is sad that so many Bible Christians have abandoned the Bible for a destructive and corrupt view of marriage. Marriage will always be under attack but worse is that the attacks have come from the interior of Christendom. No barbarians at the gate needed to apply. One of the major problems of how the idea of love has come to mean is that it has become divorced (pun always intended) from the will. St. Thomas Aquinas defined love as "To love is to will the good of another." Love has been confused with an emotional gooey feeling. We can certainly feel the good and positive emotional effects of love, but should never forget that love can still be present without the warm feelings. The problem is that when we fall out of the honeymoon stage is that without a constant warm feeling that we can also consequently stop willing the good of another. That an effect of romantic love is confused with love itself. To say that you have fallen out of love is really to say that you have stopped willing to love. It is no surprise that this syrupy view of love has become so destructive to marriages. One of the most hideous movie lines ever devised was "Love means never having to say your sorry." I can imagine Satan having this quote in a frame done using needlepoint in his office in Hell. Being the product of a divorced family I know from personal experience the tragedy of this view of marriage on children. I wonder what children of couples that take such phony vows must think? Each day they might wake up wondering if there parents had still "continue to love each other" or whether their parents might be moving on. They must also reason that if their parents can stop loving each other than they also can stop loving them. This is the obvious consequence of divorcing love from the will. Michelle Malkin notes this comment to the above story (and she is about to have her 12th wedding anniversary). |
| #128 ffffff09.08.2005 - 11:49 |
| Fritz Baade Peter Bamm Plato Sokrates im Gespräch |
| #127 http://happycatholic.blogspot.com/31.07.2005 - 00:07 |
| http://happycatholic.blogspot.com/ |
| #126 ggggg30.07.2005 - 09:54 |
| Mit tiefer Zuneigung im Herrn spreche ich Ihnen meine Glückwünsche zu Ihrer kürzlich erfolgten Wahl aus und bitte Sie, meine Grüße allen Mitgliedern der Missionsgesellschaft der Vinzentiner zu überbringen, die in Rom vom 5. bis 29. Juli zu ihrem 40. Generalkapitel zusammengekommen sind. Getreu der Eingebung Eures Gründers, habt Ihr als Thema gewählt: »Unsere Identität als Vinzentiner heute, 20 Jahre nach Veröffentlichung der neuen Konstitutionen: Auswertung und drei Herausforderungen für die Zukunft«. Während Ihr nun Euer apostolisches Wirken und Euer Gemeinschaftsleben im Licht des Charismas der Vinzentiner betrachtet, bitte ich den Heiligen Geist, er möge seine Gaben erneut über Euch alle ausgießen, damit Ihr in rechter Weise den Weg erkennen könnt, auf den Gott Euch ruft. Der hl. Vinzenz von Paul kam den Bedürfnissen der Kirche in seiner Zeit großherzig nach und stellte die Evangelisierung der Armen und die Ausbildung des Klerus in den Mittelpunkt seiner Vision für Eure Kongregation. Da die Zahl Eurer Mitglieder zugenommen hat und Ihr in aller Welt vertreten seid, hat Euer Apostolat natürlich viele neue Formen angenommen, wobei diese beiden Aspekte von zentraler Bedeutung geblieben sind. Euer Gründer war zutiefst von der Fruchtbarkeit der Göttlichen Liebe (vgl. Vita consecrata, 75) überzeugt und ermunterte alle seine geistlichen Kinder, in den armen Menschen Christus zu erkennen, zu lieben und Ihm zu dienen. Ich bin sicher, daß Ihr durch die Treue zur Vision des hl. Vinzenz noch besser dazu befähigt werdet, andere Laien ebenso wie Priester für die Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums