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#65   dddddd27.05.2005 - 15:33
Die Kraft der leisen Töne


DT vom 24.05.2005


Blauer Umschlag, schwarze Schriftzeichen: Auf dem Tisch liegt Kardinal Joseph Ratzingers Buch "Einführung in das Christentum". Allerdings für den durchschnittlichen Mitteleuropäer kaum zu lesen. Es ist die chinesische Übersetzung eines der wichtigsten Werke des neuen Papstes Benedikt XVI. "Für uns ist dieser Papst kein Unbekannter. Wir kennen ihn von Büchern", lacht der chinesische Priester Peter Du in der Geschäftsstelle des China-Zentrums St. Augustin. Er betreibt im nahe gelegenen Priesterseminar der Steyler Missionare theologische Studien, zusammen mit etwas über einem Dutzend weiterer chinesischer Theologen und Theologinnen. Er sitzt dort zusammen mit Schwester Angelina Chang, einer chinesische Ordensfrau, die in Essen ein medizinisches Zusatzstudium absolviert, Pater Anton Weber, dem Direktor des China-Zentrums, und Katharina Wenzel- Teuber, der Chefredakteurin von "China Heute", der Zeitschrift des Zentrums. "Es ist ein Traum der chinesischen Katholiken, dass der neue Papst kommt", sagt Pater Weber, während er die chinesische Übersetzung der "Einführung in das Christentum" in Händen hält. Das China-Zentrum arbeitet in den Räumen der Steyler Missionare, ist aber keine ordenseigene Institution. Es ist ein eingetragener Verein, dessen etwa 30 Mitglieder katholische Werke und Orden aus dem deutschsprachigen Raum sind, darunter die Steyler. Anfang Mai trat gerade als erste Diözese Rottenburg-Stuttgart dem Verein bei. Gegründet wurde das Zentrum 1988. Die Geschäftsstelle mit ihren sechs Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen - davon einige in Teilzeit - soll Begegnung und Austausch zwischen den Kulturen und Religionen des Westens und Chinas fördern. Dafür gibt es "China heute" und andere Publikationen heraus. Das Zentrum arbeitet dabei eng mit dem "Institut Monumenta Serica" zusammen. Die Titel dieser Kooperation umreißen programmatisch die Arbeitsweise des China-Zentrums: "The Chinese Face of Jesus Christ" (zu deutsch: Das chinesische Gesicht von Jesus Christus", "Hongkong. Kirche und Gesellschaft im Übergang", "Fallbeispiel China. Ökumenische Beiträge zu Religion, Theologie und Kirche im chinesischen Kontext" oder "Religion im heutigen China. Politik und Praxis" heißen etwa die Veröffentlichungen. Aber auch Ausstellungen über das Judentum in China wurden konzipiert. "Bewusstseinsarbeit", nennt Wenzel-Teuber diese Projekte bündig. "Trotz aller Chinanachrichten, über Religion wird wenig ausgewogen berichtet, entweder gibt es nur die verfolgte Untergrundkirche, oder die offizielle Kirche, das ist ein Schwarzweiß-Bild, aber das Bild ist differenzierter, wir bieten zuverlässige, gut recherchierte Informationen aus China, das ist bekannt", erklärt die Chefredakteurin von "China heute". Und der Priester Peter Du, der gut Deutsch spricht, stimmt ihr zu: "Ich werde in Deutschland oft gleich nach diesen innerkirchlichen Spannungen zwischen Untergrundkirche und offizieller Kirche angesprochen, das ist aber zu sehr ein Stereotyp." Das China-Zentrum publiziert aber nicht nur, sondern arbeitet auch mit den Ortskirchen in China, Taiwan, Hongkong und Macau selbst zusammen. Es hilft beim Übersetzen und Weiterleiten von Projektanträgen in der Entwicklungshilfe oder für Kirchenneubauten im chinesischen Raum. Oder es organisiert Reisen von deutschen Bischöfen nach China. Außerdem informiert das Zentrum Politiker über die kulturelle und religiöse Situation, wenn diese nach China reisen wollen. Kontakte zum Auswärtigen Amt bestehen über das Katholische Büro in Berlin. Auch die Justiz wendet sich an das China-Zentrum, wenn es etwa gilt, Anträge von Asylbewerbern richtig einzuschätzen. Vereinzelt lassen sich sogar Manager aus der Wirtschaft über die kulturellen Gepflogenheiten in China aufklären. Alle diese alltägliche Arbeit des China-Zentrums abseits der publizistischen Tätigkeit geschieht diskret eher im Hintergrund. Diskretion, leise Töne, Ausgewogenheit - das prägt auch im direkten Gespräch mit Direktor Pater Weber, Chefredakteurin Wenzel-Teuber, den chinesischen Studenten Schwester Angelina und Priester die Atmosphäre. Politisch schrille Töne im Pressemitteilungs-Format und scharfe schlagzeilenträchtige Forderungen sind im China-Zentrum nicht zu hören. "Wir erwarten schon, dass die Politik nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen sich mit China beschäftigt, sondern auch immer wieder die Menschenrechte anspricht, nicht provokativ, nicht aggressiv, nicht in einer Form, die China vor den Kopf stößt. Wenn Kritik in gemäßigter Form angebracht wird, dann ergibt sich für China irgendwann die Möglichkeit, etwas zu tun, was dann nicht irgendwie wie eine Reaktion auf etwas aussieht, das gefordert wurde, steter Tropfen höhlt den Stein", umreißt Pater Weber Möglichkeiten und Grenzen des politischen öffentlichen Gesprächs. Hinter den Kulissen würden bei Staatsbesuchen oft Listen von Gefangenen übergeben, verhandelt und um Freilassung gebeten. So argumentiert Pater Weber aber nicht aus Ängstlichkeit oder Opportunismus, sondern eben aus Kenntnis der chinesischen Kultur, zumal des Denkens der Kommunistischen Partei in der Volksrepublik China. "Ordnung" und "Stabilität" sind die entscheidenden Schlüsselworte an diesem Tag in St. Augustin. "Politische Freiheit bedeutet für die kommunistische Regierung Chaos, das Ende des Kommunismus in der Sowjetunion und auf dem Balkan wird immer wieder als Argument vorgebracht", definiert Pater Weber gleichsam negativ diesen fragilen politischen Rahmen, innerhalb dessen die fünf anerkannten Religionen in China agieren können. So vermeidet es etwa auch der chinesische Priester Peter Du tunlichst, die Frage, ob er mit seiner theologischen Ausbildung in Deutschland zu einer Art katholischen Elite in China avanciere, mit "Ja" zu beantworten. Das würde schon die Führungsrolle der chinesischen Kommunisten in Frage stellen, fürchtet er. "Die chinesische Regierung sieht sich als einzige, letzte Instanz für alle Angelegenheiten zuständig." Dagegen studiert Schwester Angelina Chang Medizin - und das weist die Richtung, in der die Christen in China sich betätigen können: Im sozialen Bereich. Hier tut sich dann den chinesischen katholischen Diözesen ein zusehends weiter werdendes Feld der Betätigung auf. Kleine Krankenstationen, Versorgung von Aids- und Leprakranken, Aidsprävention, Arbeit mit Behinderten, Alten, Waisen, mit psychisch Angeschlagenen, oder die Arbeit in Kindergärten, dies alles lässt der chinesische Staat Kirchen machen, weil das den Menschen dient und den Staat entlastet, und damit auch die Ordnung und Stabilität in China erhalten hilft. Was Pater Weber wiederum hoffen lässt: "Wenn der chinesische Staat endlich begreift, dass das christliche Menschenbild hilft, in einem Staat für Ordnung zu sorgen, dann kann sich langfristig im Verhältnis etwas ändern." Dass das Buch "Einführung in das Christentum" des vormaligen Theologieprofessors Joseph Ratzinger und heutigen Papstes Benedikt XVI. in chinesischer Übersetzung auf dem Tisch im China-Zentrum St. Augustin liegt, mag ein weiteres Zeichen der Hoffnung sein. Denn der intellektuelle Dialog zwischen Christentum und China ist neben der sozialen Arbeit ein weiteres Betätigungsfeld, auf dem sich jenseits und abseits der lauten Tagespolitik leise, geduldig und langfristig die Situation der Christen in China verbessern lässt. "Das Interesse an Religion im akademischen Bereich ist in China sehr groß, da werden Theologen wie Ratzinger, Rahner, Küng oder Moltmann sehr intensiv gelesen, die in staatlichen Verlagen übersetzt sind, nicht aus Glaubensinteresse, sondern aus der rein wissenschaftlichen Ambition heraus, zu erforschen, was dran ist am Christentum", berichtet Pater Weber. Ob dann die chinesischen Akademiker auch fein säuberlich wissenschaftlich trennen, zwischen dem, was sie lesen, und dem, was es vielleicht doch in ihren Herzen bewegt, darüber schweigt Pater Weber vornehm. Ganz im Stile des China-Zentrums, dessen Arbeit keine schnellen Schlagzeilen produziert, sondern Stückchen für Stückchen unspektakulär im Alltag hilft, christliches Denken in China zu inkulturieren und in Deutschland Verständnis für chinesische Verhältnisse zu schaffen. Was dann passiert, dass weiß nur, was ganz unpathetisch gemeint ist, der Heilige Geist.Autor: VON JOHANNES SEIBEL

#64   eeeeeHomepage27.05.2005 - 15:28
http://www.gnomiz.it/forum2/forum113.htm


Enigmatic Martini makes bold ecumenical moves. (Cardinal Carlo Maria Martini)
National Catholic Reporter; October 15, 1993; Hebblethwaite, Peter

Hebblethwaite, Peter

National Catholic Reporter
October 15, 1993


OXFORD, England - Next year in Jerusalem!\ was the cry at the end of an interfaith meeting at the Catholic University of Milan last month. The invitation came from Jerusalem\s Ashkenazy chief rabbi, Israel Meir Lau.
Later Rabbi Meir Lau met Pope John Paul II in Rome and invited him, too. But, he reported, "the pope just smiled and said the time of the visit was drawing near.\
His hosts in Milan were more forthcoming. They will be in Jerusalem next year: Cardinal Carlo Maria Martini archbishop of Milan, who wearies of being tipped as John Paul\s successor, and the Rome-based Sant\Egidio Community. The Sant\Egidio Community is a lay organization that grew out of a modest Catholic Worker-type soup kitchen in the dolce vita Rome of the 1970s. Its lay leader is Andrea Riccardi, professor of the history of Christianity in Rome University.
Its chaplain is Don Matteo Zuppi, a priest famed throughout Italy for his help to immigrants and AIDS

#63   fffff27.05.2005 - 15:15
My life with Christ
Carlo Maria Martini

The Cardinal Archbishop of Milan testifies to the excitement of his personal discovery of Jesus Christ and recounts the stages by which he passed through the test of doubt to a secure faith in him. Cardinal Martini gives thanks for the rationalists and sceptics who forced him to search out the deepest truth.

At the age of 70, I have been asked to talk about the figure of Jesus Christ. This I look upon as a challenge, a way of making me think back to what it has meant to me from the beginning, how the adventure of my journey with him has developed, in what stages and in what places, dark or light.

I find it hard to speak of the figure of Jesus in the abstract, with detachment. Anyone who approaches him is involved with him. If I stayed on a purely theoretical level, I would feel I was saying what I did not feel and not expressing what I did feel. The way I met him seems better served if I deal with it in a personal way, describing a definite progress during which I came to know him in certain stages at certain times.

I will do this by writing a kind of autobiography, as if I were describing a journey, using subjective and objective elements, but without muddling them. The objective elements are historical facts about the life of Jesus; the subjective are part of my own often wearisome progress, through which I have come to know and appraise these facts, to clash with them, to make them a part of my own understanding and the choices of my own life.

So I shall speak in the third person and in the first, in the singular or the plural ("I" and "we"; I shall express something of myself that might be a part of anyone, and describe an adventure that might be symbolic. I hope it will make people reflect or help them to respond.

The adventure could be linked to particular stages in life. I will follow the recently published, much-discussed novel – Susanna Tamaro’s Anima Mundi –– which speaks of three periods in human life: Fire, Earth, Wind – the time of growth, the time of choice and the time of arrival; and at the same time I will use freely the revelation to the prophet Elijah on Mount Horeb (1 Kgs. 19: 11-13), where God’s presence showed itself mysteriously in fire, wind, earthquake and the murmur of a soft breeze; and thus I will divide my narrative into five parts.

Time of fire, or of fascination

My journey started very early, in childhood and early adolescence. It is the story of a boy who knew Jesus – in the family, at school, in his various surroundings – and was greatly drawn to him, in love with him. The boy knew at once that it was impossible to treat such a figure lightly: either you accept all or you reject all. It was a time of increasing, enthusiastic knowledge: the time of fire. He kept the gospels at hand, astonished by their penetrating words and by the richness of what they said, the strength of the decisions taken, the boldness of the choices made, the coherence of Jesus’ witness. Everything seemed original, basic, new, unexpected, clear, demanding, simple, accessible, and altogether rich in future promise.

Time of earth, or of doubt

This early happy period does not last long, however. A second one follows, which we may call the stage of questioning and doubts: the stage of earth. Questions arise, at first scarcely noticeable, then more insistent. Can it really be so? How could we know that the evangelists were telling the truth, that things happened in that way? What is the historical basis for what these books tell us about Jesus? Why are these pages credible? May we not be building up a figure on the fantasies of fanatics in the past? What is said about Jesus may be all very fine, but is it soundly based?

The boy then decides to read whatever he can find about the historical basis of the figure of Jesus. He delves into libraries and listens to anyone who seems to know more. Yet there is always a certain dissatisfaction, a certain disappointment. The answers he is given prompt new questions, and he has a feeling that those who answer them do so in a rather glib way, as if to avoid a boy’s importunate demands, or else they are trying to defend something that has already been decided, about which they have already made up their minds. The rather hackneyed answers do not entirely satisfy him.

Time of wind, or of rage

Then comes the time of rage, the time of the wind mentioned in the Book of Kings: "A great and strong wind rent the mountains, and broke in pieces the rocks" (1 Kgs. 19:11). In my case it was around the age of 25 when my longing to discover the truth about Jesus coincided – providentially, because both time and place were right – with the chance to study the origins of Christianity scientifically and in depth.

I studied the languages in which the books of the Bible were written (Hebrew, Aramaic, Greek), I became familiar with papyri and ancient codices, and learnt about archaeology and the cultures in which the events of the gospels occurred. The work seemed endless. I never paused, and it took a strong will, like that of the strong wind in the Book of Kings, not to quail before the sheer quantity of facts. But the effort was worth it, because from what I call the time of rage and the fierce wind, I have obtained many ideas and the ability to ascertain a great many things and find a great many answers. The adventure was not yet over, though.

Time of earthquake, or of trial

The third period had allowed me to see many ancient texts through which I could consider more carefully and scientifically what could be said about Jesus. My searches continue even though I no longer have time to consider them closely. Today we are better able than people were in the past to recognise the authenticity of the gospels. The time of rage had to be followed by a period of testing and questions.

Jesus’ words to Peter came to mind: "Simon, Simon, behold, Satan demanded to have you, that he might sift you like wheat" (Lk. 22:31). This sifting is not accidental, it is providential. According to the Book of Kings, still on the subject of Elijah, "after the wind an earthquake" (1 Kgs. 19:11). This is the time when faith is shaken and put to the test.

I was sifted and put to the test in the following way: studying ancient sources and evidence of Jesus also involved studying ancient and modern interpretations of him, above all those from 1700 until today, that is from the beginning of historical criticism, the Enlightenment and historical positivism until our own time. I set about reading all the books, all the interpretations, devouring them, scrutinising them, weighing them up. I wanted to see who was right.

Such labours often plunge people into a dark night of the soul: will there ever be a way out of this tunnel of critical doubt, out of the systematic questioning of all the facts? All the same I want to express my thanks, my gratitude, to all the most distinguished and demanding supporters of critical rationalism, to all the "masters of suspicion" of the last century and this one, for having put me into direct touch with all the possible objections to the figure of Jesus, even the most extreme: the hypothesis that he may have had no historical existence, the denial of various things in the gospel narratives, the idea that it would be impossible to write a life of Jesus today, the criticism of the supposed reconstruction of his words and actions, doubts on fundamental points of his life, and the rest.

For me, the fact of not avoiding any critical challenge was most fruitful and stimulating; so was allowing myself to be questioned by all the attempts to make Jesus into a mythical or imaginary being, or else to call him the product of subsequent backward-looking ideas.

Systematically, cruelly, and at the same time healthily, I laid myself open to doubt, defenceless in my search for the truth. It was like seeking continuously to keep one’s balance on ground shaken by an earthquake. Apart from the metaphorical, the fundamental question I had to answer was this: were these words, these events and these attitudes in the life of Jesus original, his own, or were they the result of some retrospective elaboration put about by enthusiastic or fanatical admirers or followers, or else the product of the creative efforts of the early Christian communities? And if we must admit, as we cannot fail to, that the early communities had first an oral and then a written tradition in handing on the words and deeds of Jesus, how far is it still possible to know what Jesus really wished, said and did?

Little by little I had a surprising experience: the feeling of uncertainty, puzzlement and unease I was left with when I considered the official defence of the historical reality of Jesus, and the easy answers of so many of its supporters, disappeared when I gradually came to feel sure in the face of the massed opposition of the critics. Trying to weigh up the opposing arguments one by one and comparing them with the texts and with ancient discoveries, I came to see more and more clearly that we cannot avoid the solid basis for what we can know about Jesus, that we cannot reduce his figure to something faded or inaccessible without contradicting ourselves or the ideas that come out of serious research.

In other words, I was feeling that an approach to the ancient sources of knowledge about Jesus could not, without contradicting its scientific ideas, fail to admit that there were significant and decisive sayings and events in his life which could not be eliminated by any criticism, however corrosive it was, or be attributed to the inventiveness of later communities. Either one had to give up, explain the data as they were and stop looking, or else admit that from them the basis of an important number of facts, words and actions of Jesus emerges which is more than enough to move us to the depths of our being. To me, discovering all this in my daily work, and in my efforts to take every possible objection seriously, was of the greatest possible help.

Time of the soft breeze, or of the struggle

There was a time of loving, a time of doubt and questioning, a time of rage and a time of testing; to these we must add the time when we struggle with Jesus, a struggle which is never-ending. It is rather like the struggle of Jacob by the ford of the Jabbok at night, when "a man wrestled with him until the breaking of the day" (Gen. 32:24). It is a struggle against someone who is stronger, who never gives up the fight, and the dawn of full, unveiled knowledge has not yet come.

In spite of being sure that we are grasping a solid reality – because we are both held by it, and holding it – it is still night-time. It is rather like the experience of Elijah, who after the wind, the earthquake and the fire, heard what seemed like a faint whisper, a small murmur, and covered his face with his cloak: "And after the fire a still small voice. And when Elijah heard it, he wrapped his face in his mantle and went out and stood at the entrance of the cave. And behold, there came a voice to him, and said, ‘What are you doing here, Elijah?’" (1 Kgs. 19:12).