in der heutigen Zeit auszubilden. »Das Antlitz Jesu betrachten, von Ihm neu ausgehen, seine Liebe bezeugen« (Instruktion Neubeginn in Christus: Ein neuer Aufbruch des geweihten Lebens im dritten Jahrtausend, 19). Meine Brüder, ich bitte Euch eindringlich, Euch diese Worte als Programm für die Zukunft zu Herzen zu nehmen. Denkt daran, daß jede apostolische Tätigkeit ihre Wirksamkeit aus einer innigen persönlichen Beziehung zu Christus erhält. Je mehr Ihr durch einen immer tieferen Eifer im persönlichen und liturgischen Gebet aus den Quellen des christlichen Lebens und der Heiligkeit schöpft, desto tiefer werdet Ihr dem gleichgestaltet, dessen Diener Ihr seid. Wenn Eure Herzen für die Liebe Gottes offen sind, werdet Ihr wirkungsvoll Zeugen sein können in einer Welt, die aufschreit, weil sie Hunger nach dem Heil verspürt, das Gott allein schenken kann. Vier Jahrhunderte nach der Gründung Eurer Kongregation bleibt die Aufgabe, »den Armen eine gute Nachricht« (Lk 4,18) zu bringen, nach wie vor besonders dringlich. Nicht nur mangelt es Millionen von Menschen auf der ganzen Welt an den lebensnotwendigen Gütern, die moderne Welt wird auch von vielen anderen Formen der Armut heimgesucht (vgl. Sollicitudo rei socialis, 15). Eure Kongregation ist dazu berufen, neue Wege zu entdecken, um die befreiende Botschaft des Evangeliums unseren leidenden Brüdern und Schwestern zu übermitteln. Seid Euch der Unterstützung durch meine Gebete gewiß, wenn Ihr versucht, Euch großherzig diesen Herausforderungen zu stellen. Viele Generationen von Priestern haben guten Grund, Eurer Kongregation für die bei Euch erhaltene Ausbildung zu danken. Die Wichtigkeit dieses Apostolats kann nicht hoch genug geschätzt werden. Daher ist es unbedingt notwendig, vorbildliche Priester mit dieser Aufgabe zu betrauen: Priester von menschlicher und geistlicher Reife, mit pastoraler Erfahrung, beruflicher Kompetenz und der Fähigkeit zur Zusammenarbeit (vgl. Pastores dabo vobis, 66). Viele Vinzentiner haben sich mit eben diesen Qualitäten in der Vergangenheit großmütig der Priesterausbildung gewidmet. Ich ermutige Euch, diesen lebenswichtigen Dienst auch in den kommenden Jahren fortzusetzen. Liebe Brüder, Ihr habt in den letzten vier Jahrhunderten nicht nur einen hervorragenden Beitrag zur Arbeit der Kirche geleistet, für den sie zutiefst dankbar ist, sondern Ihr habt auch weiterhin »eine große Geschichte aufzubauen« (Vita consecrata, 110). Während Ihr darüber nachdenken wollt, wie sich am besten das Charisma der Vinzentiner leben läßt, wende ich mich mit dieser Botschaft an Euch: »Duc in altum! Fahr hinaus auf den See!« (Lk 5,4). Habt keine Angst, euch weiter hinauszuwagen und die Netze zum Fang auszuwerfen. Gott selbst wird Euch dabei leiten! Während ich Eure Beratungen der Fürsprache des hl. Vinzenz von Paul und der mütterlichen Fürsorge Unserer Lieben Frau von der Wundertätigen Medaille anempfehle, bete ich, daß Eure Versammlung vom Geist der Weisheit erleuchtet und geleitet werde. Euch und allen Mitgliedern Eurer Kongregation erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen. Schwestern der Göttlichen Liebe 1. Mit Freude habe ich erfahren, daß diese religiöse Familie im kommenden Jahr das 300. Jubiläum ihrer Gründung feiern wird. Denn am 13. September 1705 rief Kardinal Marco Antonio Barbarigo, Bischof von Montefiascone und Corneto (Tarquinia), die Kongregation der Göttlichen Liebe ins Leben. Es war die letzte wichtige apostolische Initiative eines Hirten, der seit Beginn seines bischöflichen Dienstes in den beiden Diözesen des nördlichen Latium und zuvor auf der Insel Korfu sich erfolgreich bemüht hatte, die kirchliche Reform entsprechend den Weisungen des Konzils von Trient zu verwirklichen. Dies geschah mit Hilfe