Going beyond metaphor, I mean to say that the historical knowledge of Jesus is not confined to itself, but ends in a question: Are you prepared to believe in what I say as words that come from God? Are you ready to recognise my mission as a mission that comes from the Father in Heaven? Are you ready to believe entirely and deeply in me, like Peter when he says: "You are the Christ, the Son of the living God" (Mt. 16:16)?

This is the fifth stage, the one in which we can just hear the murmur of a light breeze, the stage when we have knowledge of faith. This involves a leap which no historical research can make us take, a step which all of us must answer within ourselves, to our own conscience; a step which sets us not before the figure of Jesus, but before the mystery of Jesus, his unique relationship with the Father, his transcendence, his meaning for the history of everyone and of the whole of humanity and his capacity to reveal the face of God. Many new, even harder, questions then arise: why did someone whom we think so near to God, beloved by God, suffer such a cruel fate in his own life? Why did he seem, humanly speaking, defeated? Why did he appear so weak and helpless?

There is, then, a final step in our understanding of Jesus for which the name of Jesus alone is not enough. That is the time of the understanding of faith, which means further questions and an unending search to link the human defeat of Jesus of Nazareth with his intimate closeness to God; the Cross and his death with his divinity.

The scope of these questions widens to include all human experience of pain and death, the meaning of what seems to have no meaning, why God revealed himself not in power and glory but, as Luther incisively put it, sub contraria specie, in the very opposite of what one might think of as God.

And there is yet another new fact, another surprise. When we consider the mystery of God crucified and God’s weakness, seeing these in Jesus crucified and risen, then the words and actions of Jesus, the parables, the beatitudes, the miracles and cures, the teaching of forgiveness, and his being tortured to death take on a new meaning. Reading the gospels again, one finds in them (and between them and the rest of Scripture) a profound coherence, an unexpected richness of meaning. Everything is linked again in a new understanding of Jesus, which makes it enter the pith of our living experience as weak creatures seeking a hope that will not disappoint us.

It is this mysterious, enticing journey which I should wish for everyone.

Æ Translated from the Italian by Isabel Quigly. One of a series of addresses by different cardinals given in the diocese of Rome and organised by Cardinal Ruini, in preparation for the millennium.

#62   rrrrrrrr27.05.2005 - 14:36
Welcome the Stranger

CARLO MARIA MARTINI SJ

In January 2001 Cardinal Carlo Maria Martini SJ of Milan gave a paper at a conference at which participants explored the Christian message concerning hospitality to refugees and migrants. Cardinal Martini spoke of the resources we can find in the bible that will assist us to move beyond reactions of fear and other emotions in the face of foreigners. What follows is an abbreviated account of what he had to say. The complete original text is found at www.diocesi.milano.it.

THE STRANGER presents himself and herself in the Bible as the stranger at a distance (zar), the passing stranger (nokri), and the stranger who resides in our midst (gher or tosher).

The distant stranger was at first looked upon as an enemy to be feared, but that attitude changed with the experience of the Babylonian exile. Living as they were in the midst of strangers, the people gained a clearer perception of their own election as God’s own people and of how much he loved them. This awareness aroused in them a sense of mission to strangers as they saw themselves called to be a light to illumine the nations. In this way fear was replaced by a sense of mission.

Strangers passing by did not inspire fear; rather, they aroused a sense of obligation to be hospitable and to welcome the foreigner with respect. Passing strangers were treated as guests. Abraham’s welcome of the three travellers is typical. The Bedouin still show the same hospitality and respect for the stranger.

Strangers and foreigners residing in the midst of the people were given legal protection, warm reception and good treatment—they were taken into the community. The historical reason for such hospitality had been their own experience as migrants: they had been wandering strangers themselves. Besides, they were commanded to be understanding and kind to the stranger, to love the stranger. To love the stranger was to imitate God, since God loves all the vulnerable—orphans, widows, foreigners.

In the New Testament we find a marked development in teaching concerning the welcome due to strangers. We can identify three motives for this advance: a Christological motive, a charismatic motive and an eschatological motive.

The Christological motive is found in Matthew 25, in the scene of the Last Judgment, when Jesus proclaims that the person who welcomes the stranger welcomes himself: ‘I was a stranger and you made me welcome…insofar as you did this to one of the least of these brothers of mine, you did it to me’. Welcoming the stranger is not just a simple good work which God will repay—it is an occasion of living a personal relationship with Jesus.

The charismatic motive is founded on the primacy of love. ‘Set your mind on the higher gifts’, St Paul teaches (1Cor 12:31); and he stated that love is the greatest gift (1Cor 13). Welcoming the stranger is an act of love, and love is the fundamental law for a Christian. ‘Love your neighbour as yourself’, Jesus said to the man who asked him which is the first commandment (Mk 12.31). And in Mth 7:12 Jesus summed up the law and the prophets in the so-called golden rule: ‘Always treat others as you would like them to treat you’. Love, the gift that is higher than all the others is given to all, including the stranger as the parable of the good Samaritan teaches. This man, considered a stranger by the Hebrews, did not hesitate to render assistance to a wounded Hebrew by the side of the road. He overcame racial and religious barriers and made himself a neighbour to the man in distress (Lk 10:36)—he lived the charism of love.

The third New Testament motive is eschatological, having to do with the last things—the call of humanity to life eternal. In this universal perspective all who believe in Christ are pilgrims and strangers in the world: ‘There is no permanent city for us here; we are looking for the one which is yet to be’ (Heb 13:14; cf. Heb 11:10-16). As the memory of having been migrants and strangers in Egypt moved the Israelites to show hospitality towards strangers and to have compassion for them and feel a sense of solidarity with those who were undergoing the same experience, so, Christians who feel that they are pilgrims on this earth are invited to understand the sufferings and needs of all who are strangers and pilgrims in their earthly fatherland.

A first century Christian described this state of being a pilgrim thus: ‘Christians reside in their respective countries, but only as aliens; they take part in everything as citizens and put up with everything as foreigners. Every foreign land is their home and every home a foreign land.’ (Epistle to Diognetus). This is not because Christians are unconcerned for the earthly city, rather it is because they know that they are on a journey towards that city that God himself is preparing for us.

Clearly, the bible gives us a powerful message, and we know that we are a long way from living that message or even from being capable of living it. The bible makes us understand that the death of Jesus on the cross breaks every barrier and makes us members of one humanity that finds its unity in Christ. The Spirit of the Risen One awakens in every believer the charism of hospitality. We must feel that, driven as we are by the power of the Spirit, we can open ourselves to discover Christ in the stranger who knocks at our door.

We have so many motives, human and civil, for welcoming the stranger, motives which perhaps we ponder too little, and which are certainly very demanding and radical.

Generosity to refugees and asylum seekers has proven abundantly fruitful not only for Australia’s good name and for its influence in the worldwide family of nations: the progress of the Australian community itself has gained much.

This is not surprising. Refugees and asylum seekers are people of courage, ingenuity, and perseverance: to have survived and found sanctuary at last, is proof of attributes and values which Australians respect and admire - though they are rarely acknowledged in refugees and asylum seekers.

#61   ffffffffff27.05.2005 - 14:18
Avvenire

Milano 23.6.85

IL SUO APOSTOLATO

Affascinante ideale

di unite

fra corpo e spirito

di Carlo Maria Martini

Ho davanti a me uno scritto soprattutto quando lo si vuole di mens. Josemaria Escrivá realizzare nel mezzo delle de Balaguer. preoccupazioni quotidiane,

servendosi senza schizzinosi

tà dei mezzi e delle cose di

questo mondo per un fine

apostolico.

Trovo scritto in un\altra omelia dello stesso autore: "E\ in mezzo alle cose più naturali della terra che ci dobbiamo santificare servendo Dio egli uomini... A quegli universitari e a quegli operai

. che mi seguivano vèrso gli anni Trenta io solevo dire che dovevano saper `materializzare\ la vita spirituale".

Un ideale di unità affascinante tra corpo e spirito. Ma nel raggiungerlo e tenerlo

già tutte note e tuttavia effi- vivo,

quante tentazioni sono

in agguato, quanti frainten

caria, sostanza, incisività. dimenti sono possibili! E so

Vorrei poter penetrare di prattutto quanto nuovo dispiù nel segreto di quest\api- cernimento.è oggi necessario ma, la cui fecondità spiritua- per vivere la verità del prole ha dell\incredibile: Capisco prio quotidiano in una sociedi trovarmi davanti a una di tà frammentata, dove le eviquelle zone di rispetto della dente etiche si offuscano nelsfera spirituale, in cui le ana- la complessità e nell\anonilisi troppo minute o preten mato-dei rapporti sociali! ziose possono rivelarsi delu- Ma su tutto questo sevra

denti. stano le certezze della fede, le

Nell\omelia che ho davanti, parole rassicuranti del Magiche è sul sacerdozio,. vèngnno stero, le promesse evangelicitati spesso i li bri della che per i miti di cuore. Occur= Scrittura e i documenti della re $ penetrare ancora di più Chiesa. Intravvedo al di là in questo segreto, pur senza delle citazioni e delle sempli- viólárlo: cogliere i contorni ci applicazioni, uno sguardo frastagliati; il dinamismo insemplice, un bisogno di chia- atteso, la creatività sorpr_enrezza e di ordine, un tendere d te•

all\efficacia quotidiana. \ Ci aiutino i seguaci di.

Chi scrive e parla così mens. Escrivá a non irrigiesprime per sè e per gli altri dirne il carisma in una visiouna santità sincera, gepuina, ne statica, ma a coglierne senza fronzoli, capace di ab- .l\intimo sforzo di adattarsi a negazione e nascondimento. tempi e culture nuove per Non vuole distinzioni o privi- presentare a tutti l\unico e legi, se non quello di servire. , identico Signore. Ideale semplice ma arduo, * Arcivescovo di Milano

E\ una omelia pronunciata circa venti anni fa. Mi colpisce lo stile semplice, immediato. Nessuna ricerca,retoriça, ma dati, fatti, riflessionii apparentemente ovvie, cui la stessa semplicità conferisce vigore. Vale qui l\esempio che l\autore di questa omelia richiama per invitare il prete a celebrare senza fretta. "Gli innamorati hanno forse fretta di salutarsi dopo un incontro? Sembra che si lascino; ma non se ne vanno, ritornano una volta e un\altra e si dicono parole comuni come . se lee scoprissero solo allora". Anche qui: parole comuni,







Maggiore collegialità e, in prospettiva, un nuovo Concilio



Terminato il Giubileo, il Card. Martini rilancia le sue proposte, intervista al "Corriere" del 13 gennaio







L’arcivescovo di Milano propone più collegialità e un ampio confronto. Sul rapporto con gli ebrei: la via è quella tracciata dalla visita del Papa al Muro del Pianto

"Io, la Chiesa e il sogno di un nuovo Concilio"

Il cardinale Martini: "Neutrali in politica? No, le scelte dei cristiani ci interessano"

MILANO - Il cardinale Martini difende il Giubileo dall’accusa di trionfalismo e rilancia il suo "sogno" di un "sempre maggiore esercizio della collegialità nella Chiesa": dice di aver letto "con molta gioia" le pagine della lettera postgiubilare del Papa che esprimono un analogo auspicio. Non si tratta - precisa l’arcivescovo di Milano - di "attendere a breve un Vaticano III", ma di utilizzare da subito "altre forme concrete di collegialità", senza escludere - sui tempi lunghi - "l’ipotesi ardua ma non impensabile" di un nuovo Concilio generale, dopo quello convocato da Giovanni XXIII (l’annuncio nel 1959, l’apertura nel ’62). Quanto al dibattito sui grandi temi etici e alla campagna elettorale, il cardinale afferma che la Chiesa non è "animata da volontà di dominio" e non vuol percorrere la via della "condanna", ma "educa ai grandi valori in modo che ogni cristiano possa orientarsi da solo". Il Giubileo ha incoraggiato i credenti, ma pare abbia spaventato i non credenti, o almeno alcuni, che hanno parlato di trionfalismo. Come reagisce a questa accusa?
"La taccia di trionfalismo non si addice al Giubileo. Non si addice certo al Giubileo inteso come grandi gesti del Papa, quali la richiesta di perdono e la preghiera al Muro del Pianto, che anzi sono confessioni di peccato. Non si addice neanche ai grandi eventi, intesi come pellegrinaggi di categoria - dai giovani alle famiglie, ai disabili - se non forse per l’enfasi mediatica, cui qualche volta hanno dato luogo: solo in essa si è potuto avvertire un rischio trionfalistico, ma il cammino spirituale e culturale ha sempre contrassegnato questi pellegrinaggi. C’è poi una dimensione decentrata del Giubileo, con le celebrazioni parrocchiali, zonali e i pellegrinaggi alle chiese giubilari - a Milano ne avevamo 23 - che è stata molto intensa e partecipata, ma non ha avuto nessuna risonanza mediatica e perciò non è andata mai a rischio di trionfalismo. C’è infine una dimensione personale, la più diffusa e silenziosa: quella dei cammini dei singoli. Parlare di trionfalismo in generale mi pare dunque inappropriato. Del resto anche l’enfasi dei media può aver avuto un suo significato".
Nella lettera apostolica "Novo millennio ineunte", il Papa dice che bisognerebbe fare "un grande sforzo" per spiegare ai non credenti che la Chiesa non è mossa da volontà di dominio, quando si pronuncia sulla vita e sulle biotecnologie. Di che tipo dovrebbe essere questo sforzo?
"Io sento fortemente quello che il Papa suggerisce: che cioè le nostre opzioni, che hanno a che fare con la dignità umana e con il bene della società, noi le dovremmo sempre proporre con argomenti razionali e convincenti, senza limitarci a dire che quella è la dottrina della Chiesa. Si tratta di uno sforzo comunicativo, che dovrebbe riuscire efficace con chiunque coltivi una sana antropologia. Vi è poi uno sforzo più grande da compiere, per sgombrare la nostra parola da ogni sospetto di dominio: consiste nel vivere il Vangelo, che comporta atteggiamenti di semplicità, umiltà e misericordia dei quali nessuno dovrebbe avere paura".
Chi teme la volontà di dominio della Chiesa, fa riferimento ad atteggiamenti di condanna da parte di suoi rappresentanti...
"La sola condanna non è sufficiente e può anche essere controproducente. Si tratta di proporre, anche con insistenza, nel confronto aperto proprio di una società complessa, gli elementi di una civiltà, di una cultura, di una tradizione. Ma si tratta di proporli per le ragioni di validità che essi presentano, rese per quanto possibile accessibili e accettabili, in modo di aiutare la comprensione di chi pensa diversamente, senza che si senta condannato".
Sempre nella lettera apostolica, il Papa promette uno sviluppo degli strumenti della collegialità. Non è, in sostanza, lo stesso che "sognava" lei all’ultimo Sinodo?
"Ho letto con molta gioia le pagine in cui il Santo Padre parla della spiritualità di comunione. Egli fa notare, molto opportunamente, che non si tratta solo di adeguare gli strumenti esteriori della partecipazione e della collegialità, ma di una crescita di tutti nello spirito di comunione. La sua sollecitazione corrisponde anche un poco a uno dei miei tre "sogni" dell’ultimo Sinodo, quando auspicavo un sempre maggiore esercizio della collegialità nella Chiesa".
Ma lei - allora - aveva inteso o no proporre un nuovo Concilio, come era sembrato a noi cronisti del Sinodo?
"Non avevo affatto escluso un nuovo Concilio. Ritengo però che la formula che talora si è usata, per interpretare il mio pensiero, come si trattasse di attendere a breve un Vaticano III, sia impropria e confondente. Perché c’è stato un Vaticano II che è stato un Concilio su ogni argomento e certo un Concilio così non è da ripetersi facilmente nella storia della Chiesa. Ma ci sono, nella storia della Chiesa, problemi emergenti sui quali è bene ascoltarsi in ambiti collegiali che siano i più ampi possibili. Quindi non escludo che vi possa essere un Concilio ecumenico per il terzo millennio, quando sarà il tempo, quando il Papa vorrà convocarlo. Ma osservo che intanto si potrebbero utilizzare tante altre forme concrete di collegialità, che in parte ci sono già, ma che in parte anche il Papa auspica vengano ulteriormente sviluppate".
C’è chi obietta che le dimensioni attuali dell’episcopato mondiale rendono quasi impraticabile un Concilio universale...
"Il Concilio è previsto dal Diritto canonico come possibilità permanente per la vita della Chiesa e non può certo essere cancellato per difficoltà organizzative. Del resto con i mezzi di comunicazione e di trasporto di cui oggi si dispone, ogni difficoltà può essere appianata. Il numero dei vescovi è aumentato anche per la presenza dei vescovi emeriti, che prima non c’erano. Bisognerà trovare forme nuove, per esempio facendo precedere la convocazione plenaria da convocazioni regionali. Altra complessità viene dal bisogno di tenere presente il mondo ortodosso e quello protestante, con i tempi che ciò può comportare. Un Concilio ecumenico è un’ipotesi ardua certo, ma non impensabile".
Lei che pensa tanto a Gerusalemme, che dice della tragedia quotidiana in cui è riprecipitata la Terra Santa?
"Il fuoco covava sempre sotto la cenere e dunque non ci si può stupire che la fiamma si sia ravvivata. Quello è un luogo dove bisogna ricominciare la pace continuamente e continuamente rilanciare propositi e proposte di pace, perché è evidente per tutti che l’attuale situazione di conflitto limitato non può durare: o viene sanata, o è destinata a degenerare".
Anche il dialogo ebraico-cattolico sembra battere il passo, dopo la visita del Papa al Muro del Pianto...
"La visita al Muro e al Memoriale Yad Vashem ha chiarito agli ebrei quanto il Papa li ami e quanto egli sia una persona umile, che è andata a loro in atteggiamento di preghiera. Questa chiarificazione ha colpito tanti e costituisce un grande aiuto al dialogo. Essa ci insegna che dovrà essere sempre quello l’atteggiamento con cui andare al dialogo. C’è stata poi la dichiarazione "Dominus Jesus" ( pubblicata il 5 settembre e firmata dal cardinale Ratzinger, ndr ) che ha creato qualche disagio, ma credo che a poco a poco le cose saranno chiarite e risulterà evidente che la volontà di dialogo della Chiesa resta intatta".
Qualche disagio, o qualcosa di più?
"Quel documento non è stato ben ricevuto, purtroppo. Si poteva certamente fare uno sforzo maggiore di linguaggio e di spiegazione, perché di per sé non conteneva nulla di nuovo rispetto al Vaticano II. E dunque credo che ci voglia pazienza per favorirne la corretta interpretazione nel quadro di documenti più vasti, quali l’enciclica "Ut unum sint"".
Siamo ormai in campagna elettorale e tanti chiedono alla Chiesa di restare neutrale: ci riuscirà?
"Non amo il termine "neutrale", come se non ci interessasse la scelta che viene compiuta! Soprattutto ci interessa che i cristiani sappiano scegliere e mi spiego con questo paragone. Poniamo che una persona abbia - per malattia - difficoltà a distinguere i cibi buoni da quelli meno buoni. Possiamo aiutarla proponendole un elenco dei cibi cui attenersi, o possiamo curarne il gusto, in modo che possa distinguerli da sola. Ecco il punto: la Chiesa educa ai grandi valori, anche sociali e di convivenza, in modo che ognuno possa orientarsi. Non riteniamo utile fare degli elenchi prescrittivi, o proscrittivi. L’importante - in definitiva - è che il cristiano sia in grado di decidere in proprio, avendo presente la dottrina sociale della Chiesa".
Nel dibattito politico quotidiano, c’è qualcosa che la preoccupa?
"La denigrazione delle persone e la polemica di superficie, che tendono a prendere il posto del dibattito sui programmi".

Luigi Accattoli ( Corriere della sera, 13 gennaio 2001 )

#60   http://www.20six.de/Elisabeth/weblogCategory/110ijez08dy24Homepage26.05.2005 - 23:48
http://www.20six.de/Elisabeth/weblogCategory/110ijez08dy24

#59   kkk26.05.2005 - 22:53
Auferstehung

Die Auferstehung Jesu Christi offenbart uns den Sinn der ganzen Menschheitsgeschichte und all dessen,was wir Tag für Tag erlebenffenbar wird dieser Sinn in dem Wort der Hoffnung,das Petrus in der Apostelgeschichte berichteten Pfingstpredigt verkündet.".....denn es war unmöglich,daß er vom Tod festgehalten wurde"(Apg2,24).

Diese Aussage ist erstaunlich:Warum sollte dies unmöglich gewesen sein?Bedauerlicherweise haben wir uns daran gewöhnt,daß der Tod nicht nur möglich,sondern geradezu unvermeidlich ist,zusammen mit all dem ,was zum Tod dazugehört:Trauer ,Hass,Krieg,Zerstörung.Aber in der Predigt des Petrus heißt es,daß das Geheimnis Gottes im auferstandenen Christus der Sieg über den Tod ist und über alles,war er für unser Leben an Trauer mit sich bringt.

Die Auferstehung Jesu Christi offenbart,worauf die Wirklichkeit des Menschen ausgerichtet ister Mensch ist auf das Leben ausgerichtet und darauf,daß seine Freiheit in jedem von uns ihren vollen Ausdruck findet.

Die Auferstehung Jesu Christi stellt unsere Freiheit wieder her,heilt sie von ihren Illusionen und lenkt sie in der Geschichte auf das wahre Ziel.Sie setzt uns imstand,mit der Liebe Gottes,der allem das Leben schenkt,mitzuwirken.So warten wir ergeben und tatkräftig auf jene Auferstehung aller Menschen und der ganzen Schöpfung,die mit der Auferstehung Jesu Christi schon begonnen hat,aber ihre Vollendung und leuchtende Manifestation erst findet,wann und wie der Vater es will.



Armut

Die Armut des Christen verwirklicht sich nicht in Gesten und Hoffnungen,sie wird vielmehr von den Werten des Reiches Gottes bestimmt,deren Ausdruck sie ist.Unterscheidungskriterium unserer Armen ist das Leben Christi,seine"würdevolle Armut und Einfachheit"während seines öffentlichen Wirkens und seiner Hingabebereitschaft.

Wir leben in einer widersprüchlichen Gesellschaft.Auf der einen Seite produziert sie geradezu immer von neuem Arme,Randständige und Verlierer,treibt Menschen in die Verlassenheit und Verzweifelung.Christliche Armut leben heißt in dieser Situation,für diese unsere Brüder und Schwestern zum lebendigen Zeichen der Solidarität und der Hilfe zu werden.

Andererseits leben wir in einer Gesellschaft des Überflusses,ausgesetzt den Gefahren des Wohlstandes sowie den Risiken und Attraktionen des Konsuminismus.In dieser Gesellschaft muß unser Armsein eine ander Gestalt annehmen.Unsere Armut muß sich von dieser Welt unterscheiden,zur Kritik an der Welt werden,die uns umgibt,sie muß zum Zeichen einer anderen Wertschätzung von Personen und Gütern werden.

Die Erfahrung zeigt,daß der Weg der Armut zugleich ein Weg der Befreiung,der Freude und der Begeisterung ist;diese Erfahrungen verbindet uns aufs engste mit Christus,sie läßt uns auf unhervorgesehene Weise die Kraft des Kreuzes erfahren,die auch in völlig festgefahrenen Situationen Erneuerungen möglich werden läßt.

Wer ein wenig von dieser Freude erlebt,wer Aufmerksamkeit übt und sich einlässt auf ein Leben in Schlichtheit,Bußgesinnung und Entsagung,der entdeckt in diesen Augenblick die Seiten des Evangeliums ganz neu.Ohne diese Bemühungen bleiben sie stumm.Wer aber einen Schritt in diese Richtung geht,für den werden die Worte Jesu aktuell.Sie beginnen zu klingen und gewinnen Gewicht und Bedeutung .Wir spüren dann ,daß wir etwas von der Freude der Zwölf erleben,die in der Nachfolge Jesu über die Straßen Palestinas gewandert sind:"Meister,wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt."





Arbeit

Wie soziologische Untersuchungen bestätigen,greifen in unserer Gesellschaft - vor allem unter jungen Menschen - Formen der Abneigung gegenüber der Arbeit immer mehr um sich.Es handelt sich um ein Faktum, das eine umsichtige Interpretation verlangt.In den meisten Fällen handelt es sich nicht um eine Ablehnung der Arbeit als solcher,sondern einer bestimmten Form von Arbeit,der Arbeit nämlich,der sich kein vernünftiger Sinn abgewinnen läßt.

Die Zurückweisung enthält implizit die Forderung,die beträchtliche Zeit unseres Lebens,die wir mit Arbeit verbringen,solle "qualitativ" zufriedenstellend sein,die Arbeitszeit solle unter Bedingungen stehen,die den Einsatz des Lebens rechtfertigen.Es handelt sich also um eine ethische Forderung,sofern man unter Ethik das versteht,was mit der Begründung eines Lebensstiles und der konkreten Formen seiner Umsetzung zu tun hat.

Es gibt viele Hinweise,die diese Interpretationen bestätigen,zum Beispiel das verbreiteteInteresse für das Freiwillige Soziale Jahr :Es handelt sich dabei um eine Arbeit,bei der Bezahlung,Sozialprestige und materielle Sicherheit hinter Motivation zurückstehen,die nicht nur postmaterialistisch,sondern spezifisch ethisch sind wie Solidarität mit den Schwachen,mit den Pechvögeln,mit den Wehrlosen .

"Wer sein Leben retten will,wird es verlieren;wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,wird es retten"(Mk8,35)Diese Worte sind,bevor sie noch im Evangelium schriftlich festgehalten wurden,gewissermaßen in das Herz eines jeden Menschen eingeschrieben.

Es mag paradox erscheinen,aber-daran erinnern die Worte des Evangeliums,und sie werden durch die Erfahrung laufend bestätigt-der Mensch findet sich selbst,wenn er sich selbst vergisst.Es gelingt ihm nur dann,die ihn bedrängende Unruhe und die Angst zu überwinden,wenn er Grund und Rechtfertigung für seine Entscheidungen außerhalb seiner selbst und eben nicht im ausschließlichen Verfolgen des eigenen Vorteils sucht.

Wo das Leben in der Hilfe und im Dienst am Nächsten großmütig hingegeben wird und damit anscheinend verloren ist,wird es gewonnen.

Es ist dies das höchste ethische Kriterium,das auch für die Beurteilung der "Qualität" des Lebens des einzelnen und der Gemeinschaft gilt.

Einen entscheidenden Beitrag zu dieser Lebensqualität liefert heute,im guten wie im schlechten,die Arbeit.



Annahme

"Brüder,nehmt einander an,wie auch Christus uns angenommen hat"(Röm15,7).Der Ausdruck "einander annehmen"bezieht sich hier auf zwei Gruppen in der römischen Christengemeinde,an die Paulus seinen Brief aus der Anfangszeit des Christentums schreibt.Sie unterscheiden sich voneinander und stehen in bestimmter Hinsicht zueinander im Gegensatz ie"Hebräer" und die "Heiden",das heißt Christen,die aus dem Judentum,und Christen,die aus dem Heidentum kommen.

Die Ermahnung schließt die Ausführungen über das Hauptthema des langen Briefes an die Römer ab:Wenn der Mensch gerettet ist durch den Glauben an Jesus Christus,dann gibt es zwischen den ethnischen oder rassistischen Gruppen in der Kirche,in der Geschichte und in der Welt keinen Unterschied mehr,dann sind sie gleichermaßen gerettet,und sie müssen sich alle gegenseitig annehmen.

Was sagte diese vor 1900 Jahren geschriebene Ermahnung uns heute?Was sagt sie unserer Welt,was bedeutet sie in unserer historischen,politischen und gesellschaftlichen Situation?

Sie sagt nichts anders als damals:Wir sollen einander annehmen,wie auch Christus uns angenommen hat.

Damals ging es um Hebräer und Heiden,Juden und Heidenchristen.Heute geht es um Hebräer und Nichthebräer,Juden und Araber,Christen und Muslime.Wir alle sind von Gott angenommen und geliebt.Jenseits aller Verschiedenheit gibt es die barmherzige Liebe Gottes für die einen wie die anderen.

Sicher muß jeder den Weg seiner Religion gehen,jeder muß den Sinn des Geheimnisses Gottes immer tiefer zu begreifen versuchen,und wir müssen um Einsicht in das Geheimnis Christi ringen.Wichtig ist aber vor allem:Am Anfang steht eine barmherzige Liebe,die uns drängt,uns antreibt und uns verpflichtet,einander anzunehmen,mit einander zu sprechen und einander zu lieben.


ANGST

Wenn wir uns umschauen und fragen ,unter welchen Übeln die Gesellschaft Europas heute vor allem leidet ,werden wir feststellen:es sind Angst und Furcht.In Ländern, wo ethnische Gruppen mit unmenschlicher Grausamkeit einander bis aufs Blut bekämpfen,ist es die Angst,die Heimat zu verlieren(denken wir nur an das schreckliche Drama im früheren Jugoslawien).In manchen Ländern herrscht Angst um den eigenen Wohlstand(denken wir an die rassistischen Krawalle in Deutschland )oder(zum Beispiel in Italien)die Angst,der wirtschaftliche Aufschwung könnte dadurch gefährdet werden,daß das Staatsschiff ins schlingern gerät.

Was ist von diesem vorherrschendem Gefühl der Angst,die früher oder später jeden überkommt,zu halten?

Es ist eine Angst,die wir nicht ohne weiteres gänzlich loswerden können,weil sie etwas mit der Freiheit der Menschen zu tun hat.Wird die Freiheit absolut gesetzt,gibt es keine Ordnung und keine Prioritäten mehr,alles wird unsicher und ungewiß,alles fällt auf meine Schultern und erdrückt mich,ich kann mich auf niemanden mehr verlassen.Es ist die Verzweifelung der absolut gesetzten Freiheit,die kein Fundament und keinen Bezugpunkt mehr hat.

In dieser Situation kann ein Gedanke des hl.Ignatius weiterhelfen:Wenn ich nach einem Fundament für diese Freiheit suche,wenn ich beginne,mich mit meiner Angst auseinanderzusetzen und auszuhalten,dann beginne ich die Angst zu überwinden.Ich erfahre,daß das Fundament meiner Freiheit Gott ist,der mich liebt,der mich geschaffen hat,der mich kennt.Er ist es,der mich als Kind angenommen hat,der mich frei macht und mir den Weg weist.Wenn ich in die Zukunft blicke,weiß ich,daß meine Freiheit in der Hand Gottes liegt,der mich ruft und mich führt.Blicke ich auf die Gegenwart,erfahre ich,daß Gott mir die Freiheit schenkt,daß er mich gewissermaßen anfeuert und wünscht,daß ich mich meiner Freiheit bewähre.So wird meine Freiheit eine situierte Freiheit;meine negativen Gefühle der Angst und der Furcht verflüchtigen sich nicht,denn das Leben ist insgesamt hart und beschwerlich,aber Angst und Furcht werden auf das rechte Mass zurückgeführt.Ich weiß wem ich mich anvertrauen kann,auf wen ich mich verlassen kann,auf wen ich mich stützen kann.




#58   dddddddHomepage26.05.2005 - 22:51
Barmherzigkeit

Der Prophet Jona hält in der Erzählung des gleichnamigen Buches Gott vor, daß er gnädig und barmherzig ist,langmütig und reich an Huld,daß er sich mitleidig stimmen läßt (vergl.Jona 4,2).Gott muß sich gleichsam gegen die Anklage verteidigen,seine Barmherzigkeit sei unverständlich,blind absolut.Aber gerade diese Barmherzigkeit ist das Fundament unseres Leben und unserer Freiheit.

Der Mensch kann nur leben und lieben,wenn er sich dann angenomen weiß,wie er ist ,ohne Bedingungen;und fühlt er sich auch frei.Gott liebt uns auf diese Weise.Das einzige Maß seiner maßlosen Liebe ist das Bedürfnis der geliebten Person;der Arme,Unglückliche,der Sünder ,der Verlorene wird sogar mehr geliebt als die anderen.

Gott liebt uns wie eine Mutter,die den Sohn liebt,weil er ihr Sohn ist;und wenn er auf Abwege gerät,liebt sie ihn noch mehr,denn sie weiß,daß er sich in dem Maß,wie er geliebt wird,bessern kann.

Gott,der uns mehr Vater ist als unser eigener Vater und mehr Mutter als unsere eigene Mutter,der uns im mütterlichen Schoß geformt hat,schaffte aus Barmherzigkeit die Wirklichkeit,die uns umgibt.In seiner Barmherzigkeit sind wir, was wir sind,und unser Elend wird zum Gefäß und zum Maß,nach dem sich seine Barmherzigkeit bemisst.




Authentizität

Wir sind alle auf der Suche nach der Wahrheit,wir sehnen uns nach der Wahrheit.Wir suchen sie,wir fragen nach ihr,wir verlange nach ihr in jedem Augenblick unseres Lebens.Und wenn ich dieses Suchen übersetzen soll,so übersetze ich es vor allem als Sehnsucht nach Authenzität.

Ich wünsche mir, vor dem Herrn und vor euch allen,und jeder von euch wünscht es sicherlich so wie ich,authentisch zu sein.Ich wünsche,heißt das,daß eine Entsprechung zwischen den Worten und der Handlung,zwischen den Versprechungen und Handlungen,zwischen den Versprechungen und den Erfüllungen,eine Entsprechung zwischen dem,was wir mit der Gnade Gottes sein wollen,und dem was wir zu sein versuchen und worum wir uns im täglichen Leben bemühen.

Wir sehnen uns nach Wahrheit,wir sehnen uns nach Authenzität,wir wünschen uns,daß alles,was wir sagen und tun - unsere Worte,Gesten und Handlungen - dem entspricht,was der Herr in uns hineinlegt.Es soll keine Abweichungen geben,keinen Abstand,kein Gefälle zwischen dem,was wir denken und was wir leben.

Wir sind also alle gemeinsam auf der Suche nach Authenzität.Wir sehen uns danach,wir wollen,daß sie unsere Freundschaft prägt,unsere Gemeinschaft alltäglichen Beziehungen.Wir sind auf der Suche nach einer ganz bestimmten Wahrheit.Ihre Kennzeichen lassen sich mit Bildern ,die ich dem Johannes- evangelium entnehme folgerndermaßen näher umschreiben Herr,ich suche eine Wahrheit,die lebendig ist wie Quellwasser,die schlicht ist wie Brot,klar wie dasLicht,kraftvoll wie das Leben.....(vergl.Joh 4;6) Es entsteht also ganz spontan ein Gebet.

Wer wird uns dieses lebendige Wasser geben,das niemals versiegt?Wer gibt uns das schlichte Brot der täglichen Nahrung,von dem wir jeden Tag essen und das wir an die Brüder und Schwestern verteilen können?Wer gibt uns die Klarheit des Lichts,vor dem wir nicht die Augen verschließen müssen?Und wer gibt uns die Kraft des Lebens?

Der Herr selbst gibt uns darauf die Antwort und sagt:Ich bin das lebendige Wasser.Ich bin das Brot des Lebens.Ich bin das Licht.Ich bin die Auferstehung und das Leben.Ich bin das lebendige Wasser,das niemals versiegt und das jeden Durst stillt.Ich bin das Wasser,das ewiges Leben schenkt.Ich bin das Brot des Lebens;wer davon ißt,wird nicht sterben.Ich bin das Licht,das in der Finsternis leuchtet,und die Finsternis vermag es nicht zu verhüllen.Ich bin die Auferstehung und das Leben;wer an mich glaubt,wird leben,auch wenn er gestorben ist.Wer in mir lebt und an mich glaubt,wird das ewige Leben haben.


Ausländer

Unsere Städte bieten oft ein trauriges Bild.Wir spüren die Beunruhigung über die Strömungen im Zusammenleben ,die Beklemmung wegen wachsender Umweltverschmutzung,den Überdruß an der Politik,das Desintresse am Leben.Vor allem,wer krank,schwach und alt ist,findet kaum irgendwo Teilnahme.Und es gibt vielleicht auch eine Übersättigung gegenüber dem "Zuviel" an Vorschlägen,Ablenkungen,Vergn ügungen.

Sowohl die Allgemeinheit wie die einzelnen tendierten dazu,sich angesichts all dieser Probleme auf sich selbst zurückzuziehen.Die Irritation und die Unzufriedenheit mit einer Wirklichkeit ,mit der man nicht zurechtkommt,wird auf den "anderen",den Fremden abgewälzt.

Doch die Ausländer,die in unsere Städte strömen,sind ein kostbares Zeichen der Zeit,das uns wachrufen und zur Selbstprüfung auffordern sollte.Ihre Anwesenheit ist keine Last,und noch weniger sind die Ursache für einen Verfall,der eine bedrohliche Zukunft erwarten läßt.Sie sind.aufs ganze gesehen,kein Unglück,sie sind eine Chance auch für die Erneuerung unseres eigenen Lebens.

Es liegt an uns,ob die Zuwanderung friedlich verläuft oder ob sie zu Konflikten führt.Wenn unsere Beschränktheit und Intoleranz eine noch schlimmere Intoleranz in gesellschaftlicher,politischer und religiöser Hinsicht provozieren,sind Zusammenstöße allerdings vorprogrammiert.

Wir müssen uns entscheiden:Entweder werden wir das kulturelle und moralische Erbe unserer abendländischen Tradition,das Werk von Generationen,dem Raub und der Zerstörung aussetzen,oder wir suchen - großherzig und aufnahmebereit - nach Wegen,es in einer gemeinsamen Zukunft mit den Armen und Fremden zu teilen.

Es liegt an uns,in der Gnade des hl.Geistes so zu handeln,daß an die Utopie vom Zusammenströmen der Völker im Tal Joschafat (vergl.Joel 4,2.12.14)sich die Herabkunft des Neuen Jerusalem (vergl.Offb 21) anschließt.




Augen

Das Öffnen der Augen ist der Beginn der wiedergefundenen Brüderlichkeit,der Übergang von einer Feindschaft und dem Misstrauen zum Wiedererkennen des Menschen,des Freundes.

Ein schönes Beispiel für wiedergefundenen Brüderlichkeit ist die Szene in der Genesis,in der Josef wiedererkannt wird bzw. sich von seinen Brüdern wiedererkennen läßt.Solange sie von Angst und Furcht beherrscht werden und Josefs pharaonischer Glanz ihnen Schrecken einjagt,erkennen sie ihn nicht,aber da kommt der Moment,wo ihn als Bruder wiedererkennen.Die erneuerte menschliche Brüderlichkeit wird in der Erzählung symbolisch mit dem Öffnen der Augen ausgedrückt: Der Mensch lebt in bestimmten Situationen wie ein Blinder und öffnet dann die Augen.