eines engmaschigen Werks der Evangelisierung und Katechese durch das Institut der Schulschwestern »Maestre Pie Filippini« und durch ein Priesterseminar, das der Kardinal zur kulturellen und spirituellen Bildung des Klerus ins Leben rief. Durch Pastoralbesuche und die Abhaltung von Diözesansynoden sorgte der heiligmäßige Bischof auch dafür, daß in den Pfarreien eine dauerhafte pastorale Erneuerung in die Wege geleitet wurde, die sich tief auf das religiöse und moralische Leben der Bevölkerung auswirkte. In Erinnerung geblieben ist auch seine Sorge um die damalige Situation der Frauen und die religiöse Bildungsarbeit, die von ihm zum Wohl der jungen Frauen eingerichtet wurde. 2. Zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends, während ich mit Ihnen, Ehrwürdige Mutter, und allen Mitschwestern Gott für die 300 Jahre des Bestehens dieses Instituts danke, möchte ich jeder Ordensfrau die Einladung zurufen, die Jesus an Petrus gerichtet hat: »Duc in altum! Fahr hinaus!« (Lk 5,4) Das Charisma, das Euch kennzeichnet, ist aktuell und reiht Euch in die gemeinschaftliche und missionarische Spiritualität ein, die ich der Kirche im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte zum Abschluß des Großen Jubiläumsjahres 2000 vorgestellt habe. Kraft der besonderen Weihe an Gott, die Euch auszeichnet, liebe Ordensfrauen der Göttlichen Liebe, seid Ihr berufen, Zeuginnen der Barmherzigkeit Gottes in jeder Situation zu sein. Insbesondere fordere ich Euch auf, in Euren Häusern die Aufnahmebereitschaft zu pflegen, indem Ihr offen seid für die Nöte der anderen, damit sich der Wohlgeruch der Nächstenliebe verbreitet und zur Verwirklichung der »Göttlichen Geschichte der Liebe« beiträgt, auf die Euer Gründer gerne Bezug nahm. Laßt nicht nach, weiterhin eine authentische Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern, die aus dem erhabenen Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit Inspiration und Unterstützung erhält. Aus dieser göttlichen Quelle schöpft Ihr die Wärme der Nächstenliebe, die weiterzugeben Ihr berufen seid; das geschieht durch die vielfältigen Tätigkeiten der liturgischen Animation, der Katechese, der Ausbildung in den Jugendzentren, Berufsschulen und Werkstätten, der Fürsorge in den Familienzentren für alleinstehende Frauen mit Kindern und in den Aufnahme- und Beratungszentren für hilfsbedürftige und ausgegrenzte Personen. 3. Im Hinblick auf die großen kulturellen und sozialen Veränderungen, die in der modernen Zeit eingetreten sind, erscheint die Intuition von Kardinal Marco Antonio Barbarigo, der sich schon vor drei Jahrhunderten für die soziale Förderung der Frau einsetzte, wegbereitend. Seinem Beispiel folgend, ist Euer Institut heute aufgerufen, den Frauen in Schwierigkeiten zu helfen, ihre dem Plan Gottes entsprechende Würde und ihre Berufung zur Liebe wiederzuentdecken. Die Anerkennung der richtigen Rolle der Frau in der Gesellschaft trägt dazu bei, die Werte der Familie, des Lebens und des Friedens zu schützen. In dieser Sicht möchte ich Eurer Betrachtung und Eurem Bemühen besonders das Apostolische Schreiben Mulieris dignitatem empfehlen. Die in ihm enthaltenen Hinweise können Euch helfen, Eure Mission im Dienst an der menschlichen und religiösen Förderung der Frauen zu einem guten Gelingen zu führen. Maria, die Mutter der Kirche, führe Euch bei dieser Anstrengung und erwirke für Eure Ordensfamilie das Geschenk vieler heiliger Berufungen. Während ich in diesem Anliegen ein besonderes Gebetsgedenken zusichere, erteile ich Ihnen, Ehrwürdige Mutter, und der ganzen Familie des Instituts der Göttlichen Liebe von Herzen meinen Segen. |
. Thus we sometimes hear the expression " It is an apparition" to characterize a surprising, happy or marvelous encounter .