Wenn wir jetzt von der anthroprologischen zur heilsgeschichtlichen Ebene übergehen,wird das Symbol ins seiner Bedeutung und in seinen Bezügen noch reicher.

Die Augen öffnen sich für das Heilieses Thema klingt in der Schrift immer wieder an.Das der Mensch sich den Schätzen der Gebote,des Gesetzes öffnet,ist die eigentliche Öffnung der Schriften.

Der hl.Paulus sagt uns im Zweiten Korintherbrief,daß die Augen der Juden,die die Schrift lesen,verhüllt sind,daß aber,wenn Christus kommt,die Hülle entfernt wird und sich die Augen öffnen (vergl.2Kor 3,12.12).

Die Schrift kann mit verbundenen Augen(das heißt hne daß der Sinn verstanden wird) und mit un verbundenen Augen gelesen werden.Die Öffnung der Augen ist jedoch ein Geschenk,eine Gnade.Es ist der hl.Geist,den der Auferstandene uns geschenkt hat.




Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist eine wachsame Haltung gegenüber dem anderen,ein Blick der nicht an der Oberfläche haften bleibt,sondern sensibel Anzeichen des Leids um sich herum wahrnimmt.

Aufmerksamkeit zeigt sich darin,daß das Herz erschrocken zusammenzuckt,wenn der geschuldete Respekt,die Achtung von der Person verletzt wird.Zeichen der Aufmerksamkeit kann zum Beispiel sein,mit dem Auto oder dem Fahrrad vor dem Zebrastreifen stehenzubleiben,wenn ein Fußgänger die Straße überqueren will,und ihn nicht wie einen Kegel zu umkurven.

Aufmerksamkeit ist es,nicht zu rauchen,wenn es für die anderen eine Unanehmlichkeit bedeutet.Aufmerksamkeit üben heißt sich selbst und den Ereignissen gegenüber eine angemessene Distanz einzunehmen,um besser verstehen zu können,was tatsächlich vor sich geht.

Aufmerksamkeit ist letztlich Liebe,wahrhaft feinfühlige,uneigennützige und zuvorkommende Liebe.

Aufmerksamkeit ist die Haltung einer Mutter gegenüber dem Kind,das im angrenzenden Hof spielt;Aufmerksamkeit ist die Haltung eines höflichen Gastes,der unbefangen,aber nicht zudringlich ist.

Und diese Aufmerksamkeit ist schließlich -als allgemein menschliche Eigenschaft - eine notwendige Voraussetzung für das geistliche Leben.


#57   ddddddd26.05.2005 - 22:50
Bischof

Es gehört zu den Aufgaben des Bischofs,in der Vielfalt der historischen Situation,in denen die Gläubigen,das in der Taufe verliehene allgemeine Priestertum leben,die Einheit und Einfachheit des Glaubens sichtbar zu machen.Er lebt sein Leben aus der Beziehung zu Christus und als Dienst an den Gläubigen,denen er hilft,den Weg zu finden,den der Heilige Geist für jeden einzelnen vorgesehen hat.Er muß die Wirklichkeit des Lebens mit den Augen des Glaubens und des Herzens lesen und verstehen können.Er braucht das Einfühlungsvermögen,das sich eins weiß mit der Liebe weiß mit der Liebe Gottes zu allen Geschöpfen.So hilft er den Gläubigen,wenn es darum geht,den in der Taufe empfangenen Geist in Familie und Gesellschaft wirksam werden zu lassen,in Freude und Schmerz,im Beruf und in der Politik.Es gehört zu den Aufgaben des Bischofs,den Gläubigen zu begleiten und zu stärken,der in der spirituellen Situation der gegenwärtigen Welt seinen Weg geht und mit seinem Leben Zeichen der vollkommenen Gerechtigkeit,der Freiheit und des Lobes Gott setzt.

Darin besteht die Aufgabe des Bischofs,und dies ist seine Sicht auf die Wirklichkeit.Davon ist sein Handeln bestimmt,von hier erhält sein vielfältiger Einsatz die innere Einheit.Notwendigerweise unterscheidet sich seine Sichtweise von jeder anderen,und siedarf nicht mit einem Urteil über Politik,Gesellschaft,Wirtschaf t oder Kultur gleichgesetzt werden.Man kann es so sehen,daß seine Sichtweise all diese Bereiche im Urteil des betrachtenden Glaubens zusammenführt:Er blickt im Glauben auf die Wirklichkeit und die hinter den Dingen liegende Wirklichkeit,und er sieht auf die Menschen und das in den Menschen wirksame Gute.


Berufung

Die Berufung ist ein Wort,das an mich ergeht.Sie ist ein Beziehungsgeschehen,das heißt ,daß sie in der Beziehung entsteht und wächst.Sie wird weniger und schwächer,wenn die Beziehung und das Gespräch weniger werden.

Berufung ist die Annahme eines Gespräches ,in dem ich weder das erste noch das letzte Wort habe:Ich muß antworten.Wichtig ist,das man das Gespräch annimmt.Wie macht man das,daß ein Gespräch stattfindet und daß unser Gebet oder die Frage nach der Berufung nicht nur einen Monolog darstellt?

Es gibt keinen anderen Weg,als das Wort Gottes als Wort ernstzunehmen,es sprechen zu lassen,ihm den Vorrang zu geben,um dann zu antworten.Es gilt,die Heilige Schrift ernstzunehmen als Wort,das zu mir gesprochen ist,sie als Beginn des Berufungsgespräch zu lesen und zu hören und dieses Gespräch aufrechtzuerhalten.

Ohne tägliche Meditation des Wortes Gottes - die kurz sein kann,aber konsequent eingehalten werden muß - ist es schwierig,einen fruchtbaren Dialog über seine Berufung zu beginnen und zu führen.Ohne tägliche Meditation ist es schwierig,die Tür für das Wort Gottes offenzuhalten.



Beruf

Die hohen ethischen Ansprüche, die an den Beruf gestellt werden,begründen und fordern zugleich,daß auch die religiöse und theologische Sicht zum Tragen kommt.Erst in der Erörterung dieser religiösen und theologischen Diemension wird die tiefste Bedeutung des Berufs sichtbar,und es wird zudem verständlich,warum die Kirche so großes Interesse an dem Thema hat.Der Beruf ist ganz wesentlich auf den Dienst am Menschen ausgerichtet.Damit ist er faktisch eine besondere Verwirklichungsform der christlichen Nächstenliebe,und das heißt des grundlegenden Gebotes Gottes.

Die sprachgeschichtliche Herleitung des Wortes scheint anzudeuten,daß die Ausübung eines Berufes die bevorzugte und öffentliche Weise der Verwirklichung der eigenen Berufung ist.Der Beruf ist die Antwort der Person auf das Wort oder den Ruf Gottes,und damit ist er der eigentliche und letztendliche Sinn der eigenen Existenz in der Zeit.

Der Beruf wird so zum "Ort" ,an dem nicht nur eine echte personale und gemeinschaftliche Kommunikation stattfindet.Und man kann davon ausgehen,daß die beiden Formen der Kommunikation - die gesellschaftliche und die religiöse - nicht nur äußerlich nebeneinander bestehen,sondern sich gegenseitig so durchdringen,daß die eine zur Bedingung der anderen wird.



Begegnung

Wir müssen neu entdecken,was Begegnung bedeutet.Wirkliche Begegnung - die Begegnung mit Völkern anderer Kulturen und völlig anderen Mentalität.mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen im Hinblick auf das Leben und die Lebensführung - findet nicht auf technologischer Basis statt,sie ergibt sich auch nicht im Gefolge einer engen ,eventuell sogar sehr brüderlichen Zusammenarbeit.Authentische und wahre Begegnung im eigentlichen Sinn ereignet sich vielmehr in der Tiefe,an den Wurzeln der Person,dort wo sie sie selbst ist und nicht nur etwas tut oder produziert,

Das aufmerksame und geduldige Aufeinanderhören unterschiedlicher Kulturen,die Fähigkeit,Enfaltungsmöglichk eiten,die eine gemeinsamen Weg eröffnen,gegenseitig wahrzunehmen,die seltene Eigenschaft,den anderen auf den Weg zu begleiten,ohne sich ihm aufzudrängen und ohne über ihn zu bestimmenas alles sind Gaben Gottes,die wir nur finden,wenn wir nach Wesentlichen suchen.

Wie Jesus,der bei Tagesanbruch die Stadt verließ und an einen einsamen Ort ging (Lk4,42)oder sich allein auf den Berg zurückzog (Joh 6,15),muß auch der vielbeschäftige Mensch einen Raum suchen,wo für ihn die Gegenwart Gottes (der anwesend ist,wo wahrhaft gelebt wird)und zugleich die Hinfälligkeit alles dessen,was dem Plan Gottes widerspricht erfahrbar wird.


Beharrlichkeit

Es ist mühsam,beharrlich zu sein,es ist mühsam,den Herrn immer wieder zu bitten.Wenn unser Gebet offensichtlich nicht erhört wird,stellen wir uns vor,Gott sei vielleicht taub.Wir kommen uns dann vor wie jemand,der draußen steht und hofft,daß der andere sich rührt,ihm die Tür öffnet.Je mehr Zeit vergeht,um so mehr verlieren wir das Vertrauen in Gott.

Aber Jesus sagt uns immer wieder:Fahre fort zu bitten,denn schon das Bitten ist die Erhörung (vergl.Mt7,7-11).Wenn du nicht nachläßt,die schlichten,einfachen Gebetsworte immer wieder vorzubringen,wirst du auf geheimnisvolle Weise zum Sohn,und du erhälst dann sogar noch Brot,mit dem du andere ernähren kannst,selbst wenn du dich selbst müde,geistlich trocken und armselig fühlst.

Ein solches fruchtbares Gebet ist kein leichtes,gelassenes,freudiges Gebet,sondern ein leidvolles Gebet.Aber es ist ein Gebet,auf das hin uns Gott das wahre Brot gibt,das im Wissen um unsere Kindschaft besteht.

Hier kann man natürlich die Frage stellenraucht denn Gott unsere Beharrlichkeit?Weiß er nicht besser als wir selbst,was wir nötig haben?

In Wirklichkeit hat die Beharrlichkeit im Beten unsere Läuterung zum Ziel.Und die demütigende Erkenntnis,daß wir nicht zu beten wissen,läßt uns zu Kindern Gottes werden.


#56   ddddddd26.05.2005 - 22:20
Europa und die USA: Clash of Cultures?
Staat versus Privat &150; Zwischen Sicherheit, Flexibilität und Flexicurity
Manfred Prisching



Alpbach, Wirtschaftsgespräche 2003


Univ.Prof. Mag. Dr. Manfred Prisching, Institut für Soziologie, Universität Graz, Universitätsstraße 15, 8010 Graz, EM manfred.prisching@uni-graz.at


Auf die Frage, was er als Erstes tun würde, um das Reich in Ordnung zu bringen, soll Konfuzius geantwortet haben, als Erstes würde er die Begriffe klären. Nun könnten wir uns fragen, welches Reich es denn heutzutage in Ordnung zu bringen gäbe; aber das wäre wohl kaum unsere Aufgabe. Ein paar Begriffe sind aber allemal zu ordnen; denn im Titel des Vortrags stecken mehrere Gegensätze.

Es ist zum Ersten die Konfrontation von Staat versus Privat. Diese Konfrontation ist missverständlich; denn man könnte reden über die Gefährdung des Privatlebens, über Intimität und Publizität, über private Rechte und öffentliche Pflichten (Sennett 1983). In unserem Kontext sind wohl eher ökonomische Kategorien gemeint: Staatsquote, Staatsausgaben, Staatseingriffe, Sicherung privater Verfügungsbereiche und dergleichen &150; also vor allem die klassische Konfrontation von Staat versus Markt.1

Zum Zweiten ist die Konfrontation von Sicherheit und Flexibilität angesprochen. Sie ist nicht identisch mit dem Verhältnis von Staat und Privat; es wäre eine unzulässige Vereinfachung zu meinen, dass der Staat für die Sicherheit und der Markt für die Flexibilität stehe, auch wenn diese spontane Assoziation nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Es gibt jedoch auch Märkte, die für Sicherheit sorgen: etwa Versicherungsmärkte; und es gibt verschiedentlich Bereiche, in denen sogar der Staat mit einer gewissen Flexibilität agiert &150; also keine wasserdichte Zwei-Welten-Lehre.

Zum Dritten ist die Konfrontation Europa versus USA angesprochen. Diese Gegenüberstellung speist sich nicht nur aus den aktuellen Verständigungsproblemen nach dem Irak-Krieg, sondern auch aus der neuerdings verstärkt auftauchenden Vermutung, es könne sich hierbei um einen Clash of Cultures, wie es im Titel der Veranstaltung heißt, handeln. Irgendwie scheinen wir nicht nur mit den Islamisten, sondern auch mit den &132;Amerikanisten&147; Scherereien zu haben (Prisching 2002b): Der Cowboy-Hut ist uns bald genau so verdächtig wie der Schador.2

Es erhebt sich der Verdacht, dass die Konfrontation der drei Begriffspaare darauf hinauslaufen könnte, dass in einer ordentlich sortierten Welt Europa für das Staatliche und die Sicherheit und die USA3 für das Private und die Flexibilität steht. Eine gängige Gegenüberstellung.

* Europa scheint etatistisch, staatsorientiert, unflexibel, bürokratisch, hierarchisch, deshalb auch undynamisch zu sein. Europa ist ein wenig &132;sozialistischer&147; als die USA, ja es ist zeitweise von Amerikanern generell als ein bisschen &132;ostblockartig&147; betrachtet worden. Die Bewertungen des Sachverhalts können unterschiedlich sein. Gutes Europa: soziale Absicherung, hohe Löhne, ordentliches Gesundheitswesen, friedliche industrielle Beziehungen. Böses Europa: sklerotische Gewerkschaften, Inflexibilität, Arbeitslosigkeit, Übersozialisierung.
* Die USA andererseits scheinen individualistisch, antistaatlich, flexibel, unbürokratisch, deshalb auch dynamisch zu sein. Die USA sind &132;kapitalistischer&147; als die europäischen Länder, ja sie werden neuerdings als &132;turbokapitalistisch&147; (Luttwak 1999) gescholten. Auch hier der wertende Gegensatz: Gute USA: dynamisch, freie Märkte, Beschäftigungswunder, keine Bürokratie. Böse USA: Defizite in der sozialen Sicherung, steigende Ungleichheit, hohe Armutsquote, Millionen ohne Krankenschutz, Gefängnisse, Rassenunterschiede...

Damit sind Schubladisierungen vorgenommen: die Kindergartenvariante der Welt, eine klare Sonderung der Guten und Bösen. Beschränkte Geister lieben solche Dichotomien. Sie werden in unterschiedlicher Weise gehätschelt: In Amerika pflegt man neuerdings die Staaten auf diese Art zu sortieren. In Europa gibt es alle Varianten von Amerika-Phobien und Philo-Amerikanismen, linker und rechter Provenienz (vgl. die Übersicht bei Herzinger /Stein 1995). Das Problem der mittleren Lösungen kommt bei solchen Dichotomien gar nicht erst in den Blick: Flexicurity etwa; oder auch die &132;soziale Marktwirtschaft&147;, jenes Modell, auf das sich Europäer deswegen so begeistert einigen, weil jeder von ihnen etwas anderes darunter versteht, ein Modell, mit dem Amerikaner üblicherweise nichts anfangen können, weil sie sich darunter gar nichts Vernünftiges vorstellen können.
I. Zwei Kulturen und ein Kulturkreis


Samuel Huntington (1998) hat Europa und Amerika demselben westlich-angloamerikanischen Kulturkreis zugezählt, und gegenüber dem Islam oder dem Hinduismus kann man das Gemeinsame hervorstreichen. Aber offensichtlich gibt es auch innerhalb des westlichen Kulturkreises Unterschiedlichkeiten der vorhandenen &132;Subsysteme&147;, die manche Bewohner irritieren oder Unverständnis auslösen4; oft sogar eine Fassungslosigkeit, welche Europäer bei näherer Bekanntschaft mit dem amerikanischen Alltags-, Wirtschafts-, Bildungs- oder Politikleben beschleicht und sie oft nur stammeln lässt: &132;It&145;s different.&147;

Amerika ist natürlich ein Abkömmling Europas, ebenso wie dies seinerzeit die Sowjetunion war5, und doch gibt es &132;interkulturelle&147; Verständnisschwierigkeiten zwischen Europa und den USA. Um dem Problem grundlegender Weltsichten näherzukommen, muss man ein wenig Gründungsgeschichte und Mentalitätsgeschichte, Ideen- und Kulturgeschichte betreiben, und man muss sich mit Alltagskultur und Wirtschaftskultur beschäftigen. Das möchte ich &150; in der gebotenen Verknappung &150; tun, natürlich mit dem Blick auf die hier interessierenden Probleme von Staat, Markt, Privatheit, Sicherheit, Flexibilität, Wohlfahrt und dergleichen. Die chronologische Kontinuität der beiden &132;Geschichten&147; wird die synchrone Diskontinuität &150; die Kluft &150; verständlicher machen.6 In welchen &132;Welten&147; wird gedacht, auf dem alten und auf dem neuen Kontinent?
1. Der amerikanische Exzeptionalismus



Der amerikanische Exzeptionalismus, wie ihn etwa Seymour Martin Lipset (1996) beschrieben hat, ist unumgehbarer Ausgangspunkt. Amerika ist ein Ausnahmeland, Hort der Freiheit und des Individualismus; God&145;s own country. Der American Creed ist grundsätzlich gegen Regierung und Staat, gegen Autorität und Hierarchie gerichtet; er ist individualistisch, moralistisch, demokratisch und egalitär; gekennzeichnet von einem ausgeprägten Rationalismus und Pragmatismus, dem Glauben an die praktische Vernünftigkeit des Handelns, der Wertschätzung harter Arbeit; er beinhaltet das Lob der Selbstverantwortung; Egalität. Das sind die Zutaten für die amerikanische Rezeptur.

Wertsysteme fallen nicht vom Himmel. Ein (nicht ganz unbekanntes) Zitat verweist auf die Motive der Auswanderung und der Gründung einer neuen Gesellschaft, eine Einstellung, die bis heute nachwirkt:

&132;Der HERR hat uns hierhergebracht, über die tosenden Meere, durch Gefahren, welche von Piraten drohten, von lecken Schiffsrümpfen, Stürmen, Feuern, Riffen, Untiefen, Krankheiten, Hungersnöten; und er hat uns diese vielen Jahre bewahrt vor dem Zorn von Fürsten, dem Neid und der Wut von Prälaten, den bösartigen Intrigen von Jesuiten, den meuterischen Anschlägen unzufriedener Menschen, den offenen und verborgenen Angriffen von barbarischen Indianern, den aufrührerischen und zersetzenden Machenschaften von falschen Brüdern.&147;

So dankte John Winthrop dem Herrn im Jahre 1643. In diesen Worten ist der Gründungsmythos festgehalten, ohne den Amerika nicht zu verstehen ist: die großen Gefahren; die Vorsehung Gottes; ein neues, ganz anderes Land. Wir können einige Elemente festhalten.

* Erstens: Die große Wanderung hatte in einer gänzlich neuen Gesellschaft geendet: mundus novus. Der &132;Covenant of Grace&147; war wie eine &132;Stadt, gelegen auf einem Hügel&147;, &132;für alle Welt offen zu schauen&147;. Es war das ganz Neue: ein &132;gelobtes Land&147;, eine &132;Arche in Zeiten der Sintflut&147;, das &132;neue Kanaan&147;. Und doch das ganz Alte: der wiedergewonnene Garten Eden; eine göttliche Gründung.7 Ein transatlantisches Arkadien, das bessere England.8
* Zweitens: Amerika wurde in Absetzung von der alten Welt und ihren Obrigkeiten gegründet, eine neue Identität aus der Nichtidentität mit Europa: eine andersartige Gesellschaft, die von der feudalistischen Vergangenheit unbelastet war; eine Gesellschaft ohne rigide Klassenschranken und Klassengegensätze; ein rein bourgeoises Land. Deshalb sind Amerikaner keine Sozialisten (Lipset/ Marks 2001), sondern geborene Konservative und Liberale, sie brauchten sich ihren Platz in der Gesellschaft nicht gegen eine überhebliche, parasitäre Oberschicht erkämpfen. In einer völlig neuen Welt wird ein völlig neues Spiel gespielt.
* Drittens: Am Anfang steht eine Übereinkunft freier Menschen. Die amerikanischen Werte, als Plattform für den amerikanischen Lebensstil generell, sind nicht nur Propaganda. Wer kommt, sich einfügt und die Ärmel aufkrempelt, der gehört dazu. Die Ausländer pflegen über die Zeremonien an den Schulen &150; Aufziehen der Fahne, Absingen der Hymne, Hand ans Herz gepresst &150; zu lächeln. Aber das amerikanische Schulsystem, das aus der jeweils zweiten Generation der Immigranten &132;Amerikaner&147; machte, in Absetzung von den Werten und Auffassungen ihrer Eltern, die alsbald von den Kindern als &132;fremdartig&147; empfunden wurden, durch Einprägung eines neuen Lebensstils, einer neuen Denkweise, eines neuen Charakters, &150; dieses Schulsystem hat Wichtiges geleistet, um auf der Grundlage der American values eine geeinte Nation zu bauen: eine Nation, die als &132;Hort der Freiheit&147; in rechtlich-politischen Kategorien definiert wird, nicht in kulturell-historisch-ethnischen Kategorien wie im blutrünstigen Europa; ein aufklärerisch-demokratisches Rahmenwerk auf einer starken emotionellen Grundlage. Die Verwerfung der Kultur des Vaters ging &150; freudianisch gesprochen &150; hand in hand mit der Verwerfung der Kultur Europas oder jener anderer Länder, und die Abschüttelung dieses Treueverhältnisses war zugleich die Abschüttelung jedweder Autorität.
* Viertens: Es ist eine Identität durch Bekenntnis. In Europa sind die Gemeinschaften &150; die Völker und Staaten &150; durch Zugehörigkeit, durch Geburt, durch geborene Identität definiert. In den USA gehört dazu, wer sich zu grundlegenden Werten bekennt: eine horizontale Zugehörigkeit, die eigentlich keiner Staatlichkeit bedarf. Es ist eine gesellschaftlich begründete, keine staatspolitische Identität. Die Zugehörigkeit durch Bekenntnis schließt leichter ein, sie schließt aber auch leichter aus.9 Wer sich der &132;unamerikanischen Umtriebe&147; schuldig oder auch nur verdächtig gemacht hat (oder zwischen Soldat und Terrorist einzustufen ist), der hat nicht Anteil an der bekenntnisverbürgten Gemeinschaft (und es müssen ihm auch die daran gekoppelten Rechte nicht gewährt werden). Die Bedeutung des Bekenntnisses erklärt jene (durchaus beeindruckenden) Rituale, die in Bedrohungssituationen zelebriert werden: die patriotischen Veranstaltungen nach 9/11; die kollektive feierliche Beschwörung des Gemeinschaftsversprechens. In Europa, in den &132;bekenntnislosen&147;10 Ländern, würde dies bloß ein Schulterzucken auslösen, weil es &150; im wahrsten Sinne &150; eine sinnhaft wesentlich abgemagerte Veranstaltung wäre.

2. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten


Der Gründungsmythos lebt. Es wäre falsch, Amerika als modernes, rationales, technokratisches Land zu sehen, das seine (ohnehin kurze) Vergangenheit radikal hinter sich lässt. Es ist in gewisser Hinsicht sehr traditionell und emotionell. Die großen politischen Gestalten der Vergangenheit werden viel öfter zitiert als in Europa. Jede Inaugurationsrede und State of the Union-Address des Präsidenten spricht &150; pathetisch und bewegend &150; Aspekte des Gründungsmythos an, und der Amtsinhaber ist verpflichtet, dies zu tun, wenn er Resonanz finden will. Oft ist es mehr Rhetorik als Substanz: &132;Die politische Atmosphäre der USA ist von Ideen durchsetzt, die ausgebrannt sind wie erkaltete Sterne, die jedoch in der Diskussion über bestimmte Politik immer noch im Mittelpunkt stehen.&147; (Pfaff 1989, 18) Aber der Mythos trägt auch den amerikanischen Traum, und damit kommen wir zur wirtschaftlichen Seite des Exzeptionalismus.

Der American Dream ist &150; in seiner jeweils aktuellen Fassung &150; ein Gebilde von ungebrochener Kraft, trotz aller sozialen Verwerfungen im Lande selbst, und er wirkt bis nach Europa und vielleicht sogar hier besonders. Amerika ist und bleibt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten &150; eine Vision, die durch Heldengeschichten immer wieder aufpoliert wird. Es ist heutzutage nicht mehr der Mythos vom Aufstieg des Tellerwäschers, der Generationen von Einwanderern ins Land gezogen hat, nicht einmal unbedingt jener des Werkzeugmachers, der ein Großunternehmen geschaffen hat; eher der autonome Technikbastler mit seinen High-Tech-Ideen. Wer immer eine Garage besitzt, ist auf dem besten Weg, einen Weltkonzern auf die Beine zu stellen. Und wenn man das nicht will, kann man immer noch an der Börse spekulieren. Zu all dem braucht man den Staat nicht.

* Erstens: Es handelt sich um ein universelles Freiheits-, aber auch um ein Bereicherungsversprechen. Im Grunde kann man tun, was man will. Im Grunde kann man so viel Geld verdienen, wie man verdienen kann, ohne dass man ein europäisch schlechtes Gewissen haben müsste. Im Kontrast zu diesen Optionen werden die europäischen Staaten für konfus, wehleidig, unfrei, langsam, schwächlich, hemmend gehalten.
* Zweitens: Der Amerikaner unterliegt einer Optimismusverpflichtung. Er ist immer unterwegs zu neuen Chancen, und er hat zu diesem Behufe gut drauf zu sein. Die allgegenwärtige Frage: &132;How are you today?&147; ist in korrekter Weise positiv zu beantworten: Man ist &132;fine&147;, und es ist überhaupt &132;a great day&147;. Auch sonst hat alles großartig zu sein, wenn man keinen faux pas begehen will. Das ist alles ein wenig oberflächlich, ritualisierte Konversation, in optimistische Stimmungslage getunkt wie die Frühstückschips in Zuckerwasser.11
* Drittens: Das Resignationsverbot schließt die Wiederholungsmöglichkeit, die zweite Chance, ein. Selbst wenn einmal etwas schief gegangen ist, dann wird es vielleicht das nächste Mal klappen. Der Kern der Botschaft, die auch der amerikanische Roman und der amerikanische Film (Rutschky 2000) dem Leser übermitteln, ist: Alles ist möglich. Du kannst ein anderer werden. Du kannst dich verwandeln. Du kannst ein neues Leben beginnen. Fang sofort damit an &150; und sofort meint wirklich: sofort.

3. Der europäische Exzeptionalismus


Was sind die Bilder, wenn wir an die Geschichte Amerikas denken? Der Wilde Westen, die Kriege gegen die Indianer, die Eroberung des Kontinents durch die Eisenbahn, New York, Auswanderer, Kapitol, Ford und sein Auto... Was sind die Bilder, wenn wir an die Geschichte Europas denken? Schlösser, Schlachten, Fürsten, Vatikan, Michelangelo und Mozart.... Ein bisschen mehr Wildheit und Heroik in den USA, ein bisschen mehr Kultur und Aristokratie in Europa. Die europäischen Mythen ranken sich weniger um die großen technologischen Durchbrüche der Zukunft, sondern um die kulturellen Leistungen der Vergangenheit. Daraus bezeiht auch der europäische Antiamerikanismus seinen Stoff: Die Europäer sind eben kultiviert, und die Amerikaner nicht.

Auch das Bild, das Amerikaner von Europa haben, ist ambivalent: Die Kultur ist bewundernswert, wenn auch alles ein bisschen veraltet anmutet. Ansonsten kann sich die freundlich-nostalgische Haltung zuweilen auch zu einem Anti-Europäismus steigern. Kurz vor der Landung in Sizilien im Juli 1943 erließ der amerikanische General Patton einen Tagesbefehl, um den Kampfgeist der ihm unterstehenden Truppen zu heben. Darin hieß es:

&132;Viele unter euch haben deutsches und italienisches Blut in den Adern; denket jedoch daran, dass diese eure Vorfahren so sehr die Freiheit liebten, dass sie Heim und Heimat aufgaben, um jenseits des Weltmeers Freiheit zu suchen. Die Vorfahren der Menschen, die uns zu töten obliegt, ermangelten des Muts, um ein solches Opfer zu bringen, und blieben daher Knechte.&147; (Zitiert nach Gorer 2000, 7)

Wir wollen es dahingestellt lassen, ob es allein die Freiheitsliebe war, welche die europäischen Emigranten über den Atlantik getrieben hat; es könnte sich vielfach auch um den vergleich der materiellen Not hier und des höheren Lebensstandards dort gehandelt haben, wie das bei manchen Immigranten heute noch der Fall sein soll; und nicht alle Äußerungen am Vorabend einer Schlacht sollte man mit großer Skrupulosität betrachten. Es ist jedoch deutlich, welches Selbstbild Amerikas in diesen Äußerungen zutage tritt: Amerika ist das Land der Freiheit, Europa das Land der Knechtschaft.

Das mag übertrieben sein: Jedenfalls finden wir in Europa eine andere Stimmungslage als in Amerika, mit Vorzügen und Nachteilen. Es waren bestimmte Bilder Europas, vor denen die Amerikapilger flüchteten, und jene Personen, die dageblieben sind, erhielten ihre besondere &132;europäische Mentalität&147; über die Jahrhunderte ausgeprägt.

* Erstens: Es war eine feudalistische Welt. Persönliche Abhängigkeiten, bis zur Bindung an die Scholle; Gebrochenheit der ländlichen Arbeiter; Wehrlosigkeit gegen die Oberen: die Fürsten, die Adeligen, die Spitzel, die Geistlichen, die Kapitalisten, die Beamten; sexuelle Übergriffe der Chefs.
* Zweitens: Es war eine obrigkeitliche Welt. Die Welt der Überheblichkeit einer herrschenden Klasse, bei der Herkunft statt Leistung zählt; Willkür anstelle von Berechenbarkeit; aristokratische Übergriffe, Furcht vor dem herrscherlichen Willen; wenn Aufklärung herrschte, dann war es ein aufgeklärter Autoritarismus; Zwangsbeglückung.
* Drittens: Es war eine klerikale Welt. Die Höllendrohungen stützten meist die weltliche Obrigkeit des Staates oder ergänzten sie durch eine zweite, geistliche Obrigkeit. Die Reformation stärkte die Position des Staates noch, die Gegenreformation war die Plattform für die staatliche Schnüffelei in alle Facetten des Privatlebens hinein: Staatskultur.

Für unser Problem &150; Individuum und Staat &150; gilt für die meisten europäischen Länder, dass es die ganze Neuzeit hindurch um das Ringen um den Ausgang aus der Unmündigkeit ging. Kleine Regungen 1848, niedergeschlagen. Illiberale Grundgefühle der Menschen auch noch beim Eintritt in das 20. Jahrhundert, autoritäre Systeme, dann das totalitäre System; und dann &150; glücklicherweise &150; eine wohlhabende wohlfahrtsstaatlich-paternalistische Ordnung, die freilich alles Mögliche gewährleistete &150; nur recht wenig Liberalismus. Die sozialdemokratische Weltanschauung knüpft nahtlos an den aufgeklärten Absolutismus an. Ausgeprägte liberale Gefühle haben nie Fahrt gewonnen, auch wenn jedes liberale Denken aus Europa stammt &150; es musste sich nur anderswo so recht entfalten.

Aber natürlich ist es ein markantes Kennzeichen Europas, dass es so unterschiedlich ist: europäische Diversität. Europa zeichnet sich durch Vielfalt und unterschiedliche kulturelle Prägungen aus, eine wirkliche europäische kulturelle Identität &150; im Sinne eines lebendigen Gemeinschaftsbewusstseins &150; gibt es wohl nicht. (Auch für Amerika gilt wohl, dass es unvorsichtig ist, alles in einen Topg zu werfen; zumindest die drei Amerikas wären zu unterscheiden: die Ostkünste, Midwest und die Westküste; und die ethnisch geprägten Milieus kommen hinzu). Das Trennende ist aber in Europa jedenfalls mindestens so stark wie die verbindende europäische Vorstellungswelt. England, das Geburtsland der modernen liberalen Demokratie, war immer ein bisschen anders, und es steht auch heute den Vereinigten Staaten am nächsten. Frankreich ist stärker als andere Länder von aufklärerisch-cartesianischem Geist durchdrungen; deshalb auch immer die Neigung zur Planung von Städten, Wirtschaftsprozessen, ganzen Welten. Russland ist vom tiefsten Feudalismus in den Kommunismus und weiter in den Mafia-Kapitalismus geschlittert, also kaum ein Lufthauch befreiten Denkens. Der italienische Staat, schon immer etwas anarchisch, bedürftig nach einer heroischen richterlichen Lästigkeit, die manche Staatschefs so wenig schätzen.

Und doch stehen dieser Zerklüftung Europas zwei vereinheitlichende Prinzipien gegenüber, der europäische Universalismus und die europäische Einheit.

Europäischer Universalismus. In geistiger (kultureller) Hinsicht gilt: Europa allein hat es zustande gebracht, das Universale zu denken; das Menschliche schlechthin ins Auge zu fassen; die Menschenrechte zu entwickeln; daraus abgeleitet: auch eine universale Ethik zu fordern (und selbst oft genug gegen diese Forderung zu verstoßen). Europa hat (seit Goethes Zeiten) die &132;Weltliteratur&147; bewundert, jenseits modischer Multikulturalismen. Wenn es so etwas wie &132;europäische Werte&147; gibt, so sind sie in der geistigen Kraft zu finden, eine &132;Menschheit&147; zu denken; das hat es in anderen Kulturen nicht in dieser Weise gegeben.

Europäische Einheit. Europa hat über die Jahrhunderte seiner Formwandlungen hindurch immer die Einheit Europas mitgedacht, indem es die Erinnerung an das Römische Reich bewahrt hat; die translatio imperii, das sacrum imperium, die Folie für das europäische Kaisertum &150; manifestiert nicht zuletzt in der lateinischen Sprache. Dabei hat immer der europäische Anspruch auf &132;Weltherrschaft&147; mitgeschwungen. Es war eher die abgegrenzte Nationalstaatlichkeit, ein Kind des 19. Jahrhunderts, das Produkt einer Ausnahmeperiode, die wir als Normalität von Staatlichkeit zu betrachten uns angewöhnt haben; und nun trachtet Europa zu seiner politischen Einheit zurück zu finden.

Als Stärke Europas mag man auch seinen Versuch werten, wirtschaftsordnungspolitisch nach &132;mittleren Lösungen&147; zu suchen: der europäische Mittelweg. Europa hat die beiden Komponenten seiner Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in jeweils reiner Form exportiert und an der Peripherie ausprobieren lassen, in seinen beiden Abkömmlingen: das planerisch-gestalterische Element in der Sowjetunion, das ungebärdig-dynamische Element in den USA. Das erstere Modell ist schiefgegangen, das letztere hat Europa für sich selbst modifiziert, gebändigt, domestiziert; als Mittelweg in den vagen Konturen einer &132;sozialen Marktwirtschaft&147;. Europa ist das Territorium, das Geborgenheit in seiner Geschichte findet; in dem ein weiser Staat ein Gemeinwesen zum Wohle seiner Bürgerinnen und Bürger gestaltet. Solange es gut geht, lässt sich der Europäer auch gängeln. Ganz anderen Geistes ist Amerika, das die Befreiung des Einzelnen verkörpert, die Aufkrempelung aller Ärmel, ein Anti-Gängelungsprogramm schlechthin.

4. Fallstudie Österreich: Die Obrigkeitsgesellschaft


Reformation &150; Gegenreformation: Diese Erfahrung hat in Österreich eine besonders antikapitalistische Grundstimmung gefördert, eine Stimmung des Misstrauens gegen Großkaufleute, Bankiers und Fabrikanten; im Unterschied zur geschätzten Welt des Bauerntums, des Handwerks und des Kleingewerbes. Grundsätzlich war damit auch eine unterentwickelte Leistungsgesinnung verbunden: geringe Selbstdisziplin, Zeitvergeudung, eine ausgeprägte Festkultur mit vielen freien Tagen, Toleranz für Verschwendung und Ausschweifung, gering ausgebildetes Ordnungsbewusstsein (vgl. Kuzmics/ Axtmann 2000)..

Ein wenig vom &132;Geist des Kapitalismus&147; verbreitete sich erst durch eine Art &132;Erziehungsdiktatur&147;, welche die ständische Ordnung schwächte und die Wirtschaftsgesellschaft freisetzte; welche ein Zeitbewusstsein schuf und eine Sozialdisziplinierung durchsetzte; welche im ländlichen Raum die Bedarfsdeckungswirtschaft durch Gewinnorientierung ersetzte. Aus dieser Konstellation entsteht die typische Mischung aus Protektionismus und Laissez-faire; der eudämonistische Wohlfahrtsstaat; der paternalistische Obsorgestaat. Joseph II. ist ein typischer Fall: kluge Regierungskunst, menschenfreundliche, modernisierende Reformen, aufgeklärtes Denken; und dies alles wurde despotisch und eigensinnig von oben durchgesetzt, mit übertriebener Überwachungs- und Regelungswut.

Mit diesen geschichtlichen Prägungen ausgestattet, kann Österreich kein besonders &132;liberales&147; Land sein: Ein &132;befreiender&147;, &132;bewusster&147; Liberalismus konnte sich im 19. Jahrhundert und bis heute nicht entfalten. Kennzeichen sind vielmehr die folgenden.

* Erstens: Grundlegend ist der leistungsfähige Staat allzuständig: in dubio pro re publica. Hier wurde durchwegs die Gesellschaft insgesamt als eine solche des öffentlichen Rechts betrachtet, im Gegensatz zu einer liberalen &132;Privatrechtsgesellschaft&147;, die nach Möglichkeit Konflikte durch privatrechtliche Mittel zu befrieden trachtet.
* Zweitens: Politik ist ein besonderes Spiel, ein Spiel, das nicht jenes der Bürger ist. Untertanen sind Politikzuseher. Gütige politische Mächte, weit oben anzusiedeln, deren Ratschluss am Ende unerforschlich bleibt. Man erfährt beizeiten, was &132;die da oben&147; beschlossen haben; man raunzt; und man gehorcht.
* Drittens: Statt eines aktiven Liberalismus gedeiht in diesem Klima eher ein passiver Indifferentismus, statt Engagement die Wurschtigkeit. Dazu kommen eine sozialstaatliche Rundumabsicherungsmentalität, die keine zaghaften Schritte zu einer zukunftswirksamen Redimensionierung des Wohlfahrtsstaates zulassen will, und ein persönlicher Opportunismus, der sich aus einer verkorksten Situation herausholt, was herauszuholen ist.

II. Die Gegensätze der zwei Kulturen


In der Folge betrachten wir eine Reihe von Gegenüberstellungen, mit stärkerer Betonung des Fremden, des Amerikanischen.12 Denn es handelt sich in der Tat um zwei unterschiedliche Welten. William Pfaff betont dies: &132;Europäisches Denken und amerikanisches Denken sind zweierlei. Europäische Annahmen, Vorstellungen und Ambitionen unterscheiden sich von amerikanischen. Europäische Glaubensansichten über die Erziehung und Verantwortung von Eliten, über Klassen, Rassen und deren Beziehungen, über die Mängel der Demokratie wie auch über ihre Vorzüge, über Alternativen zur Demokratie (für Amerikaner unvorstellbar), das Wesen des Heldentums, des Siegens, des Erduldens, des Stolzes, der Kaste, der Unverletzlichkeit: sie alle sind im Grunde völlig unamerikanisch.&147; (Pfaff 1989, 41)
1. Der Staat und die anarchistischen Neigungen


Amerika ist staatsfeindlich, Europa ist etatistisch. Die Auswanderer und Flüchtlinge haben einen negativen Affekt gegen Regierung, Staat und Autorität geprägt. Autoaufkleber verkünden: &132;Don&145;t steal! The government hates competition.&147;13

Die Antistaatlichkeit der Amerikaner führt dazu, dass es in den Vereinigten Staaten keinen eigentlichen Staatsbegriff gibt. Die üblichen Übersetzungsprobleme sind aufschlussreich: Kein Amerikaner würde so wie die Europäer vom Staat oder seinen Staatsausgaben reden; nur von government expenditures. Aber &132;government&147; ist ganz etwas anderes: das sind einige Leute, die man eine Zeitlang mit dem Job versehen hat, ein paar gemeinsame Angelegenheiten zu erledigen &150; those guys in Washington, denen man ohnehin &150; mit gebotenem Misstrauen &150; immer auf die Finger sehen muss. &132;Die typische amerikanische Einstellung zur Autorität ist im großen und ganzen noch immer die gleiche wie die, die die Urheber der amerikanischen Verfassung beseelte: Autorität ist von Natur böse und gefährlich; der Fortbestand und das Gedeihen des Staates machten es unumgänglich, dass einer gewissen Anzahl von Individuen Autorität übertragen wird; aber diese Autorität muß so genau umschrieben und begrenzt werden, wie es sich durch scharfsinnigste rechtliche Formulierung nur erdenken lässt; und die Inhaber dieser Positionen müssen unter ständiger Beobachtung gehalten, als mögliche Feinde betrachtet und entsprechend überwacht werden.&147; (Gorer 2000, 13)

Der europäische &132;Staat&147; ist etwas ganz anderes; er unterscheidet sich von der Regierung, die man mögen kann oder nicht &150; den Staat zu mögen ist man als Staatsbürger verpflichtet. Beim Staat schwebt immer Hegel im Hintergrund: der Staat als Verkörperung von Sittlichkeit und Vernunft, als ein Überwesen, ein Übermensch; eine höhere Entität; die eigentliche Verkörperung des Volkes. Minister mögen Dummköpfe sein, der Staat ist Weisheit. Das ist den Amerikanern völlig fremd &150; da ist nichts neben den Dummköpfen.

Amerikaner haben Werte &150; oder bestenfalls: wertverkörpernde Institutionen &150; anstelle des Staates. Der amerikanische Staat ist eine horizontale Angelegenheit, eine Sache zwischen den Menschen und ihren freiwilligen Assoziierungen. Der europäische Staat ist eine vertikale Angelegenheit, eine Hierarchie im Rahmen einer abstrakten Entität. Beim europäischen Modell schwebt immer die Idee eines Gemeinwillens im Raum, nicht unbedingt in einer radikalen rousseauistischen Variante, aber als Ausdruck des als Einheit gedachten Willens. Im amerikanischen Modell gibt es diese Einheit nicht, nur jenen Kompromiss, der aus den Verhandlungen von Individuen und Gruppen resultiert. Europa denkt einen Gesellschaftsvertrag, Amerika einen Gesellschaftsvertrag. Europa hält etwas von &132;sozialer Verantwortung&147;, Amerika baut auf individuelle Barmherzigkeit (im Sinne eines &132;compassionate conservatism&147. Europa glaubt, dass &132;öffentliche Institutionen&147; eine andere Aufgabe haben als Privatunternehmen, Amerika tendiert dazu, sie alle gleich zu behandeln.

Die religiösen Gruppierungen, aus denen der amerikanische Staat erwuchs, haben sich selbst als ausreichende Ordnungsstruktur gesehen, und im Grunde hatten sie nicht das Gefühl, einen Staat überhaupt zu brauchen. Denn die puritanischen Gruppierungen kamen (im 17. Jahrhundert) aus einer Situation heraus, in welcher der Staat soeben den Machtkampf zwischen Kirche und Staat gewonnen hatte &150; sie kamen aus der Westfälischen Situation. Sie kamen aus einer Konstellation, in welcher die Trennung von Kirche und Staat den Sinn hatte, den europäischen Staat gleichsam gegen die Religion zu schützen: einen (säkularen) Freiraum für den Staat zu erkämpfen, indem die Religion an die Peripherie verbannt wurde. In den USA war dies grundlegend anders; da zielte die Trennung von Staat und Kirche darauf, die Kirche gegen den Staat zu schützen; und damit auch jene gesellschaftlichen Aufgaben und Aktivitäten, die von den selbstbewussten religiösen Gemeinschaften geordnet wurden, vom Staatseinfluss freizuhalten. In Europa hieß Trennung: Minimierung des Kircheneinflusses. In Amerika hieß Trennung: Minimierung des Staatseinflusses.

Da die Amerikaner gegen jede Obrigkeit sind, neigen sie eher zum Anarchismus. Europäische Staaten tendieren bekanntlich zu einem Staatsanteil, der zur Hälfte des Sozialprodukts tendiert, die USA sind bei einem Drittel (vgl. aber Felderer et. al. 2002, Rauner 2002). Selbst &132;liberale&147;, das heißt in der amerikanischen Terminologie: sozialdemokratische Programme stehen für europäische Begriffe ziemlich weit rechts. Es hat in den USA interessanterweise unter allen grassierenden Ideologien (unter denen es ja auch stupide Populismen gegeben hat) nie einen etatistischen Extremismus gegeben, anders als in Europa, wohl aber anarchistische Extremismen. Die Anarchisten treten in unterschiedlicher Verkleidung auf.

* Die wilde Version besteht darin, dass sich immer wieder einmal einige Figuren auf einer abgelegenen Farm zusammenrotten, ihren eigenen Staat ausrufen und dann vom FBI beschossen werden.
* Die abstrakte Version findet sich im Bereich der Wirtschaftstheorie &150; die libertäre Strömung konnte sich nur in den USA entwickeln: Für die jungen wilden Theoretiker, die sich fälschlich in der Nachfolge Friedrich von Hayeks sehen, ist der Staat nichts anderes als eine &132;Gang&147;, vergleichbar der Mafia. Besteuerung ist Diebstahl, die Zentralbank eine Fälschungsinstitution, Wehrpflicht ist Kidnapping (vgl. Block 2003).14 Der Libertarianismus, eine Art von Vulgärliberalismus, kennt nichts anderes als den Markt und hält ihn für das Ganze der Gesellschaft. Diese Lehre konnte nur in den USA zu einer gewichtigen Strömung werden.
* Die antistaatlichen oder anarchistischen Neigungen der amerikanischen Bürger politisch zu bedienen, ist selbst dann sinnvoll, wenn die praktische Politik ganz anders aussieht. Das hat schon Ronald Reagan gewusst, der handfeste keynesianische Wirtschaftspolitik betrieben hat; das weiß auch George Bush, der die USA in eine ungeahnte Staatsverschuldung hineintreibt. Auch die globale Freihandelslehre hat in der praktischen Politik engere Grenzen als in der Rhetorik: Sie spielt vor allem für die amerikanischen Exporte eine große Rolle, wogegen landwirtschaftliche Importe nach wie vor behindert werden (und einheimische Produkte in einem Maße staatlich subventioniert werden, dass die mühsame Produktion der Dritte-Welt-Länder vernichtet wird).15 Amerika ist in seiner öffentlichen Rhetorik immer noch ein Stück liberaler als in seiner Wirklichkeit.

Tendenzen also zum anarchischen eher als zum etatistischen Pol: Man will bis heute keinen fürsorglich starken Staat, sondern die Sache lieber selbst in die Hand nehmen.16
2. Die moralisierende Nation



Europa neigt dazu, den Einzelnen zu entlasten und zuweilen in übertriebener Weise gesellschaftliche Verantwortung einzumahnen: Der Verbrecher wird rasch zum Opfer der Umstände, zum passiven Ventil gesellschaftlicher Missstände. In den USA ist die Wahrnehmung anders: Soziale Probleme sind in erster Linie Sache der individuellen Moral. Kriminalität ist eine Sache des Charakters (und deshalb ist keine weitergehende Ursachenanalyse für kriminelles Verhalten vonnöten, nicht einmal unter amerikanischen Umständen.) Schlechte Wirtschaftslage? Ursache Immoralität &150; man hat wohl zu wenig hart zugepackt. Drogen? Die Ursache ist wohl im schwachen Charakter der Konsumenten zu suchen. Arbeitslosigkeit? Offenbar handelt es sich um faule Personen, denn irgendeinen Job findet man immer.17

Auf individueller wie auf kollektiver Ebene gilt die Unterscheidung von Gut und Böse; sie wird in amerikanischen Kinofilmen immer und immer wieder dargestellt. Das Gute ist religiös begründet, darauf baut das Land auf. Die Existenz des Guten bedingt die Existenz des Bösen. Das Böse ist zu bekämpfen, allenfalls zu vernichten, eine Wahrnehmung, wie sie einem sektiererischen Denken geziemt: Wenn es um die Existenz des Guten schlechthin geht, müssen auch andere Werte zurücktreten, etwa die Menschenrechte von Gefangenen.

Übrigens stammt die Metapher vom &132;Reich des Bösen&147; aus der Apokalypse des Johannes; hier, am Ende der Bibel, ist die Rede von der Entscheidungsschlacht zwischen Gott und Satan, in der Endzeit, in der Zeit von Armageddon; Ronald Reagan hat sogar den Begriff Armageddon in den Mund genommen). Die heilsgeschichtliche Interpretation ist so stark, dass wir in den politischen Reden auch keinen zeit- und sozialgeschichtlichen Kontext des Terrorismus finden, sondern ausschließlich die Beschreibung der Terroristen als Bestien; man könnte auch sagen: in Spiegelung der fundamentalistischen Haltungen der Gegenseite.

Damit soll nicht behauptet werden, dass die Amerikaner nicht sehr realistisch und nüchtern in ihrer Politik sein können &150; auch im Sinne der Schule des &132;außenpolitischen Realismus&147;. Aber offenbare Rücksichtslosigkeit wäre eher Sache Europas, etwa des alten britischen Reiches, das in seiner Kolonialzeit an Kaltschnäuzigkeit verschiedentlich nichts zu wünschen übrig ließ. Bei den Amerikanern wird aber selbst die Rücksichtslosigkeit moralisch sorgsam verpackt: &132;In einer puritanischen Demokratie wird die Rücksichtslosigkeit gewöhnlich in Sentimentalität und Phrasenhaftigkeit gehüllt&147;, vermerkt William Pfaff (1989, 62). Zwei Einschränkungen sind aber angebracht.

Erstens, die Moralisierung geht mit Heuchelei einher, wie immer in solchen Fällen. Bill Clinton brachte es nicht zu einem normalen Seitensprung (da sind die jederzeit abrufbaren Schuldgefühle typisch und hemmend), er brachte es nur zu einer missbräuchlichen Verwendung von Zigarren. Aber er hat in der Folge getan, was nach amerikanischem Muster zu tun war: Er hat bereut; eingestanden, ein Sünder zu sein; zu Gott gebetet, ihm zur Besserung zu verhelfen. Das ist es, was Amerikaner erwarten: Reue, Besserung, die Herstellung von Konformität; dann dürfen auch alle verlorenen Söhne heimkehren. Europäische Politiker hätten mit einem Seitensprung weniger Probleme gehabt; die Sache wäre im Normalfall (und im Einverständnis mit den Journalisten) ohnehin nicht publik geworden; wenn es jedoch zu einer Skandalisierung gekommen wäre, hätte es keinen Weg zurück gegeben: Öffentliches Bereuen würde als sinnlos und kitschig empfunden..

Zweitens, der hohe Grad an Moralisierung geht einher mit einer Auffassung von der Motivationslage von Politikern, die in Europa oft auf Erstaunen stößt. Politiker sind &150; auf Grund des Misstrauens der Amerikaner gegen überhöhte Staatlichkeits- und Politikvorstellungen &150; geradezu verdächtig, wenn sie sich um das Gemeinwohl bemühen sollten. &132;Politiker&147;, so vermerkt Geoffrey Gorer, &132;sind nicht verdächtig, wenn man von ihnen annimmt, dass sie nur zur Erlangung persönlicher Vorteile in die Politik gegangen sind, sei es, um Geld zu verdienen, sei es, um ihre Stellung zu verbessern. Dies wird als normal und begreiflich angesehen, als ein Erwerbszweig an der Peripherie des Gesetzlichen [...] Ein Mensch, der die politische Laufbahn aus andern Gründen einschlägt als um des unmittelbaren persönlichen Vorteils willen, ist tief verdächtig; insgeheim ist er womöglich autoritätslüstern, und höchste Wachsamkeit ist ihm gegenüber geboten, damit er seiner sündigen Gier nicht frönen kann.&147; (Gorer 2000, 15). Bei dieser Bewertung wird die europäische Einschätzung beinahe auf den Kopf gestellt: Dass Menschen Macht anstreben, wird viel eher akzeptiert, als dass sie in der Politik Geld verdienen wollen. Dazu kommt die Neigung der Amerikaner, jene Aspekte der Wirklichkeit, die in einem besonders starken Widerspruch zum moralischen Selbstbild stehen, einfach zu übersehen.

Der Anspruch auf die Idealisierung und Vervollkommnung des Einzelnen wird auf die Gesellschaft übertragen. Sie müsste sich in amerikanischer Sicht zum perfekten Kollektiv formen, eine Vorstellung, die für die europäischen Beobachter oft ins Kitschige gerät. Die Perfektibilität der Menschen und die Perfektibilität der Gesellschaft stellen eine Erbschaft der revolutionären Ursprungsideologie und des religiösen Sektarianismus dar. Auch hierbei ist es nicht notwendig, sich mit dem Staat als solchem zu beschäftigen: Das Kollektive erwächst einfach aus dem Individuellen.

Die Europäer hingegen finden wir am anderen Pol: Die Unterstellung, dass ihre Gesellschaft sich der Vollkommenheit nähere, würden sie bestenfalls ironisch kommentieren &150; und dies gar als ernstzunehmendes Ziel anzusehen, würden sie als Blasphemie ansehen (auch wenn sie sonst keinerlei Blasphemien mehr kennen). Die Europäer haben mehr als genug Gründe, warum ihre Gesellschaft &132;katastrophal&147; beschaffen ist, und sie produzieren mehr als genug Theorien, um ihren baldigen wirtschaftlichen Untergang vorauszusagen: die alten Stagnationstheorien (Sättigung durch Massenproduktion), die Finanzkrisentheorien (Staatsausgabenexplosion und Legitimationsdefizit), die Rationalisierungstheorien (Gesellschaft ohne Arbeit), die Unterkonsumtionstheorien (Nachfragedefizite), die Nullwachstumstheorien (mit der Folge politischer Stabilisierung), die Öko-Katastrophentheorien (umweltbedingte Zusammenbrüche), die Globalisierungstheorien und andere. Grundtenor: Es wird schon schief gehen. Die überwiegende Anzahl der Amerikaner kann das nicht verstehen: Sie meinen, das Wirtschaftssystem habe bislang eine großartige Stabilität und Anpassungsfähigkeit bewiesen, und es wird schon weiter gut gehen, Schritt um Schritt bis zur vollständigen Perfektion. Es handelt sich gleichsam um ein Spiegelbild des Marxismus: Während für diesen jede gesellschaftliche Veränderung das unabänderliche Signal dafür dargestellt hat, dass der Spätkapitalismus in die Phase seines Zusammenbruchs eintrete, wird in den USA jede Veränderung als Signal dafür gedeutet, dass die Perfektion nahe ist.

Nun ist natürlich Amerika keineswegs perfekt. Aber gerade aus der Anspruchshaltung heraus gibt es in den USA immer wieder eine bemerkenswert scharfe Kritik an den eigenen Einrichtungen &150; eine stete Suche nach Erklärungen dafür, warum die Vollkommenheit nicht zustande kommt. Da gesellschaftliche Gründe dem Denken fremd sind, neigt man dazu, jeweils Bösewichter ausfindig zu machen, selbst in der eigenen Regierung.

* Die Fernsehserien sind reichlich vertreten, in denen schwachsinnige, korrupte und perfide Senatoren auftreten; dubiose CIA-Chefs mit fragwürdigen Projekten, wie in den X-Files; umweltvernichtende, profitwütige Konzernchefs.. Bestseller-Autoren &150; wie John Grisham &150; sind aufschlussreich für eine Entschlüsselung der Haltung zum Staat. Präsidenten freilich sind im Allgemeinen auf der guten Seite, und sie sind häufig &132;Helden&147; &150; auch wenn sie nicht allzu stark sein dürfen. (Denn starke Präsidenten werden für gefährlich gehalten, schwache bringen die Gefahr des Anarchismus mit sich; also geht es um die richtige Dosierung oder auch Abwechslung starker und schwacher Typen (Laski 1940)).
* Die Moralisierung verhindert nicht Enron. Aber es liegt den Amerikanern, solche Probleme mit Ethik-Kodizes und anderen moralischen Propagandamaßnahmen beseitigen zu wollen. Unternehmensethik blüht immer besonders dann, wenn sich die Gauner ins Fäustchen lachen (Prisching 2003a). Die Moralisierung geht in den USA oft mit einer gewissen Naivität einher, da ist Europa anders: Hier weiß die herrschende Klasse, dass Ethikkodizes nichts helfen, schon gar nicht auf der Börse, aber sie werden mit Begeisterung aus den USA übernommen, weil sie einen Zeitaufschub verschaffen und die Politikzuseher ablenken.

Da die amerikanischen Narrative über die Defizite der Institutionen meistens mit dem Sieg der gerechten Sache enden, gibt es keinen Grund dafür, trotz aller Unzulänglichkeiten das Land nicht doch mit Inbrunst für das beste der Welt zu halten und mit ihm versöhnt zu sein. Sünden &150; auch wirtschaftliche Sünden &150; gibt es, aber man überwindet sie. In Europa gibt es keine Sünden, weil man immer Gründe findet, warum man nicht schuld ist, und deshalb braucht man auch keine Anstrengungen zu unternehmen, die Sünden überwinden. Das Augenzwinkern ist Sache der Europäer; die ironieresistenten Amerikaner können nicht Augenzwinkern.
3. Das missionarische Selbstbewusstsein


Das Bewusstsein der Vereinigten Staaten, das Richtige zu tun, verbindet sich mit Missionarismus und Selbstgerechtigkeit. Denn Amerika weiß, dass es recht hat. Wer kritisiert, der schließt sich tendenziell aus der community aus. Kritik ist Loyalitätsverweigerung, das stimmt für alle schlichten Geister. Für die Amerikaner besteht aber jedenfalls kein Zweifel, dass es das grundlegende Bestreben aller Menschen auf Erden sein müsse, Amerika ähnlich zu werden.

Wir leben im Empire. Europa wird ob seiner Kultur bewundert, im Grunde aber als sonderbares Gemenge verrückter und unzuverlässiger Völkerschaften betrachtet, die einander alle paar Jahrzehnte zu massakrieren trachten &150; eine Betrachtungsweise, die wohl nicht so falsch ist. Deshalb fühlen sich die Amerikaner als einzige globale Ordnungsmacht, die sich um Gerechtigkeit und Menschenwürde bemüht (Adams 1902; Gilpin 2000; Matzner 2000; Mearsheimer 2001; Tomuschat 2003; im Gegensatz Kupchan 2002). So betrachten sie es keineswegs als Hybris einer gehorsamheischenden imperialen Macht gegenüber ihren Vasallen, sich über transnationale Einrichtungen wie die UNO hinwegzusetzen und der Weltwirtschaft die Spielregeln vorgeben zu wollen (Huntington 1997; Bender 2000), von den oft destruktiven wirtschaftspolitischen Vorschriften für sich entwickelnde Länder bis hin zu den Bilanzierungsmodalitäten von Unternehmen. Aber es handelt sich &150; und dies ist in diesem Zusammenhang von Belang &150; eben nicht nur um Hybris oder Arroganz (Fulbright 1967); es liegt der tiefsitzende Glaube zugrunde, dass Amerika ohnehin für die beste aller denkbaren Welten sorgt.18 Und tatsächlich ist es &150; im historischen Vergleich &150; wahrscheinlich das beste Imperium der Weltgeschichte.

Die USA stellen aber zugleich ein vormodernes Imperium dar. Denn man kann die staatspolitische Entwicklung der letzten Jahrhunderte als eine Entwicklung sehen, die von der Macht zum Recht geführt hat. Nach den Religionskriegen wurde das Völkerrecht zu einer politischen Denkkategorie, trotz aller Rückfälle. Und die Errichtung der Europäischen Union ist eine staatsphilosophische Sensation: Erstmals (nicht als Ergebnis eines Krieges, sondern durch Freiwilligkeit) findet ein Souveränitätsverzicht von Staaten statt, die sich unter ein gemeinsames Recht (und unter entsprechende Institutionen) einordnen: ein Verrechtlichungsprozess im transnationalen Bereich. Das steht im Gegensatz zum Entrechtlichungsprozess, in dem sich die USA befinden: Sie streifen die Bindungen ab, zunächst jene des Völkerrechts, dann jene der UNO, schließlich jene der NATO; am Ende auch die Konventionen des internationalen Umgangs unter befreundeten Staaten. Es gilt die Macht, das Recht des Stärkeren, natürlich mit den besten Absichten; der rechtliche Disziplinierungsprozess mag für die Vasallen dienlich sein.

Wieder aber ist einzuschränken: Es steht für Amerika nicht nur das nüchterne Kalkül des Stärkeren im Hintergrund (also die Vision, die amerikanische Superiorität global auch noch für die zweite Jahrhunderthälfte zu sichern), sondern eben die Verbindung von Recht, Macht und Moral.19 Die europäische Vorstellung hat Recht und Moral seit der Aufklärung zunehmend getrennt: Der Verbrecher wird verurteilt, weil er Rechtsbrüche begangen hat, nicht weil er moralisch verwerflich ist; in den USA wird ihm sehr wohl mangelnde Moral vorgeworfen, denn er stellt sich außerhalb der Gemeinschaft, daraus lassen sich Rachegedanken und Todesstrafe erklären. Das lässt sich auf die internationale Ebene transponieren. Wenn Staaten in Konflikt geraten, dann wird dies im europäischen Verständnis als Interessenkonflikt gesehen, nicht als Konflikt von Gut und Böse. Die Amerikaner fühlen sich zur Terminologie des Religiösen hingezogen, bis zum &132;Kreuzzug&147;, zu dem man sich verpflichtet fühlt.

Das Verhalten irritiert Europa: Einmal paktieren die Amerikaner mit den übelsten Diktatoren, dann wieder stürzen sie sich mit emotionell-patriotischem Getöse in einen überhasteten Krieg. Amerika scheint unberechenbar, manchmal naiv, manchmal besonders hinterlistig und kaltschnäuzig. Der Umstand, dass schlechte Umfrageergebnisse über die Popularität des Präsidenten geeignet sind, Bombardierungen da und dort auszulösen, vermittelt den Europäern Unbehagen (Bergsten 1999). Ein Missionar im Cowboy-Gewand ist eine prekäre Mischung.20
4. Das Land ohne Grenzen


Mobilität entschärft Klassenkonflikte. Die USA haben immer hohe Mobilitätsraten aufgewiesen &150; schon am Beginn, gleichsam notwendig durch die Besiedelung des Landes; dann durch den steten Zuzug von Immigranten; schließlich durch die Eroberung des Westens.

* Geographische Mobilität war ein wichtiges Ventil: Wer unzufrieden war, konnte weiterziehen. Wer im Osten scheiterte, zog nach Westen. Wer noch kein fruchtbares Tal gefunden hat, der würde es ein Stück weiter finden können. Zugleich bedeutete diese geographische Mobilität, dass sich stabile lokale Gemeinschaften nicht bilden konnten, nur ad hoc-Hilfsgemeinschaften. Die Oberflächlichkeit der Beziehungen wiederum ließ Klassenbewusstsein nicht entstehen.
* Die geographische Mobilität war wesentliches Element der sozialen Mobilität: eine Nation ohne vererbliches Proletariat; keine dahinvegetierende ländliche Bevölkerung. Die Aufstiegschancen waren immer intakt, auch wenn sie nur für wenige nach ganz oben möglich waren; aber die dauernde Einwanderung sorgte für den Nachschub auf den unteren Etagen.

Der Wildwestfilm ist lehrreich: Er ist Bündelung von Sehnsüchten, Verkörperung historischer Erfahrungen und Prägungen. Er verkörpert Freiheit, Autonomie, Durchsetzungsfähigkeit, Mobilität. Die Eroberung des Westens ist eine Metapher für den modernen Kapitalismus überhaupt: Alles ist möglich. Jeder hat die Chance. Jeder kann auf die Goldader stoßen. Weiterziehen. Keine Grenzen. Nicht stecken bleiben.

Die europäische Mobilität war demgegenüber allerweil beschränkt. Ein kleines Stück weiter, dann stieß man auf Grenzen, musste als Fremder mit willkürlicher Behandlung rechnen.21 Nirgendwo gab es das Versprechen unbegrenzter Chancen. Der europäische Imperialismus des 19. Jahrhunderts zielte darauf, auf anderen Kontinenten jene Kolonisation zu ermöglichen, die den Amerikanern auf dem eigenen Kontinent geschenkt war. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges räsonnierten die Nationen über den Wettlauf um Raum und Ressourcen, in dem es sich zu behaupten gälte. Kein Platz, viele Menschen, Verdichtung, Hunger &150; das waren die Ängste. Die USA hatten von vornherein viel Platz, wenig Menschen, eine geringe Dichte, reiche Ressourcen. Auch da kommen Hierarchie und Obrigkeit wieder ins Spiel: Jeder Obrigkeit konnte man jederzeit davonlaufen, hinaus in den weiten Westen. Und Recht und Gesetz wurden in dieser Weite nicht so sehr durch staatliche Macht gesichert als durch Freiwilligkeit der Bürger: indem der Sheriff ein Aufgebot von Freiwilligen zusammenstellte, gleichsam eine &132;Koalition der Willigen&147;. Alte Bilder bleiben in den Köpfen gegenwärtig.

Mobilität birgt das Versprechen der Egalität. Die amerikanische Mobilität machte es leicht, den Anspruch der Egalität im Lande aufrechtzuerhalten. Die Vereinigten Staaten weisen ein starkes egalitäres Bewusstsein auf (&132;frontier democracy&147 &150; ein sonderbarer Kontrast zur vergleichsweise ausgeprägten tatsächlichen Ungleichheit. Aber die Anfangsgleichheit &150; die behauptete Chancengleichheit &150; geht mit der Akzeptanz einer hohen Ergebnisungleichheit einher. Gleichheit in Amerika heißt: Geh nach Westen, schau, was du zustande bringst! Gleichheit in Europa heißt: wegnehmen und umverteilen. Egalität ist in den USA eine individuelle Sache, in Europa eine Sache der staatlichen Sicherung.

Das egalitäre Bewusstsein in Amerika wird durch eine intensive Propaganda verstärkt. Ihr zufolge gehören alle Amerikaner der middle class an. Während die herrschenden Klassen in Europa offen ihre Verachtung über die arbeitende Klasse kundtaten, herrschte in den USA seit jeher Zurückhaltung &150; wobei jeweils die Schwarzen ausgenommen waren. Natürlich gibt es die noblen, alteingesessenen Familien in Boston und die Honoratioren in den Kleinstädten des mittleren Westens; aber diese Schichten waren nie so geschlossen wie in Europa. Die egalitären Elemente des amerikanischen Bewusstseins sind sogar als Surrogatsozialismus oder als sozialistisches Substitut (Moore 1970) bezeichnet worden. (1848 wurden die flüchtigen Genossen von Marx in den Vereinigten Staaten problemlos integriert; sie hatten keine revolutionären Absichten mehr, und einige engagierten sich sogar in der Politik).22 Es gibt einige Gründe, warum sich in den USA niemals eine sozialdemokratische Bewegung mit ihrem Etatismus entwickeln konnte; ein grund ist auch die frühe Demokratisierung. Denn es gab schon Wahlen, bevor sich die Parteien organisieren konnten; in Europa war das vorenthaltene Wahlrecht einer der Brennpunkte, um den herum sich die Anhängerschaft linker Parteien formiert hat. In Amerika war man somit (erstens) von Anfang an im Rahmen einer demokratischen Ordnung an der Politik beteiligt, hatte (zweitens) bald auch Geld und einen befriedigenden Lebensstandard und konnte (drittens) lokalen Unzukömmlichkeiten allemal in die Ferne (des Westens) ausweichen &150; man hatte den &132;Amerikanismus&147;, und da brauchte man keinen Sozialismus.

5. Meritokratischer Individualismus


Meritokratischer Individualismus heißt: Für jeden gibt es einen Platz, wenn er bereit ist, hart zu arbeiten. Jeder ist seines Glückes Schmied; es braucht starke Hände und den Willen zur Selbstaufopferung. Wer seinen Platz verliert, ist selbst schuld. Wer gewinnt, der gewinnt mit Recht.23 Unter &132;sozialer Gerechtigkeit&147; kann man sich in den USA nicht viel vorstellen. Die Amerikaner sind Einzelkämpfer. Zur Verfestigung dieser Auffassung trägt die Erziehung wesentlich bei: &132;Bei den meisten Amerikanern haben sich bis zur Reifezeit zwei Gedanken unentwirrbar verquickt; erfolgreich sein heißt geliebt werden; geliebt werden heißt erfolgreich sein.&147; (Gorer 2000, 69) Erfolg, Liebe, Gnade &150; es fließt alles zusammen. Wenn das Leben härter wird, führt dies nicht zum Protest, da die Menschen davon überzeugt sind, dass sie in erster Linie die Schuld bei sich selbst zu suchen haben. &132;Die Vorliebe für das &130;freie Unternehmertum&146; (private enterprise) ist keine auf Verstandesgründen beruhende Überzeugung von der Überlegenheit einer Produktions- oder Güterverteilungs-Methode über die andere; sie ist nicht unbedingt ein Wandschirm, hinter dem persönliche Interessen und Profitaussichten verteidigt werden; sie ist eine tief ehrliche, quasi religiöse, moralische Einstellung, die Verstandesgründen ebensowenig zugänglich ist wie der Widerwille der Hindus gegen die Tötung von Rindern.&147; (Gorer 2000, 17)

Amerika hat nicht nur eine ordentliche Beschäftigungsentwicklung, es hatte in den neunziger Jahren ein &132;Beschäftigungswunder&147; zu verzeichnen. Das heißt: wer arbeiten will, kann arbeiten. Das heißt auch: Jeder muss arbeiten. (Die Beschäftigungsrate ist um 10 Prozent höher als in Europa). Und es heißt: Jeder muss ziemlich viel arbeiten. (Die Jahresarbeitszeit liegt deutlich über der europäischen). Löhne und Gehälter sind in den letzten 25 Jahren hinter den Gewinneinkommen und den obersten Einkommensetagen zurückgeblieben. (Die Einkommensverteilung ist deutlich ungleicher als in Europa). Die Risiken sind in den USA höher. (Als Indikator der Risiken mag man nehmen: Armut, Zahl der Menschen ohne Gesundheitsversicherung, Zahl der Menschen in Gefängnissen, Kriminalität, Todesstrafen, Sicherheitsaufwendungen, öffentliche Infrastruktur; Energie- und Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und dergleichen).

Ein Fernsehbericht über Beschäftigung in Amerika, vor einigen Jahren erstaunlicherweise im österreichischen Fernsehen: Ein Feuerwehrmann aus Boston berichtet, er habe drei Jobs. Neben seinem Hauptberuf als Feuerwehrmann fahre er in der Nachbargemeinde einen Schulbus, und bei Nacht arbeite er auch noch als Wächter bei einem Unternehmen. Das sei sicherlich anstrengend, meint er, aber: &132;I am a lucky man.&147; So viele seien arbeitslos, und er habe gleich drei Jobs. Seine Frau beteuert, sie sehe ihn selten, aber sie wisse, dass er das tun müsse, um das Haus halten zu können. &132;I am a lucky man&147; &150; das hätte in diesem Fall vermutlich ein Österreicher oder ein Deutscher nicht gesagt. Er hätte sich eher beschwert, dass er sich abrackern müsse bis zum Umfallen, und immer noch lohne sich die ganze Sache nicht.

Es sind jene Anekdoten, die Amerika (aus der Sicht einer wachstums- und effizienzorientierten Denkweise) beinahe als nach wie vor gelobtes Land erscheinen lassen. Aber die vergleichenden Wirtschaftsindikatoren (Europa mit seinem guten Wachstum, seiner anhaltend hohen Produktivität, seiner guten Leistungsbilanz, seiner niedrigen Inflation) können auch als Standortvorteile Europas gedeutet werden, selbst im Vergleich mit den USA. Ein paar Spitzenleistungen aus dem High-Tech-Bereich machen noch nicht das Wesen einer gesunden Wirtschaft aus. Gleichwohl gibt es immer auch ein Erstaunen über die Leistungsfähigkeit Europas, das doch mittlerweile den Unernst zum Lebensstil gemacht hat: nicht mehr das Erlebnis des Lebens, sondern nur noch das Erleben des Erlebnisses &150; das grundlose Sich-selbst-Verbrauchen, wie es Peter Sloterdijk sagt.24 Europa scheint vielfach den Durchbruch zum allseits grassierenden Hedonismus geschafft zu haben &150; und insofern viel postmoderner als die USA zu sein.

Trotz schlechter Produktivitätsziffern hält sich der Mythos hartnäckig, dass in den Vereinigten Staaten Effizienz groß geschrieben wird. In Wahrheit ist der Dienstleistungsbereich mit Billigjobs übersät, und deren Inhaber sind mit Recht mürrisch. Sie legen keinen Wert auf den betreffenden Job; fliegen sie hinaus, finden sie an der nächsten Straßenecke einen gleich miesen Job, gerade bei ausreichender Beschäftigungslage. Sie können in diesem oder im nächsten Job nichts werden, warum sollten sie sich also bemühen? Man kann dies an den Kassen der Kaufhäuser beobachten, in den Cafes und Restaurants. Billige Arbeitskräfte sind nicht produktiv, und sie müssen nicht produktiv sein. Verkäufer, Handwerker, Friseure &150; alles eine Glückssache. Wenn im Haushalt etwas nicht in Ordnung ist, tauchen immer dieselben Universalisten auf: als Installateure, Maler, Bodenleger, Schlosser, Fensterreparateure &150; mit einer Arbeitsqualität, wie sie in Europa nur Hohn auslösen würde.

Amerika ist das Land mit einem primitiven Dienstleistungswesen. Der Kunde mag ja König sein; aber die Amerikaner haben mit Königen nach wie vor nichts im Sinn. Amerika hat ein schlecht funktionierendes Bank- und Postwesen; es gibt Umständlichkeiten der Handhabung von Bankgeschäften wie sonst nur in Italien, veraltete Geldausgabeautomaten, noch immer weitgehend die Bezahlung über das ineffiziente Scheckwesen statt über Abbuchungssysteme. Die Chance tendiert gegen Null, einen kompetenten Verkäufer zu finden, der über Produkteigenschaften aufklären könnte: in einem Bekleidungsgeschäft, im Computerladen oder in der Buchhandlung; man kann aber alles zu Hause ausprobieren und unproblematisch zurückgeben. Anrufe verenden über zahlreiche Tastenkombinationen per Computer im elektronischen Gestrüpp. Der Taxifahrer findet die gesuchte Straße nur, wenn man ihm den Weg im Detail beschreibt; er sieht dies auch überhaupt nicht als seine Aufgabe an.

Europa ist immer noch anspruchsvoller, was die Qualifikation von Verkäufern und anderen Dienstleistern betrifft; zum Teil natürlich auf Grund seiner quasi-zünftlerischen Regelungen auf beruflich reglementierten und segmentierten Märkten. Neuerdings werden gewisse Liberalisierungen in diesem Zunftwesen vorgenommen, zumal es sich ja auch verschiedentlich um die Absicherung von Pfründen und Schutzzonen handelt; mehr Wettbewerb kann die Leistungen verbessern, aber mehr Flexibilität kann auch schlechtere Qualität bedeuten, ohne dass die Markttransparenz rationale Entscheidung des Konsumenten erlaubt. Europa ist aber ohnehin im Aufholen, was die amerikanische Ignoranz gegenüber der Qualität betrifft.

6. Die Flexibilisierung der Märkte


Amerikanische Märkte sind flexibler als die europäischen, insbesondere gilt dies für die Arbeitsmärkte. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich allerdings in Europa wie in Amerika in Richtung Flexibilität. Die neue Selbstständigkeit, die Tätigkeit als free lancer &150; das entspricht dem alten amerikanischen Mythos von der Selbstständigkeit.

Richard Sennett (1998) beschreibt diese Welt: die erforderliche Bereitschaft, immer neu anzufangen; den dauernden Wechsel von Jobs, Personen, Kontexten, Qualifikationen; den Menschen im Zustand permanenter Selbstzerstörung, Selbstverwandlung und Selbstschaffung; wer sich nicht anstrengt, ist draußen; mitschwimmen im Drift; die Erfahrung der Bodenlosigkeit; die Notwendigkeit, sich permanent von Neuem beweisen, immer wieder von vorne anfangen zu müssen; den Druck, keinen Durchhänger haben zu dürfen; die Wahrnehmung, nicht mehr im Kreise von Freunden, Bekannten, Vertrauten zu arbeiten; die Schwierigkeit, sich nicht mehr aus seiner Arbeitskompetenz heraus definieren zu können; kurz: den flexiblen Menschen.

Die beiden Modelle &150; USA versus Europa &150; setzen unterschiedliche Akzente.

* Die USA setzen stärker auf Flexibilität, das heißt: Mitarbeiter rasch entlassen, rasch wiedereinstellen; niedrige Einkommensersatzleistungen. Sie setzen damit auf billige Arbeitskräfte und schaffen hohe Beschäftigung. Die Schattenseite: schlechte Produktivität, verzögerte Anpassung. Es gibt eine stete Zufuhr billiger Arbeitskraft durch Immigration, daher setzt man auf extensives Wachstum: keine Qualifizierung der Arbeitskräfte, verlängerte Arbeitszeiten; Einkommenssteigerungen für hochbezahlte Spezialisten, daneben billige Dienstleistungen durch Unqualifizierte. In den letzten Jahren zieht die Produktivität wieder an: erstens auf Grund von Nachholeffekten, zweitens durch Entlassungen, die auf Grund verschärfter Marktlagen trotz hohen Wachstums erforderlich werden.
* Europa hat hohe Löhne, muss deshalb auch auf hohe Produktivitätssteigerung setzen.25 Dass dies gelingt, mag einerseits auf der besseren Zusammenarbeit (etwa ohne ethnische Schranken) beruhen26, andererseits auf einer höheren Motivation der Mitarbeiter (auf Grund der Wahrnehmung eines Reziprozitätsverhältnisses in Form von gift exchange). In den deutschsprachigen Ländern ist aber auch das Bild der Arbeit ein anderes. Die Menschen betrachten ihre Arbeit nicht nur als Job, sondern &150; im Extremfall &150; als &132;Amt&147; (nicht umsonst die umgangssprachliche Einstufung als &132;Bankbeamter&147, und sie haben ihr persönliches Wesen stolz als mit ihrem &132;Amt&147; verschmolzen gesehen. Arbeitslosigkeit ist für sie keine &132;Job-Pause&147;, sondern eine soziale Schande &150; freilich ist auch dies eine Einschätzung mit abnehmender Tendenz.. In weniger flexiblen Arbeitsmärkten haben die Marktpartner jedenfalls ein wenig das Gefühl, &132;in einem Boot&147; zu sitzen, sie fühlen sich mit dem Unternehmen verbunden; bei hoher Flexibilität ist dies &150; ganz rational gesehen &150; nicht der Fall.27

Die Flexibilität geht in zwei Richtungen: auf der einen Seite der Spediteur mit dem eigenem LKW bei seiner ehemaligen Firma, der sich auf eigenes Risiko totfährt; auf der anderen Seite der Software-Entwickler, der mit drei Aufträgen im Jahr mehr verdient als der Manager, der ihm den Auftrag erteilt. Gewinner und Verlierer: Amerikaner haben damit kein Problem, Europäer schon (Luttwak 1999). In manchen Fäller gilt auch: the winner takes all (Frank/Cook 1995) Aber Amerika gibt die Richtung vor, es ist den Europäern ein paar Jahre voraus.

Flexibilität bedeutet auch Unsicherheit. Der Einzelne ist besser oder schlechter abgesichert, abhängig davon, wohin ihn die Marktströmungen treiben, denn der Staat hält sich zurück. Für atypische Arbeitsverhältnisse ist es typisch, dass sie kaum Schutz bieten gegen Krankheit, Alter und Schwangerschaft, schon gar nicht bezahlten Urlaub oder Fortbildung &150; wohlfahrtsstaatlicher Ballast wird in diesen Jahren abgeworfen. Arbeit ist dann oft nicht nur das halbe Leben, sondern das ganze. In kleineren Unternehmen gibt es keine Sicherungen, in größeren schon. Höher Qualifizierte können sich ihre private Versicherung leisten, weniger Qualifizierte nicht. Und sicher ist gar nichts: Nächste Woche kann man aus dem Job fliegen, und im nächsten Monat kann es sein, dass man wegen einer Magenoperation das Haus verkaufen muss.

Empirische Daten zeigen, dass es kein Idealmodell gibt. Niedrige Arbeitslosenraten finden sich in wirtschaftsliberalen Ländern wie den USA, in sozialdemokratisch-korporatistischen Ländern wie Österreich, in den Niederlanden oder Skandinavien. Es sind Länder mit hoher und niedriger Erwerbsquote, mit hoher und niedriger Teilzeitarbeit, mit niedriger Armutsquote wie in Europa oder mit hoher Armutsquote wie in den USA. Der Vergleich zwischen den europäischen (oder österreichischen) Daten und den amerikanischen Daten lässt zwar die jeweiligen Konturen erkennen, ist aber im Hinblick auf ordnungspolitische Fragen nicht aufschlussreich.28


Aber es gibt noch eine fundamentalere &132;Systemfrage&147;: die Frage nämlich, inw

#55   http://www.beepworld.de/members44/palastikkuh/index.htm26.05.2005 - 22:18
http://www.beepworld.de/members44/palastikkuh/index.htm

#54   http://briefeankonrad.tripod.com/26.05.2005 - 21:47
http://briefeankonrad.tripod.com/

#53   ffffffff26.05.2005 - 21:24
Anbetung

Verstehen wir wirklich,worin der eigentliche Sinn der eucharistischen Anbetung besteht?

Sie ist eine kultische Handlung,mit der wir in der Gegenwart Christi,der sein Leben für uns hingegeben hat,unserm Staunen Ausdruck verleihen.Wir stauen über seine grenzenlose Liebe,derer wir nicht würdig sind und mit der er uns dennoch aus grenzenloser Barmherzigkeit in unserer Armseligkeit beschenkt.

Die eucharistische Anbetung ist "Kult" und "Kultur" im tiefsten Sinn des Wortes.Wer von Kultur und der notwendigen Vorraussetzung von Kultur spricht,meint damit,daß es bestimmte Grundhaltungen zu "kultivieren" gilt,ohne die eine wirkliche und das Leben prägende Kultur nicht bestehen kann.Die eucharistische Anbetung ist nun genau die Kultivierung der Haltungen der Demut,der Gesinnung der Armut,der Dankbarkeit und der Danksagung (wie die wörtliche Übersetzung von "Eucharistie" lautet).Sie ist das von Verwunderung und Staunen erfüllte Dankgebet angesichts der Gabe Gottes.

Diese in der eucharistischen Anbetung kultivierten Haltungen helfen uns dann auch,die heilige Messe und die Kommunion tiefer und fruchtbarer zu erleben.Man könnte den Gedanken sogar noch ausweitenie eucharistische Anbetung ist nicht nur dafür von Bedeutung,daß die Eucharistie ins uns die Wirkung entfalten kann,sondern auch dafür,daß die Worte Gottes in uns wirksam werden kann.Dieses Wort ist eine Gabe,die immer auch etwas von der Unvorhersehbarkeit Gottes einschließt und für uns Unvermutetes bereit hält.Es erweist sichals lebendiges Wort,das uns ,wenn wir wirklich hinhören,immer wieder Neues zu sagen hat.

ALTER

Das Alter bringt den Menschen in eine ernste und schwierige Situation.Es konfrontiert uns mit einem grundlegendem Problem,das mit dem menschlichen Leben gegeben ist.In den unvergesslichen Worten aus dem letzten Kapitel Kohelet wird dies so ausgedrückt:"Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren,ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen,von denen du sagen wirst:Ich mag sie nicht!"(Koh 12,1).Dieser Text der Bibel drückt drastisch aus,welcher Ernst im Altwerden des Menschen liegt.Altwerden ist nicht reduzierbar auf das Voranschreiten der Zahl der Jahre.Es besteht vielmehr in dem Drama,daß jeder von uns erlebt oder erleben wirdas die körperlichen Kräfte nachlassen und sich die Widrigkeiten und Gebrechlichkeiten verfielfachen.Das damit verbundene tiefe Leid ist oft nur schwer nachvollziehbar.

Bewältigt werden kann dieses Drama nur von dem Betroffenen selbst.Es gibt keine äußerliche Hilfe,die die verzweifelung der Alten verhindern.Jeder muß für sich aus seinem eigenem Inneren neue Lebenskraft schöpfen und sich dem ewigen und endgültigen Werten zuwenden.Nur so lassen sich die Widerwärtigkeiten überwinden und der Schmerz des Schwindens der vergänglichen Worte ausgleichen.

Die Menschen müssen begreifen lernen,daß es möglich ist,neue Kraft zu schöpfen,auch wenn man, in Begriffen der Effizienz,unvermeidlich an "Schlagkraft" verliert.Weisheit und Reife sind beständige Werte.

Es ist äußerst schwierig,den Menschen mit gehaltvollen Worten zu helfen,aber wir sollten den Mut dazu aufbringen .Grobe Worte sind fehl am Platz,aber ebensowenig hilft billiger Trost.Wir müssen die Mitte finden,das Wort,das von der Liebe getragen ist.Wir müssen das Wort finden,das feinfühlig den springenden Punkt trifft und den Betroffenen aufatmen läßt.Er befindet sich in einer dramatischen Situationen,die für den Außensthehenden nur schwer nachvollziehbar ist.Vielleicht kann man sie mit der Situation Jesu im Garten Getsemani vergleichen.Es ist die Situation,in der ein Mensch vor die Entscheidung gestellt wird,ob er sein schweres Schicksal annimmt.

Almosen

Wir sollten den Wert des Almosens wiederentdecken.

Ich verstehe darunter die spontane Hilfe,die nicht den Anspruch erhebt,einen Problemfall umfassebd zu lösen,sondern das tut was im Augenblick möglich ist.Natürlich kann ein solches Handeln verdeutig sein.Womöglich fördert es beim Empfänger Arbeitsscheu und Unredlichkeit,während es beim Geber das Gewissen beruhigt,ohne das er sich ernsthaft mit dem Problem befasst.Wer Almosen gibt,sollte also die Situation ganz realistisch einschätzen.Vor allem aber darf das Almosen nicht zum Ersatz werden für eine gründlichere und wirkungsvollere Lösung.Dann ist das Almosengeben,auch wenn die Risiken nicht zu leugnen sind,reich an Werten.

Wer Almosen gibt,läßt erkennen,daß er die Wirklichkeit sieht,wie sie ist:

Es gibt auch in unserer Gesellschaft Fälle von Armut,die mit Sozialpolitik nur schwer zu erfassen und zu beheben sind.Ja, es sind gerade bestimmte Mechanismen unserer Fortschritts und Wohlstandskultur,die zur Folge haben,daß Menschen ausgegrenzt,gesellschaftlich an den Rand gedrängt oder sogar asozial werden.Selbstverständlich muß etwas unternommen werden,die Mechanismen so zu verändern,daß sie nicht von sich aus negative Ergebnisse hervorbringen,und wenn sie doch eintreten,muß alles getan werden,daß ihnen sozialpolitisch abgeholfen wird.Es muß aber auch schon vorher etwas getan werden.Was von Fall zu Fall getan werden kann,gibt die Nächstenliebe zu erkennen.

In diesem Tun von Fall zu Fall,das sehr gut weiß,daß viel mehr getan werden müßte,zeigt sich ein weiterer Wert des Almosens:Almosengeben ist eine prophetische Handlung,die zugleich eine mahnende und erzieherische Wirkung hat.Es macht deutlich,daß keine irdische Gesellschaft,wie vollkommen sie auch organisiert sein mag,alle Probleme zu lösen kann.Allein Gott wird beim Kommen seinrs Reiches alle Tränen trocknen und alle Trauer und jedem Schmerz ein Ende bereiten.Insofern mahnt uns das Almosen,den Brüdern und Schwestern in Demut gegenübertreten.Wir sollten nicht meinen,über ihnen zu stehen,sondern sie um Verzeihung bitten,daß wir nur so wenig für sie tun können.Damit lernen wir dann auch,den wahren Wert der Nächstenliebe zu begreifenie Nächstenliebe hat ihren Wert nicht nur und auch nicht hauptsächlich in den Früchten,die sie bringt.Sie ist in sich und für sich selbst wervoll.

#52   http://www.20six.de/Elisabeth1/weblogCategory/1unr33nphhsetHomepage26.05.2005 - 21:20
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#51   dddddddd26.05.2005 - 21:16
Carlo Martini: In Heppenheim mit Medaille "Frieden durch Dialog" geehrt

ICCJ würdigt Verdienste des Mailänder Erzbischofs um das interreligiöse Gespräch

Vortrag über das gemeinsame Bemühen der Religionen um Gerechtigkeit und Frieden

Heppenheim. Für seine Verdienste um das interreligiöse Gespräch ist der Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini (71), vom Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ) mit der Medaille "Frieden durch Dialog" (Interfaith Gold Medallion "Peace through Dialogue" geehrt worden. Der Schirmherr des ICCJ, Sir Sigmund Sternberg, London, überreichte die hohe Auszeichnung im Kurfürstensaal des Amtshofes Heppenheim. Dort hielt Martini, der einer der Ehrenpräsidenten des ICCJ ist, einen Vortrag zum Thema "Gemeinsames Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden". Zuvor hatte er ein Gespräch mit dem Exekutiv-Vorstand des ICCJ im Martin Buber-Haus in Heppenheim geführt, an denen auch der Bischof von Mainz und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Karl Lehmann, teilnahm.

Sternberg unterstrich, daß damit die Verdienste Martinis im Gespräch zwischen Christen und Juden und im Verhältnis zu anderen Glaubensgemeinschaften anerkannt werden sollten. Mit dieser Anerkennung solle die weitere segensreiche Zusammenarbeit bekräftigt werden. Vor zahlreichen Gästen, unter ihnen der frühere Präsident des ICCJ, Prof. Dr. Martin Stöhr, und der Leiter des Muslim College in London, Scheich Dr. Zaki Badawi, betonte der Präsident des ICCJ, Oberrabbiner David Rosen, Jerusalem, Martini erhalte die Auszeichnung, die bisher erst wenigen verliehen wurde, für seinen Einsatz, daß sich die Kinder Abrahams einander annähern konnten. Kürzlich war auch der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Edward Cassidy, mit der Medaille geehrt worden.

Martini erklärte in seinem Vortrag, daß für jeden Menschen das Haus ein "Symbol des Dialogs" sei, zum Beispiel des Dialogs in der Familie, mit den Mitmenschen und mit Gott. Für das Martin Buber-Haus in Heppenheim gelte das in besonderer Weise. Es sei wertvoll als Zeichen der Hoffnung und als Sitz einer Institution, des ICCJ, die einen sehr bedeutungsvollen Dialog für die Menschheit der Gegenwart fördere. Die ungeheure Tragödie des Zweiten Weltkrieges und im besonderen der Abgrund des Bösen der Shoa hätten in vorher nie dagewesener Weise gezeigt, "wie hinfällig der Weg des Menschen in der Geschichte ist und für welche Irrtümer wir Verantwortliche und Mittäter sein können". Im Blick auf die Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts, vom Völkermord an den Armeniern bis zu ethnischen Säuberungen in Europa und den Massakern in Zentralafrika könne man sagen, daß das Maß des Mitleidens und der Solidarität immer mehr zur Chiffre werde, "die die Reife einer Person anzeigt, ihre Fähigkeit, sich dem Bösen mit dem Guten entgegenzustellen".

Martini unterstrich, daß es heute, 50 Jahre nach der Shoa, in der Welt ungeheure Zonen des Elends gebe: moralisch wie materiell, in West und Ost, im Norden und im Süden. Diese Situation sei verschlimmert durch die Ausnutzung des Elends durch kriminelle Handelssysteme von Drogen, Waffen und Prostitution und darüber hinaus durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. In dieser Situation müsse der Welthandel von einem allgemeinen ethischen Streben sowie von sozialem und bildungsmäßigem Engagement getragen sein. Gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart bleibe es für Christen, Juden und Muslime eine Aufgabe von ungeheurer Dimension, Gott "Schulter an Schulter" zu dienen und gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit zu arbeiten, betonte Martini. Auch das große Jubiläum des Jahres 2000 bringe wieder nachdrücklich den Plan der Erlösung ins Gespräch, den Gott in der Geschichte vollbringen wolle.

Zum Verhältnis von Christen und Juden erklärte Martini, die leidenschaftliche und engagierte Liebe von Gott, dem Vater, offenbare sich besonders für Israel. Die Christen könnten darin das väterliche und mütterliche Antlitz wahrnehmen, "in dem wir der Bibel der Juden in Meditation und Gebet begegnen, die unsere Kirche mit Demut und Dankbarkeit als das erste Heilige Buch annimmt". Über diese spirituelle Dimension der Verbundenheit hinaus sei für die gegenseitigen Beziehungen die ethische Dimension von größter Bedeutung. In der gemeinsamen Verantwortlichkeit für das Heil der Welt und der Menschheit seien Israel und die Kirche nicht allein, sondern in einer weltweiten Gemeinschaft des Zeugnisses des Gebetes für den Frieden verbunden, die Papst Johannes Paul II. 1986 in Assisi zusammengerufen habe. Die großen religiösen Traditionen der Menschheit seien noch immer Inspiration für die Suche nach Frieden, bekräftigte er. In diesen Spannungsbogen füge sich auch das kühne und beharrliche Engagement des ICCJ ein. Nachdrücklich stellte Martini fest, daß der interreligiöse Dialog nicht zum Vorwand für Verurteilung, Kritik und Bann werden dürfe. Es werde für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums im nächsten Jahrtausend bestimmend sein, "in welcher Weise wir versuchen, die schweren Irrtümer und Vorurteile der Vergangenheit zu vermeiden und Heilmittel anzuwenden". Der wahrhaftige Dialog zwischen Juden und Christen sei ein Hoffnungszeichen für den universalen Dialog in der Welt. Das bevorstehende Heilige Jahr 2000 habe nach den Worten Papst Johannes Paul II. eine "aufrichtige Prüfung des Gewissens" und eine besondere Hervorhebung der ökumenischen und interreligiösen Frage gebracht.

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